Der Feind ist gar nicht verschwunden

Friedrich Nietzsche munterte dazu auf, gefährlich zu leben. Er kam sich recht verwegen vor und war doch nur ein Philister, der andere brave Bürger verblüffen wollte. Völlig abgesichert in einer Zeit umfassender Lebensversicherungen bestätigte diese kokette Aufforderung nur, wie lebensfern die Bourgeoisie es sich in einer Welt als Treibhaus oder Wintergarten gemütlich machte. Es ist nicht weiter verwunderlich, daß alsbald dem Bürger der Hut vom Kopf gerissen und er unsanft daran erinnert wurde, daß das Leben immer und überall gefährlich ist. Wer lebt, bewegt sich zwischen zwei Abgründen und muß sehen, wie er die Balance hält. Deswegen hieß es in früheren Zeiten, wach und aufmerksam zu bleiben, vivere risolutamente, entschlossen zu leben, um nicht bei den Gefahren, die das Leben ohnehin bereithält, von Illusionen bezaubert abzustürzen. Solche Gedanken aus dem Hausschatz alteuropäischer Lebens- und Weltklugheit sind Günter Maschke, der am 15. Januar sechzig wird, unmittelbar vertraut. Man muß gar nicht die Gefahr suchen – was die Kirche übrigens als sündigen Hochmut verwirft -, jeder gerät ganz von selbst in Gefahr, ob er handelnd seinen Gedanken folgt oder ob er sie entfaltend vorträgt. Denn es gibt immer andere, die sofort Gefahr wittern und jeden Gedanken, der ihnen fremd ist, nicht nur für befremdlich, vielmehr für gefährlich halten. Denken ist gefährlich, weil Leben sich im Drama des Zusammenlebens entwickelt, im Zusammenleben mit all den anderen, die für jeden einzelnen stets andere bleiben, wie er ihnen als ein anderer gegenübertritt. Die Gesellschaft als ein Kollektivwesen, als Zusammenfassung der vielen, die als andere aufeinanderprallen, ist daher zugleich eine ungesellige Vereinigung, weil ständig beunruhigt von den Spannungen zwischen Freund und Feind. Daraus ergibt sich überhaupt erst das Soziale und von dort aus dringt man zum Wesen des Politischen vor. Auch das sind keine besonders überraschenden Einsichten. Sie waren Thukydides bekannt, klassischen Spaniern wie Balthasar Gracián oder einer ehemaligen europäischen Zelebrität wie José Ortega y Gasset. Zum Skandal wurden sie erst durch Carl Schmitt für energische Humanisten, die, Feindschaft leugnen und und sich „ein Maifest um die Hüfte“ schürzen in brüderlich-menschheitlicher Verschmelzungsfreude (Gottfried Benn). Der Unmensch ist schlimmer als der Feind Günter Maschke spricht vom Freund und Feind, wie sein großer Lehrer, und teilt mit ihm die Feindschaft jener, die behaupten keine Feinde zu kennen. Es war die große Hoffung des liberalen Humanitarismus, Papagenos Glockenspiel zu finden, unter dessen Zauberklängen der Unhold Monostratos es lernte, als Mensch dem Menschen ein Mensch zu sein. Allerdings nur vorübergehend, was Pamina und Papageno zwar ahnen könnten, aber als beherzte, also optimistische Liberale nicht befürchten wollen. Gemeinsam halten sie sich an das Prinzip Hoffnung: „Könnte jeder brave Mann/ solche Glöckchen finden, / seine Feinde würden dann/ ohne Mühen schwinden;/ und er lebte ohne sie / in der besten Harmonie“. Trotz aller niederschmetternden Erfahrungen im Zwanzigsten Jahrhundert sollen Diskursethik und universaldemokratische Mitmenschlichkeit gleichsam wie die friedenstiftenden Glöckchen wirken. Wenn wir alle aufeinanderzugehen, uns öffnen, vom Ich zum Wir und Du, in der Alterität das Eigene in überraschender Gestalt erleben, Geduld miteinander haben, dann muß der Freudenfunken der Freiheit und Gerechtigkeit doch auf alle überspringen, die in seliger Umarmung und mit einem Kuß der ganzen Welt sich ihrer schönen Menschlichkeit stürmisch versichern. „Dann ist die Erd ein Himmelreich / und Sterbliche den Göttern gleich“. Das singt der Chor um Sarastro, Verheißungen variierend, die unterschiedlichste liberale Menschenfreunde frohgemut entwarfen. Haß, Rache, Feindschaft sind überwunden. Es gibt keine Feinde mehr unter Menschenfreunden. Doch unversehens tritt in dem Freudentaumel eine ganz neue Gestalt auf, eine viel schlimmere als der Feind, nämlich der Unmensch. Der weise Sarastro verweist auf die heil’gen Hallen, „wo Mensch den Menschen liebt“, wo kein Verräter lauert, weil auch dem Feind verziehen wurde. Allerdings: „Wen solche Lehren nicht erfreu’n, / verdienet nicht ein Mensch zu sein“. Das ist die erstaunlichste Feinderklärung kraft Selbstermächtigung des gerechten und wahren Menschen. Er weiß, wer es verdient, ein Mensch zu sein und wer das Recht verwirkt hat, noch als Mensch behandelt und geachtet zu werden. Der Feind ist gar nicht verschwunden. Die wahren, die reinen Menschen gliedern im Namen der Menschheit und Menschlichkeit aus ihren Reihen jenen aus, der ihrer Menschlichkeit nicht genügt, der Vorstellung, die sie vom Menschen haben. Wer Menschheit sagt, will betrügen Der Feind wird unter solchen Voraussetzungen zum Kriminellen, zum Verbrecher. Er hat seine Würde