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Grass erntet Widerspruch

So hatte sich Günter Grass die Präsentation seines neuen Romans „Die Box“ sicherlich nicht vorgestellt. Als er am vergangenen Sonntag im Hamburger Thalia Theater nach einer Einführung durch den Publizisten Hanjo Kesting ansetzte, um aus seiner autobiographischen Erzählung zu lesen, schallte ihm plötzlich Protest entgegen. Er solle endlich mit seiner „Nebelkerzenprosa“ aufhören — eine Anspielung auf sein spätes Geständnis vor zwei Jahren, als Grass bekannte, in den letzten Kriegsmonaten bei der Waffen-SS gedient zu haben (JF 35/06). Viel zu lange habe er sich als „lebender Zeigefinger“ und „moralische Instanz“ aufgespielt. Zudem werden von den oberen Rängen Transparente entrollt, auf denen Grass mit Stahlhelm und Pfeife abgebildet ist. Seinen Uniformkragen schmückt zudem eine 47, die auf den ersten Blick an die Runen der SS erinnert: eine Anspielung auf seine Zugehörigkeit zum Schriftstellerkreis „Gruppe 47“. Bereits vor der Veranstaltung verteilten Mitglieder der Konservativ-subversiven Aktion einen Comic, in dem Grass sich in einem Traum an seine Zeit bei der Waffen-SS zurückerinnert und dabei sein Einfluß auf Politik und Gesellschaft thematisiert wird. Grass, für einen kurzen Moment irritiert, fragte, für welche Zeitung die Provokateure denn arbeiteten. Die Frage ist bezeichnend. Anscheinend traut der Schriftsteller den „Zeitungsfritzen“, wie er die Journalisten mitunter abfällig nennt, allerlei zu, was daran liegen mag, daß die meisten im Vorfeld erschienenen Rezensionen nicht gerade des Lobes voll waren. Als er erfährt, daß seine Kritiker keiner Zeitung angehören, fordert Grass sie auf, doch erst einmal zuzuhören. Hinterher könnten sie ihren Protest ja dann kundtun. Doch Götz Kubitschek, Initiator der Konservativ-subversiven Aktion, kontert: „Andere konnten auch nicht ausreden“, womit er unter anderem auf die Attacken von Grass auf den früheren Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) anspielt. Grass hatte diesem seine Mitgliedschaft in der NSDAP vorgeworfen und gefragt, wie der Toten von Auschwitz gedacht werden solle, wenn Kiesinger als Mitläufer von damals es wagte, die Richtlinien der Politik zu bestimmen. Aber das Hamburger Publikum ist an dem Abend erwartungsgemäß nicht auf seiten der Provokateure. „Raus“-Rufe ertönen. Ordner erscheinen und fordern Kubitschek auf zu gehen. Vereinzelt ertönen Zwischenrufe, Grass solle doch zu den Vorwürfen Stellung nehmen, aber nachdem Kubitschek den Saal verlassen hat, kann Grass nahezu ungestört seine Lesung abhalten. Götz Kubitschek wertet die Aktion dennoch als Erfolg. Immerhin haben so gut wie alle überregionalen Medien, darunter dpa, ZDF und Deutschlandradio Kultur die Geschichte aufgegriffen. „Das zeigt uns, daß man auch mit geringem Aufwand auf seine Anliegen aufmerksam machen und sich Gehör verschaffen kann“, sagte Kubitschek der JUNGEN FREIHEIT. In diesem Fall sei es darum gegangen, Günter Grass in seiner Position selbstgefälliger Übermoral zu verunsichern. „Und für einen Moment ist uns das auch geglückt.“

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