Wirren um ein Wahrzeichen

Darf man ein Kirchengebäude ohne den Segen der Amtskirche bauen? Auf diese Frage läßt sich ein Streit reduzieren, der derzeit alle bewegt, denen das historische Potsdam und sein Wiederaufbau nach den verheerenden britischen Bombenangriffen vom 14./15. April 1945 am Herzen liegt. Konkret geht es darum, ob und unter welchen Bedingungen die Garnisonkirche, deren Ruine Walter Ulbricht 1968 aus Abneigung gegen das Christentum wie gegen Preußen sprengen ließ, wiederhergestellt wird. Daß diese Chance überhaupt besteht, ist vor allem einem Mann zu verdanken. Max Klaar, damals Oberstleutnant und Kommandeur eines Fallschirmjägerbataillons in Iserlohn, begann in den achtziger Jahren Geld zu sammeln, um das berühmte Glockenspiel der Garnisonkirche mit der Melodie „Üb immer Treu und Redlichkeit“ zu rekonstruieren. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen. Das Glockenspiel stand schon 1988 auf dem Kasernengelände. Klaar verfügte, daß es nach der Wiedervereinigung nach Potsdam überführt wird. Diese damals wenig zeitgeistkonforme Absicht wurde auch in der Bundeswehr milde bis höhnisch belächelt. Dennoch war es drei Jahre später soweit. Seitdem ertönt das weltberühmte Glockenspiel wieder regelmäßig an der alten Stelle. Da immer noch Gelder eingingen, wurde die 1984 in Iserlohn gegründete Traditionsgemeinschaft Potsdamer Glockenspiel (TPG) zu einem Kirchbauverein umgewidmet. Der Verein hat bislang fast sechs Millionen Euro aufgebracht. Damit könnte zumindest der Bau des einst für Potsdam so charakteristischen Turms begonnen werden. Klaar und seine Mitstreiter sind sicher, die noch fehlenden rund 4,5 Millionen Euro ohne große Probleme entsprechend dem Baufortschritt einsammeln zu können. Der Eigentümer des Grundstücks ist bereit, es kostenlos zur Verfügung zu stellen. Die Stadt hat die nötigen baurechtlichen Genehmigungen in Aussicht gestellt. Klaar hatte ursprünglich keinen Zweifel, daß die Evangelische Kirche die Trägerschaft der aufgebauten Kirche übernimmt. Die zahlreichen Gespräche, die in den vergangenen Jahren geführt wurden, haben die Amtskirche und den finanzierenden Verein aber immer mehr entzweit. Für die Geldgeber war klar, daß die Garnisonkirche als Symbol des christlichen Preußens wieder originalgetreu entstehen muß. Damit ließ sich die Absicht Potsdamer Kirchenvertreter nicht vereinbaren, am Turm ein Nagelkreuz wie jenes zu installieren, das im englischen Coventry aus den Nägeln des verbrannten Dachgebälks der beim deutschen Bombenangriff am 14./15. November 1940 zerstörten Kathedrale geschmiedet wurde. Weiterhin wurde erwogen, in dem Bau, der ja als Gemeindekirche mangels einer Gemeinde nicht benötigt wird, ein Beratungszentrum ausgerechnet für Kriegsdienstverweigerer einzurichten. Die eher konservativen Geldgeber des Vereins befürchten weiterhin, es würden auch Homosexuelle in der Kirche getraut werden. Dagegen wollen sie sich mit einem Schenkungsvertrag absichern, den die Amtskirche wiederum als unzumutbar ablehnt. Mit dieser Situation hatte sich die Jahresversammlung der Traditionsgemeinschaft am Wochenende zu beschäftigen. Sie stärkte ihrem Vorstand den Rücken und widerlegte damit den Potsdamer Superintendenten Bertram Althausen, der versucht hatte, Keile zwischen den Vorstand und die Mitglieder zu treiben. Der Versuch ist gescheitert. Die Mitglieder faßten einstimmig ohne Enthaltungen einen Beschluß, der sich primär an die Stadt Potsdam richtet. Der Verein erneuert sein Angebot, „den Turm der Potsdamer Garnisonkirche als Denkmal und Symbol für das christliche Preußen sowie für seinen Erbauer, Friedrich Wilhelm I., gänzlich originalgetreu wieder herzustellen.“ Er solle so genutzt werden, „wie es dieser Zielsetzung entspricht“. Weiterhin heißt es, die Traditionsgemeinschaft betrachte den Aufbau des Turms „als ersten Schritt zur Wiedererrichtung der gesamten Garnisonkirche. Alle Fragen ihrer kirchlichen Nutzung sollen im Vollzug der Fertigstellung des Kirchenschiffes entschieden werden.“ Der letzte Satz müßte es der Stadt Potsdam gestatten, baurechtlich grünes Licht zu geben. Er präjudiziert nichts. Bis es soweit ist, könnte der Turm als Gedenkstätte für den preußischen Widerstand gegen Hitler benutzt werden. Es bleiben die Unterschiede in der Bewertung der historischen Rolle Preußens. Wer Preußen als Hort des Militarismus und des reaktionären Junkertums betrachtet und im „Tag von Potsdam“ 1933 mit der Begegnung zwischen Hitler und dem Reichspräsidenten von Hindenburg in der Garnisonkirche nur den logischen Übergang Preußens in den Faschismus zu erkennen vermag, muß prinzipiell gegen den Wiederaufbau sein. Diese Geschichtsbetrachtung findet Anhänger in der evangelischen Kirche wie auch in den Parteien – mehr in PDS und SPD, weniger in der CDU. Sie sind allenfalls aus städtebaulichen Gründen für den Wiederaufbau. Die Traditionsgemeinschaft sieht das grundsätzlich anders. Sie verweist auf den Widerstand vom 20. Juli 1944, auf preußische Toleranz in religiösen Fragen, auf die Abschaffung der Hexenverbrennung durch Friedrich Wilhelm I. Man wird sehen, ob das Interesse an der historischen Potsdamer Silhouette die fundamentalen Meinungsverschiedenheiten überbrücken kann. Für den Wiederaufbau der Garnisonkirche ist die Zustimmung der evangelischen Amtskirche jedenfalls nicht erforderlich. Als Eigentümer des Gebäudes kommen verschiedene Institutionen in Betracht, zum Beispiel der Johanniter-Orden oder die bereits existierende Stiftung preußisches Kulturerbe. Sollte eine Einigung mit der Stadt auf dieser Basis nicht möglich sein, will die Traditionsgemeinschaft die gesammelten Gelder an die Spender zurückzahlen oder für andere geeignete Vorhaben verwenden.

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