Joachim Kuhs

 

Sperrfeuer um den Bayreuther Meister

Der Hamburger Publizist Joachim Köhler hat die nicht nur auf dem deutschen Buchmarkt ungewöhnlich erfolgreiche Reihe seiner Wagner-Veröffentlichungen mit einem Großwerk gekrönt, das den Bayreuther Meister zum „letzten der Titanen“ erhebt. Klänge es nicht so unangenehm pathetisch, wäre mit „titanisch“ zunächst Köhlers eigene Leistung zu charakterisieren, auf knapp 900 Seiten Leben und Werk eines Genies darzustellen, dessen „Leiden und Größe“ (Thomas Mann) Biographen in den verflossenen 120 Jahren, seit seinem „Tod in Venedig“ am 13. Februar 1883, umschwärmt haben wie Motten das Licht. Zumal nach dem ziegelsteindicken Wälzer, den Martin Gregor-Dellin 1980 dem Publikum zugemutet hat, schien für Köhler nur Wiederholung oder Variation übrigzubleiben. Tatsächlich betritt er im Materiellen auch kein „Neuland“, wie die Verlagswerbung etwas vollmundig verspricht. Trotzdem hat Köhler, hierin ist den Vermarktungsfachleuten des Claasen Verlages allerdings uneingeschränkt zuzustimmen, „die erste Wagner-Biographie von Rang seit zwanzig Jahren“ geschrieben. Gelungen ist ihm das, nicht weil er neue Quellen erschlossen hätte, sondern – auch auf der Basis der seit 1980 hinzugekommenen Brief- und Tagebucheditionen aus dem Hause Wahnfried – weil er originelle Deutungen anbietet. Daraus und aus Köhlers erzählerischem Talent ergibt sich der „Rang“ seiner Leistung. Im Vergleich mit Gregor-Dellin ist er entschieden weniger „wagnerianisch“, weicht also viel bestimmter von Interpretationen ab, die noch auf Cosima Wagners Kanonisierungen zurückgehen. Ein gutes Beispiel dafür bietet Köhlers „Parsifal“-Deutung. Dieses Bühnenweihspiel, Wagners letzte Opern-Dichtung, sei nicht auf die „christlich-schopenhauerische Exegese“ zu reduzieren, die seine Witwe als verbindlich fixieren wollte. Entscheidend sei statt dessen die musikalisch-dramatische Inszenierung der Metaphysik der Geschlechter, wonach die wahre Erlösung der Menschheit in der Vereinigung von Mann und Weib liege – „was sich nicht auf deren periodisches Paarungsverhalten“ beziehe, „sondern auf die Verschmelzung ihrer Gegensätze“. Diese hochspekulative Geschlechterphilosophie, die selbst ein Bewunderer wie Thomas Mann arg ignorant als „monistischen Weltenträtselungsdünkel“ Richard Wagners verspottet hatte, führt Köhler letztlich auf die Anthropologie des hegelianischen Religionskritikers Ludwig Feuerbach zurück, und er macht sogar plausibel, daß Schellings Vorgabe von der „seligen Unentschiedenheit“ im „goldenen Zeitalter“ der Menschheit hier nachwirke. Als geschichtsphilosophischer Subtext läßt sich so aus den Wagnerschen Bühnendichtungen ein hinreichend utopisch-revolutionärer Gehalt herauslesen, der das „Gesamtkunstwerk“ zum „Vorschein“ der großen Harmonie stilisiert, die nach dem Ende des zur entfremdeten Existenz verdammenden, „entzweienden“ Kapitalismus ausbrechen werde. Nicht zufällig war Wagner ein nur um fünf Jahre älterer Zeitgenosse von Karl Marx, der seine Erlösungshoffnungen nicht auf künstlerisch vermittelte seelische „Regeneration“, sondern auf das klassenkämpferisch herbeizuführende Ende der Ausbeutung richtete. Es steckt also offenkundig eher „viel Marx“ und nicht, wie Thomas Mann in der Emigration behauptete, „viel Hitler“ in Wagner. Was die politische Philosophie des Tonsetzers und Langstreckenlesers, der 1848 in Dresden auf den Barrikaden stand, den zuvor eifrig rezipierten Jungdeutschen, Linkshegelianern, Anarchisten und Frühsozialisten verdankt, ist ja hinlänglich erforscht. Insoweit kann Köhler solche Einzelstudien nur zusammenfassen. Dabei verschwindet die geschichtsphilosophisch-politische Kontur leider ein wenig hinter ausufernden psychoanalytischen Unterstellungen, die den leidigen, 1821 verstorbenen Wagner-Stiefvater/Vater Geyer und andere frühkindliche Schreckensmächte immer dann zur Erklärung heranziehen, wenn Sigmund Freud oder Woody Allen das auch getan hätten. Dieser Hang zum Psychologismus verharmlost, um nicht zu sagen entpolitisiert viele Einsichten, die Köhler mit Hilfe seines die Musikdramen wie die Schriften des Meisters dechiffrierenden Universalschlüssels, der These von der alles beherrschenden Geschlechtermetaphysik, gewinnt. Dieser exzessive Psychologismus bietet überdies wenig Schutz gegen die Versuchung, mitunter gänzlich, auch sprachlich, auf das Niveau der Sensationspresse abzugleiten, etwa dann, wenn Köhler sich Wagners Vorlieben für weibliche Reizwäsche widmet – die der Kompositeur gern selbst getragen habe. Natürlich sind solche Blicke ins „Menschlich-Allzumenschliche“ dem biographischen Genre geschuldet. Wer davon nichts hält, greife zu Peter Hofmanns Untersuchung über Wagners politische Theologie. Hofmann, Jahrgang 1958, Priester, Privatdozent und Hochschulseelsorger, ist 2001 bereits mit einer strukturell ähnlichen