Joachim Kuhs

 

Baltische Überraschung

In Litauen hat sich am Sonntag das Bibelwort bestätigt, welches besagt, daß die Letzten die Ersten sein werden. In der zweiten Runde der Präsidentschaftswahlen siegte nicht der 76jährige Amtsinhaber Valdas Adamkus, sondern sein 30 Jahre jüngerer Herausforderer, der Ex-Bürgermeister der Hauptstadt Vilnius und zweimalige Ministerpräsident Rolandas Paksas. So sicher waren sich die westlichen Medien, daß der „litauische Amerikaner“, der im ersten Wahlgang mit 35 Prozent die meisten Stimmen erhielt, auch in der Stichwahl siegen würde, daß man sich mit dem „rechten Populisten“ Paksas kaum beschäftigte. Hatte nicht Adamkus als Emigrant und Ex-US-Offizier die größeren Erfahrungen und hilfreiche amerikanische „Beziehungen“? Hatte nicht Adamkus das Tor zu Nato und EU geöffnet? Doch die litauischen Wähler entschieden anders. Gewiß, es herrschte am Wahltag eiskaltes Wetter, nur 52 Prozent gingen zur Urne. Dennoch: hier manifestiert sich ein Trend, der nicht auf Litauen beschränkt ist: die Wähler sind nicht mehr vom „Onkel aus Amerika“ fasziniert und sie sind nicht von EU-Euphorie besessen. Paksas, der ehemalige sowjetische Kunstflugmeister, hat mit markigen Sprüchen jene angesprochen, die auf der sozialen Schattenseite stehen – und er hat angekündigt, zwar die Nato- und EU-Mitgliedschaft anzustreben, aber gleichzeitig wolle er „nach Brüssel fahren“, um „dort auf den Tisch zu klopfen“. Die Litauer haben also jenen Mann gewählt, der ihre nationalen Interessen zu vertreten verspricht. Sie wollen zwar den westlichen Integrationen angehören, aber nicht in ihnen untergehen.

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