Max im Glück

Sein Stil ist Geschmacksache, sein Erfolg „sensationell“, wie Max Raa­be mit einer sympathischen Mischung aus Stolz und Bescheidenheit sagt. Sein 13köpfiges Palast Orchester, 1986 gegründet, spielt längst regelmäßig vor ausverkauften Sälen und Freilichtbühnen auf, exportiert einen Reiz von Alter Welt nach Florida und Tokio. Mit originalgetreu nachgespielten Schlagern aus den 1920er Jahren — damals, als Berlin reich, aber sexy war —, originellen Eigenkompositionen wie „Kein Schwein ruft mich an“ oder „Klonen kann sich lohnen“ und einer halb abgeschauten, halb selbstkreierten Körpersprache (genüßlich gerrrollte Rs, exaltierte Mimik, minimalistische Gestik) erschließt Raabes Bühnenprogramm jene seltsame postmoderne Marktlücke zwischen Nostalgie und Parodie: beides freilich Begriffe, mit denen er nichts am Frack hat. Claudia Müllers Filmporträt „Mein Leben — Max Raabe“ (Arte, 7. September, 18.15 Uhr) versucht dem Menschen hinter dem Phänomen auf die Spur zu kommen, Raabe zu zeigen, wie er sich selber sieht: als Glücks-Raabe und Lebens-Künstler, der gern mal in der märkischen Hängematte die Seele baumeln läßt, wenn er nicht gerade in der Carnegie Hall auf der Bühne steht. Der schmächtige Mann mit sandfarbenem Haar, Segelohren und der treuherzigen Miene eines Waisenknaben, den Frauen im gewissen Alter weniger anhimmeln als vielmehr bemuttern wollen, spricht von der „Liebe an der Sache“ und dem frechen Charme der Goldenen Zwanziger, von einem Geschenk und der Verantwortung, die es mit sich bringe: Offensichtlich beschränkte sich der Beitrag der katholischen Kirche zu seiner Charakterbildung nicht auf die Organisation der Freizeitgestaltung, die Raabe mit einem feinen Anflug von Ironie beschreibt. Mit Inga Humpe, die musikalisch im einen Zimmer des Deutschpop-Duos 2raumwohnung wohnt und im bürgerlichen Leben in Raabes Nachbarschaft, springt der 45jährige durch die Sylter Dünen und läßt sich vom Duft der Heckenrosen zu Kindheitserinnerungen an idyllische Urlaubstage hinreißen. Humpe spekuliert derweil über den Leidensdruck, die „Gequältheit“ einer Jugend in der Provinz, aus der sich — bei ihr wie bei ihm — der unbedingte Wille zum künstlerischen Durchbruch speise. Ausgewählte Anekdoten erzählen davon, wie die Mutter seine Begabung als Faulheit verkannte und dem kleinen Max verübelte, daß er nicht für den Flötenunterricht übte, sondern alle Stücke einfach auswendiglernte, oder von den Anfangsjahren in Berlin, als Raabe schon mal bei seinem Jugendfreund Christoph Israel unter dem Küchentisch schlief. Heute begleitet Israel den Promi-Kumpel bei Soloauftritten auf dem Klavier. Und attestiert ihm, er sei „aus der Zeit gefallen“. Ansonsten erfährt man nichts über Raabes Privatleben, das Liebhaber seiner Musik (geschweige denn Spötter) ja auch herzlich wenig angeht. Wer die Palast-Klänge bislang für gehobenen Musikantenstadl hielt, wird hier nicht unbedingt eines Besseren belehrt, kann aber kaum umhin, vor einem Meister der Unterhaltungskultur den längst aus der Mode gekommenen Hut zu ziehen. silke lührmann Foto: Max Raabe in New York: Auch wo das Publikum den Wortwitz seiner Texte nicht versteht, erhält er begeisterte Ovationen

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