verloren, ein „gerechter Feind“ zu sein, gleichberechtigt unter irrenden „Menschen“ seine Interessen zu verfolgen. Das ist die radikalste Feinderklärung der Friedfertigen und Menschenfreunde. Der Deutschen immer noch liebste Oper, Mozarts „Zauberflöte“, hält also recht unbehagliche und gar nicht harmlose Lehren bereit. Die Mächte der Finsternis, die Königin der Nacht und der Mohr Monostratos werden „ausgeschaltet“, weil sie sich der moralischen „Gleichschaltung“ durch Sarastro beharrlich verweigern. Die Gefahr für die erlösende Weltvernunft ist gebannt, wenn die „Achse des Bösen“ unschädlich gemacht wird. Die Menschheit, sich selber selig, kann aufatmen und die Harmonie der Welt in der besten aller Welten genießen. Das Gute und das Böse sind ungemein theologische Begriffe. Der vernünftige Mensch beansprucht gottgleich, über Gut und Böse zu urteilen. Er wird sich selbst zum Gott und darüber zum Allmächtigen, der Gerecht und Ungerecht nach seinen Eigenmächtigkeiten bestimmt. Der junge Günter Maschke wehrte sich als Kommunist gegen die selbsternannten Gerechten und Guten, gegen die Amerikaner. Sie verwickelten sich in Vietnam oder Südamerika in fürchterliche Widersprüche. Ihm schien es angemessen, Freiheitsbewegungen zu unterstützen, um unterdrückten, wehrlosen Völkern zu ihrer Selbstbestimmung zu verhelfen und den Humanitarismus impererial-amerikanischer Interessen als eigennützig zu entlarven. Der Kommunist weiß, daß der bürgerlich-liberale Kapitalismus seinen Egoismus in prunkvolle Worte kleidet, um seinen wahren Charakter schmeichelnd zu verhüllen. Wer Menschheit sagt, der will betrügen. Darauf berief sich Günter Maschke. Freilich, von der Menschheit und dem Weltfrieden sprachen auch die Kommunisten. Auch sie wollten betrügen, wie er alsbald enttäuscht bemerkte. In den „Befreiern“ aller Entrechteten und Geknechteten, wie Che Guevara oder Fidel Castro, erkannte er bürgerliche, wertfühlende Subjekte, die ihrer Isolierung, ihrer ganz privaten Daseinsnöte zu entrinnen hofften, indem sie sich zum Sprachrohr der Unterdrückten machten. Als politische Romantiker sprachen sie von sich, während sie dem „Volk“ suggerierten, dessen Sehnsüchte auszudrücken. Ihn verlangte nach der Wirklichkeit und das hieß, von Zauberflöten und Glöckchenspiel sich nicht weiter beirren zu lassen.Damit schafft man sich in einer Zeit, die alles moralisiert, wenig Freunde. Ihm ging es um die Widersprüche des humanitären Pathos, das weder Krieg noch Feinde kennt, und paradoxerweise seit dem Ersten Weltkrieg als Ersatz für den seither nicht mehr erreichten Frieden dienen muß. Der Erste Weltkrieg wurde von seiten der Alliierten nicht mehr als Duell geführt, als Forsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Er war für sie ein „gerechter“ Krieg gegen Ungerechte, die das Menschengeschlecht bedrohten. Die alten Übereinkünfte, nach dem Kriege zur Normalität zurückzukehren und dem Vergessen alles anheimzustellen, was während des Krieges vorgefallen war, wurden beiseite geschoben. Deshalb mußte das Deutsche Reich nach dem Kriege nicht nur „bestraft“ werden. Besondere Auflagen sollten es daran hindern, weiterhin die Menschheit und den Frieden zu bedrohen. Was ein Verbrechen ist, hängt vom Datum ab Maschke erinnert an Versailles und Genf, den Völkerbund, wenn er von Weimar spricht. Das setzt ihn dem Verdacht aus, als Nationalist zu argumentieren, der schildert, wie eine hypertrophe Moral Kriegs-und Völkerrrecht auflöste und zur Friedlosigkeit der Welt, zu ihrer Unordnung, beitrug. Doch zugleich beschäftigen ihn eben die Widersprüche der humanitären Vernunft, die ihre Versprechen nicht einlösen konnte. Bei seiner unablässigen Bemühung, den vieldeutigen Carl Schmitt zu verstehen und dessen situationsbezogene Argumentation aufzuhellen, wurde er zu einem subtilen Kenner sämtlicher Strömungen, die sich gegen die sogenannte Modernisierung seit 1789 wandten. Der Protest gegen die Moderne gehört unmittelbar zu ihrer Geschichte. Sie wird von Illusionen und Entzauberungen begleitet, bis zum heutigen Tag. Insofern verdient der Widerstand gründliche Beachtung, um zur Wirklichkeit vorstoßen zu können, die soeben wieder einen moralisierten Angriffskrieg als gerechten Krieg gegen eine Achse des Bösen bereithält. Dabei galt der Angriffskrieg noch unlängst als Verbrechen. Doch was ein Verbrechen ist, das hängt vom Datum ab, wie Charles Maurice Talleyrand kühl zu bedenken gab, der während und nach der Französischen Revolution hinreichend Gelegenheit hatte, die Widersprüche einer politisierten Moral kennenzulernen. Dr. Eberhard Straub , Jahrgang 1940, ist habilitierter Historiker und Buchautor. Wichtigste Veröffentlichungen: Die Götterdämmerung der Moderne. Von Wagner bis Orwell (1988), Spanien – Eine schwarze Legende? (1991), Die Wittelsbacher (1994), Eine kleine Geschichte Preußens (2001).

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