Armenische Verwicklungen Carl Gustaf Ströhm

Wie sehr sich die Theorie von der politischen Praxis un-terscheidet, mußte Ende 2002 die Führung der deutschen Vertriebenen erleben. Unter dem Namen des zum Katholizismus konvertierten, 1945 durch Freitod geendeten deutsch-jüdischen Schriftstellers Franz Werfel will der Bund der Vertriebenen (BdV) ein Gremium gründen, das sich mit dem Schutz der Menschenrechte befassen soll. Das ist ein löbliches Vorhaben – und auch die Absicht wird deutlich: die Vertriebenen, die mit ihrer Forderung nach Heimatrecht und moralischer Wiedergutmachung bisher oft isoliert waren – auch von den großen deutschen Parteien erhielten sie nur verhaltene (CDU/CSU) oder gar keine (SPD, Grüne) Unterstützung -, wollen das Vertreibungsproblem in den größeren Zusammenhang der Menschenrechte stellen. Damit hoffen sie, aus der Peripherie wieder ins Zentrum der Diskussion zu kommen. Seit einiger Zeit fordert daher BdV-Chefin Erika Steinbach (CDU), sich mit Vertriebenen anderer Nationalität zu beschäftigen und auch deren Rechte anzumahnen. Der Zusammenhang ist klar: Man möchte aus dem nationalen Rahmen ausbrechen und das Vertreibungsproblem internationalisieren. Ohne daß die Initiatoren des Werfel-Projekts es ahnen konnten, gerieten sie aber schnell in schwere See: denn der Namensgeber Franz Werfel hatte 1933 in seinem Buch „Die vierzig Tage des Musa Dagh“ den Überlebenskampf von sieben armenischen Gemeinden gegen die Türken im Ersten Weltkrieg beschrieben. Er hatte damit jenem Genozid ein Mahnmal gesetzt, den die Türkei – damals Osmanisches Reich – an den christlichen Armeniern begangen hatte. Schätzungsweise 1,5 Millionen Armenier fielen als politisch unzuverlässig einem Massenmord zum Opfer. Genau an diesem Punkt aber beginnen die Probleme. Die heutige Türkei als Eckpfeiler des Westens und von den USA forcierter Kandidat für künftige EU-Mitgliedschaft, möchte ein neues Aufrollen dieses düsteren Armenien-Kapitels vermeiden. Hinzu kommt, das die Armenier Christen, ihre türkischen Verfolger aber Moslems waren und sind. Wer also das Schicksal der Armenier mit den deutschen Vertriebenen in Zusammenhang setzt, läuft Gefahr, eine Frontstellung zwischen Christentum und Islam zu produzieren. Im östlichen Europa stößt die Armenier-Frage aus einem weiteren Grunde auf Skepsis: die Armenier sind eines der wenigen nichtrussischen Völker der früheren Sowjetunion bzw. des Zarenreiches, die sich in ihrem nationalen Kampf fast immer auf die Seite Rußlands stellten und auf Hilfe von Moskau hofften. Das war auch nach dem Zerfall der Sowjetunion nicht anders. Die Armenier suchten bei den Russen – auch und gerade bei der russischen Armee – Schutz vor ihren islamischen Nachbarn (Türken, Aserbaidschanern). Der Konflikt mit Aserbaidschan um die Enklave Berg-Karabach ist nur so zu verstehen. Insofern verhalten sich die Armenier aus ihrer Interessenlage ganz anders als etwa Balten, Polen oder Ungarn. Aus osteuropäischen Kreisen ist zu hören, daß man sich ungern an irgendwelchen Aktionen beteiligen möchte, die eine Schwächung der Türkei zur Folge hätten, weil Ankara den eben erst von sowjetischer Unterdrückung befreiten Völkern Flankenschutz gegen etwaige neue Moskauer Expansionsgelüste biete. Das gilt besonders für die baltischen Staaten, die, im Gegensatz zu Polen und Tschechen, den deutschen Vertriebenen nicht ablehnend gegenüberstehen. Aber das Hemd ist einem auch in diesem Falle näher als der Rock.

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