Mythos Geschichte

Willy ist ein Mythos. Wer daran zweifelt, müßte wohl aus den einschlägigen Diskurszirkeln des Kulturbetriebs ausgeschlossen werden. Und wer daran zweifelt, daß dieser unser vierter Bundeskanzler einzig aufgrund seiner Gewissensbisse, seiner Einsamkeit, seiner Melancholie und der bösen Ranküne von Wehner und Schmidt und nicht etwa auch aus anderen Gründen zurückgetreten ist, der muß sich erst recht schon ziemlich deplaziert fühlen. Michael Frayn, einer der erfolgreichsten englischen Theaterautoren, der Anspruch unterhaltsam vermitteln kann, hat mit „Der nackte Wahnsinn“ eine Komödie vom Feinsten geschrieben und mit „Kopenhagen“ Niels Bohr und Werner Heisenberg in beeindruckende Diskussionen verfrachtet. Und nun also Willy Brandt. Für viele Londoner Westend-Zuschauer war’s ein eher fremdes Spektakel, um das sich das neueste Frayn-Stück dreht. Schließlich reicht das Verständnis des durchschnittlichen Engländers für deutsche Angelegenheiten nicht sehr weit. Aber der 1913 in Lübeck geborene Polit-Liebling hält spätestens nach dem Warschauer Kniefall und den Guillaume-Ärgernissen genug Stoff für TV- und Bühnen-Adaptationen bereit. Oliver Storz‘ ARD-Verfilmung vom letzten Jahr hat den Kanzler schon in düster-verhangenem Dekor als getriebenen Einsamkeitsmenschen erscheinen lassen. Auch Frayn hält sich da nicht zurück, fokussiert freilich nicht nur die Affäre des Jahres 1974, sondern chronologisiert die gesamte Brandt’sche Bundeskanzler-Ära. „Onkel Herbert“ ist natürlich der pfeifenrauchende Strippenzieher, der übellaunige Asket, der zynische Machtverwalter, als der er in sämtlichen künstlerischen Wiedergaben zu erscheinen hat. Helmut Schmidt ist der kühl argumentierende Machtmensch, der Aspirant auf höhere Posten, der atlantische Großsprecher, als der er nun offensichtlich ausschließlich porträtiert werden muß. Insofern stimmen auch angelsächsische Bühnen-Vorstellungen mit deutschen Geschichts-Dimensionen zusammen. Günter Guillaume taucht denn stückübergreifend als Nobody im Brandt’schen Schatten auf, bringt sich überall ein, dienert, wo er nur kann. Sein Stasi-Offizier ist ein aalglatter Polit-Funktionär, der freilich Brandt am Ende des Stückes doch noch für einen „großen Mann“ hält. Auf Bahr und Scheel hat Frayn aus „dramaturgischen“ Gründen ganz verzichtet, dafür darf Genscher ein wenig schimpfen. Die Oppositionspolitiker kommen eh nur als düstere Menetekel im Polit-Geplauder vor. Von Rainer Barzel ist nur ein einziges Mal die Rede. Und vom damals tatsächlich tödlich an Krebs erkrankten CSU-Politiker Freiherr Guttenberg wird einem anläßlich des Mißtrauensvotums 1972 in der deutschen Übersetzung gesagt, daß er „nah am Abnippeln“ sei. Fraglich, ob Frayn bei einem Stück, das 20 Jahre später spielt, auch von Brandt in ähnlicher Weise gesprochen hätte. Brandt auf ewiger Flucht vor der doppelten Existenz. Der frühere Herbert Frahm auf namenloser Odyssee durch die Zeitgeschichte, Brandt ist das Opfer. Das ist eine Geschichtslegende, die auch Frayn geschickt wieder zu benutzen weiß. Sie gibt die depressiven Charakterzüge des fünf Jahre amtierenden Kanzlers zweifelsohne wieder, rückt ihn aber auch in die Rolle des Unschuldslammes, taucht den in den 1980er Jahren machtbewußt seine ostpolitische Dogmatik auch gegenüber Genossen rücksichtslos verteidigenden SPD-Vorsitzenden in allzu helles Licht. Ein dramaturgisch gelungenes Stück ist es freilich trotz allem, eines, das in den Dialogen zwischen Guillaume und seinem Stasi-Offizier, in den Polit-Gehadern zwischen den Bonner SPD/FDP-Akteuren manche Pointe aufblitzen läßt. Die bekannten öffentlichkeitswirksamen Brandt-Malaisen Whiskey und Frauen werden häufig angesprochen. Felix Prader hat das Frayn-Stück in deutschsprachiger Erstaufführung auf die Bühne des Berliner Renaissance-Theaters gebracht. Im nüchternen Bühnenbild von Werner Hutterli agieren die Schauspieler so unaufgeregt und um Realismus bemüht, wie es vom Polit-Doku-Stück seit den 1960er Jahren wohl verlangt wird. Gleichwohl wirkt es. Peter Striebeck gelingt eine ehrliche und unprätentiöse Brandt-Darstellung. Tilo Nest, optisch keineswegs an Guillaume erinnernd, begibt sich betont unauffällig, mit klugen Zwischentönen in die Rolle des Überläufers. Michael Hanemann ist der gegenüber dem Vorbild zwar gedrungenere, gleichwohl nölend-aggressive Wehner-Wiedergänger, rauchend und grummelnd. Auch für Nicht-Genossen ein aufschlußreicher Abend. Politische Übereinstimmung wird nicht gefordert. Das Stück „Demokratie“ ist bis zum 23. Juni im Renaissance-Theater, Knesebeckstr. 100, 10623 Berlin, zu sehen. Foto: Brandt (P. Striebeck), dahinter Wehner (M. Hanemann)

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