„Mehr als gewagt“

Herr Dr. Kappel, die „FAZ“ berichtete in der vergangenen Woche wiederholt, Jürgen Möllemann bereite die Gründung einer eigenen Partei vor. Sie haben einst selbst die Liberalen verlassen, um mit der FDP-Abspaltung „Bund Freier Bürger“ Politik zu machen. Welchen Rat würden Sie Jürgen Möllemann geben? Kappel: Erstens, nicht den Fehler zu begehen, zu glauben durch hysterische Abgrenzung gegenüber den Buhmännern der Etablierten, die aber de facto Möllemanns Initiative zustimmen, Wohlwollen bei Presse und Establishment zu finden. Zweitens, erst den Laden solide aufbauen und sicherstellen, daß man die Partei organisatorisch im Griff hat, bevor man sich der ersten politischen Bewährungsprobe, also einer Wahl, stellt. 1956 spaltete sich das erste Mal eine neue Partei von der FDP ab, ohne Erfolg. Auch alle weiteren Versuche, einschließlcih des BFB, scheiterten. Hätte Möllemann denn überhaupt eine Chance, sollte er es tatsächlich versuchen? Kappel: Voraussetzung dafür ist, ein Thema zu finden, mit dem man sich gegenüber den etablierten Parteien profilieren kann. Ich kenne Herrn Möllemanns Pläne nicht, aber mit einem ähnlichen Programm wie die Etablierten es haben, allein mit dem Unterschied, sich eines populistischen Stils zu bedienen, halte ich einen etwaigen Versuch für mehr als gewagt. Wäre die Möllemann-Partei eine Bereicherung oder eine Konkurrenz für das parteipolitisch nonkonforme bürgerliche Lager in Deutschland? Kappel: Möllemann war bislang eher ein sozialliberaler Politiker. Nun kommt es darauf an, ob er – wenn überhaupt – populistisch-patriotisch oder nur populistisch antreten wird. Ist er nur populistisch, spielt es keine Rolle, wie heiß das Eisen ist, das er anpackt – ob Kriminalität oder Arbeitslosigkeit -, bevor er sich versieht, werden die Etablierten nachgezogen haben, und er verliert das Thema wieder. Schill hat erlebt, daß dieses Konzept nicht aufgeht. Der einzige Bereich, den die Etablierten scheuen wie der Teufel das Weihwasser, ist die patriotische Komponente. Nur hier gibt es eine Chance. Oder auch nicht, wie die Zahl der gescheiterten Projekte zeigt. Kappel: Ich glaube, daß es langfristig durchaus eine politische Chance für diese Themen gibt. Die Globalisierung, die Eurokratie, die Aufgabe der nationalen Interessen oder auch die undifferenzierte „Vergangenheitsbewältigung“ sind Beweggründe genug, im patriotischen Sinne eine beachtliche Zustimmung im Volk zu finden. Wenn Möllemann überhaupt eine Chance haben will, dann nur da! Das habe ich ihm in einem Schreiben auch bereits dargelegt und eine Zusammenarbeit angeboten. Dabei bin ich bereit, wenn es um die Sache geht, ins zweite Glied zurückzutreten. Bislang arbeiten Sie am Wiederaufbau der altehrwürdigen Deutschen Partei (DP), die politischen Erfolgsaussichten sind allerdings minimal. Kappel: Ich glaube, daß wir mit unserem freiheitlichen, wertkonservativen und patriotischen Programm langfristig durchaus das richtige Profil für die Zukunft haben. Ich habe aber aus dem Scheitern des „Bund freier Bürger“ gelernt, daß gründliche Aufbauarbeit unabdingbar ist. Aktionismus schadet nur. Wir sind jetzt soweit, daß wir im Mai in Bremen zur Bürgerschaftswahl antreten können. Dort werden wir, dessen bin ich sicher, einen Fortschritt erzielen. Dr. Heiner Kappel , 64, war von 1991 bis 1997 stellvertretender Fraktionsvorsitzender der FDP im Hessischen Landtag. 1998 trat er zur nationalliberalen FDP-Abspaltung „Bund Freier Bürger“ über. Nach dessen Auflösung wurde er 1999 Vorsitzender der seit 1866 bestehenden Deutschen Partei. weitere Interview-Partner der JF

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