Sie wurden nicht nur erpreßt und unter Druck gesetzt

Der Blick auf das jüngste TV-Programm läßt gemäß der Prophezeiung des einstigen DDR-Bürgerrechtlers Werner Schulz nur einen Schluß zu: daß ZDF-Historiker Guido Knopp inzwischen auch den letzten Schäferhund Adolf Hitlers gezeigt hat. Dies nämlich sah der Bündnisgrüne als wohl unumgängliche Voraussetzung, bevor das deutsche Fernsehen sich endlich der Aufarbeitung der SED-Diktatur stellt. Mittlerweile scheint es soweit zu sein, etwa in den Dokumentationen über „das teuerste Flugblatt der Welt“ an der Berliner Humboldt-Universität, die Hinrichtung des dissidenten MfS-Offiziers Werner Teske, die Schikanierung und Inhaftierung der Radsportlegende Wolfgang Lötzsch oder die Bespitzelung des NDR-Korrespondenten Jürgen Börner — um nur einige aktuelle Beispiele zu nennen. Diese Beiträge könnten gleichsam als Karten eines Memory-Spiels betrachtet werden, die das vorherrschende Bild einer „kommoden Diktatur“ (Grass) aufdecken als das, was es war: ein totalitäres System von quasi religiöser Zurichtung, in dem der einzelne Mensch nichts zählte. Nicht zuletzt war auch die „Kirche im Sozialismus“ davon betroffen. Entsprach zu Zeiten von Jesus die Präsenz eines Verräters noch einem Verhältnis von 1:12, so galt in DDR-Kirchenkreisen die ungeschriebene Regel, daß unter sieben Leuten immer ein Judas des MfS zu finden war. Wie es dazu kam, beleuchtet der Film von Günther Bernd Ginzel. Unter dem Titel „Die Verstrickung — Für Gott und die Stasi“ geht er der Frage nach, warum sich geistliche und kirchliche Mitarbeiter in erheblicher Zahl als Inoffizielle Mitarbeiter anwerben ließen. Nicht immer wurden sie erpreßt und unter Druck gesetzt, es gab auch andere Motivationen. Ein Mann wie Manfred Stolpe mußte gar nicht IM sein, um trotzdem als ein solcher zu wirken, wie der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz sinngemäß formulierte.

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