Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Konfusion

Die Diskussion um das Problem der Abendmahlsgemeinschaft von katholischen und evangelischen Christen anläßlich des sogenannten Ökumenischen Kirchentages in Berlin hat ein ungewöhnlich starkes Echo in den Medien ausgelöst, das zuverlässige Rückschlüsse über die Intentionen dieser Auseinandersetzung gestattet. Sie zielen ganz offensichtlich nicht auf die Überwindung der noch trennenden Unterschiede beider Konfessionen im Sinne der einstmals neutestamentlich begründeten Ökumene ab („ut unum sint“, Joh.17,21), sondern auf die diabolische Verwirrung bislang bekannter und respektierter Positionen und Begriffe: Konfusion statt Konfession! Es sind die besten massenpsychologischen Voraussetzungen für die Entstehung und Verbreitung einer multikulturellen Zivilreligion. Wer mit der inneren Verfassung der katholischen Kirche auch nur oberflächlich vertraut ist, weiß, daß unter den gegenwärtigen Bedingungen eine Verständigung über dieses zentrale Thema christlicher Theologie nicht möglich ist – es sei denn durch die freiwillige Selbstpreisgabe der in Jahrhunderten gewachsenen und gegen alle politisch-ideologischen Angriffe verteidigten Bekenntnisse, Traditionen und Lebensformen. Es soll nicht bestritten werden, daß der sogenannte moderne Mensch kein Verständnis für dieses „Mönchsgezänk“ hat. Woher sollte es in einer zunehmend entchristlichten, zumindest entkirchlichten mulikulturellen Gesellschaft auch kommen? Allerdings sollte auch nicht bestritten werden, daß Millionen und Abermillionen Christen beider Konfessionen diese Verständnisprobleme nicht haben; mehr noch: daß Tausende und Abertausende von Christen beider Konfessionen bis heute gemeinsam verfolgt werden und in dieser Verfolgung durch ihre Standhaftigkeit sehr viel glaubwürdigere Zeugnisse christlicher Gemeinsamkeit abgelegt haben als die von den 68ern motivierten „Tabubrecher und Zopfabschneider“ in gesicherten beruflichen Stellungen mit Pensionsberechtigung. Ein überzeugendes Beispiel für die gemeinsame Verantwortung von Katholiken und Protestanten wäre auch ein gemeinsamer Protest, am eindrucksvollsten auf der Schlußveranstaltung vorgetragen, gegen die nach wie vor grundgesetzwidrige Massentötung von jährlich über 130.000 ungeborenen Kindern gewesen. Dennoch bleibt Hoffnung, die freilich nicht von „unten“, sondern von „oben“ kommt, woran uns das Pfingstfest erinnert, nach diesem „Kirchentag“ sicher in besonderer Weise. Prof. Dr. Klaus Motschmann lehrte Politikwissenschaft an der Hochschule der Künste in Berlin.

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