ideengeschichtlichen Studie über „Goethes Theologie“ auf den Plan getreten. Anders als Köhler ist Hofmann als Philosoph und Theologe also „vom Fach“, und er kennt die „großen Texte“ des 19. Jahrhunderts wirklich aus eigener Lektüre, während Köhler sich nie ganz vom Verdacht befreien kann, ein geschickter Kompilateur zu sein. Solche Professionaliät scheint Hofmann gleich eingangs mit kühnen Ankündigungen bewähren zu wollen. Ähnlich wie Siegfried den „feuerumwaberten Walkürefelsen“ durchschreitet, will er durch das „Sperrfeuer um Wagner“ brechen, das die Geschichte der Deutungen von Nietzsche an bestimme, das über Thomas Mann und Theodor W. Adorno bis zu den aktuellen Diskussionen über den „Antisemitismus“ des missionarischen Titanen und dessen angeblich zentrale Rolle als Herold Adolf Hitlers den Zugang zum „wahren“ Wagner verhindere. Die apologetische wie ideologiekritische Polemik will Hofmann dabei hinter sich lassen. Das hört man gern, zumal Köhler die politische Brisanz des Themas „Wagner und das Judentum“ psychologisch-sozialpädagogisch auf „Vorurteile“ reduziert, um die antijüdischen Auslassungen des Komponisten der „Verbiesterung“ zuzuschreiben, die letztlich in seiner von Cosima geschürten „Kinderangst“ wurzle, „die überall die jüdische Verschwörung“ gewittert habe. Hofmann setzt hier tiefer an. Zunächst einmal bei der scheinbar banalen Überlieferungsproblematik. Bis heute gibt es keine historisch-kritische Edition der Schriften Wagners. Kein Wunder, wenn gerade in Sachen „Wagners Antisemitismus“ munter mit den ewig-en gleichen Zitaten jongliert wird. Hier klagt Hofmann zu Recht ein: „Gerade wenn die ‚Politische Theologie‘ des Nationalsozialismus für die Rezeptionsgeschichte Wagners prägend ist, muß Wagners eigener Text um so sorgfältiger als eine ‚Politische Theologie‘ sui generis expliziert werden.“ Das geschieht aber gewiß nicht durch Ideologen wie Robert Gutman (der mit seinen Anwürfen über die verborgene „rassistische Eugenik“ von 1968 im Literaturverzeichnis verlorengeht!), Saul Friedländer, Marc A. Weiner, Jacob Katz und Paul L. Rose, die, unterstützt von deutschen Volkspädagogen wie Hartmut Zelinsky, Richard Klein, Dieter David Scholz oder Annette Hein, seit Jahrzehnten bestrebt sind, wegen der vermeintlich weit über die dezidiert antijüdischen Schriften hinausgehenden „eliminatorischen“ oder „exterminatorischen“ Kernaussagen des Gesamtwerks jener Ächtung Wagners das Wort zu reden, die ein Bestandteil der offiziösen israelischen Kulturpolitik ist. Was Hofmann dagegenhält, ist zwar in der Sache nicht zu beanstanden, fällt jedoch zu knapp aus. Weit kommt er zunächst jenen Ideologiekritikern entgegen, wenn er einräumt, Wagner habe die eigene Theorie mit „antijüdischer Polemik“ kontaminiert. Trotzdem sei es unzulässig, von hier ausgehend die dem Judentum, wie der ganzen Menschheit, um der „Erlösung“ willen zugemutete „Selbstvernichtung“ mit der „Endlösung“ kurzzuschließen. Wenn diese Unterscheidung richtig ist, dann bleibt unerfindlich, warum Hofmann plötzlich konzediert, „mittelbar“ sei Wagners Theorie in ihrer „Anwendung“ an der „Katastrophe der Shoah“ beteiligt. Warum soll er den antijüdischen Mißbrauch seiner Theorie „nachdrücklich etabliert“ haben? Wo doch gegen Annette Heins Arbeit über den Kreis der Bayreuther Blätter (1997) und deren Identifizierung des Meisters mit seinen völkischen Jüngern starke Einwände vorgebracht worden sind. Nicht von ungefähr macht Hofmann ja auf die Differenzen zwischen Wagner und Gobineau aufmerksam. Man kann daher bedauern, daß ein im Rahmen der „politische Theologie“ so wichtiges Kapitel wie das über „Judentum in der Musik“ bereits nach wenigen Seiten endet. Ein Hang zur Verkürzung und Sprunghaftigkeit ist überhaupt die größte Schwäche dieser Arbeit, die ihr Herzstück im letzten Drittel, in den Analysen zu „Kunst und Politik, Staat und Religion“ erreicht, die zum Teil stark von Rainer Frankes Dissertation über Wagners „Zürcher Kunstschriften“ profitieren. Vorher müssen wichtige Ausführungen in umfangreichen Anmerkungen gesucht werden. Als ebenso verfehlt erweist sich die Entscheidung, auf den ersten sechzig Seiten rezeptionsgeschichtliche „Lesarten“, die Deutungen Wagners von Nietzsche bis Odo Marquard, vorzuführen. Hofmann selbst rät darum dem eiligen Leser, dies besser zu überschlagen. Keine der Lesarten wird konzis wiedergegeben, und dann muß sich Nietzsches Rivale Wilamowitz-Moellendorff noch sein zweites f bringen lassen. Joachim Köhler: Der letzte der Titanen. Richard Wagners Leben und Werk. Claasen Verlag, Hamburg 2001, 870 Seiten, Abbildungen, 35 Euro Peter Hofmann: Richard Wagners politische Theologie. Kunst zwischen Revolution und Religion. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2003, gebunden, 308 Seiten, 39,80 Euro

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