Joachim Kuhs

 

Die Sonne fährt auf einer Himmelsbarke

Schweden besitzt etwa ein Dutzend Kultur- und Naturdenkmäler, die zum Unesco-Welterbe gehören. Dazu zählen auch die Felsbilder des Bohuslän, einer Landschaft an der Westküste, nördlich von Göteborg. Sie sind Teil eines sehr viel größeren Bestandes solcher Darstellungen, die sich in Schweden und Norwegen, weniger in Dänemark und Finnland finden. Felsbilder gibt es allerdings nicht nur in Skandinavien oder in Europa, sondern auf allen Kontinenten. Man rechnet mit etwa 40 Millionen einzelnen Motiven an 100.000 Stellen. In Europa gehen die ältesten bis auf die Steinzeit zurück, die überwiegende Zahl der heute bekannten stammt aber aus der Bronze- und der frühen Eisenzeit, sie sind zwischen 1800 und 500 vor Christus entstanden. Neben Skandinavien kann man die Alpen als ihr Hauptverbreitungsgebiet ansehen. Genauer als „Felsbild“ wäre übrigens der Begriff „Felsritzung“, denn es handelt sich nicht um flächig aufgebrachte Darstellungen, sondern um eine Art Gravur im Stein, etwa einen Zentimeter tief, die wahrscheinlich später oft mit Farbe ausgefüllt wurde; man hat jedenfalls entsprechende Pigmentreste gefunden. Insofern entspricht der heutige Eindruck bis zu einem gewissen Grad der ursprünglichen Optik, da sie im allgemeinen mit roter Farbe nachgezogen wurden. Die Deutung erleichtert das aber kaum. Weder ist bekannt, ob die Felsbilder in einem szenischen Zusammenhang stehen, noch weiß man, welche Funktion sie ursprünglich ausübten. Als sie im 17. Jahrhundert wiederentdeckt wurden, hielt man sie zunächst für zeitgenössisch, eine Art Sgraffiti, vielleicht von Steinmetzen angefertigt. Durch die „Nordische Renaissance“, die zu einer stärkeren Beschäftigung mit der eigenen Nationalgeschichte führte, verbreitete sich dann in Schweden die Ansicht, die Felsbilder seien Illustrationen historischer Vorgänge. Angesichts des häufigsten Motivs — des Schiffs — glaubten viele, es handele sich um Denkmäler der Wikingerzeit, die Seeschlachten wiedergäben. Erst im 20. Jahrhundert setzte sich die Auffassung durch, daß die Felsbilder sehr viel älter sein müßten und in die Frühzeit Skandinaviens gehörten. Diese Interpretation wurde gestützt durch die Erarbeitung einer Stilsystematik der Bodenfunde der Bronzezeit, die für gewisse Motive eine plausible Deutung ermöglichte. Das betraf neben Luren, hohen konischen Hüten und Hörnerhelmen, Wagen und den erwähnten Schiffen auch bestimmte Symbole, die man dem in der nordischen Bronzezeit verbreiteten Sonnenkult zuordnen konnte (Kreise, Kreuze, „Radkreuze“, Spiralen) oder die als Götterattribute bis in historische Zeit überdauerten (die Streitaxt beziehungsweise der Hammer Thors, der Speer Odins). Der neue Zugang war vor allem der umfassenden Interpretation der Felsbilder durch den schwedischen Archäologen Oscar Almgren zu verdanken, der die Felsbilder weder als belanglose Kritzeleien von Primitiven noch als Darstellungen vergangener Ereignisse deutete, sondern in ihnen „religiöse Urkunden“ sah. Zwar wird die von Almgren zugrunde gelegte Vorstellung von „Fruchtbarkeitskult“ — die er mit der Mehrheit zeitgenössischer Religionswissenschaftler teilte — heute etwas reserviert betrachtet, aber daß die Felsbilder zu tun hatten mit einer Glaubensvorstellung, die das Göttliche in den Naturmächten verehrte, steht außer Frage. Dafür spricht nicht nur die regelmäßige Darstellung männlicher Figuren mit überdimensionalen Geschlechtsteilen, sondern auch die besondere Auswahl an Tierbildern. Ohne Zweifel sind Pferde oder Stiere nicht einfach als Szenen aus dem Alltagsleben gemeint, denn beide Tiere hatten in frühen Kulturen einen hohen Symbolwert, und dasselbe gilt sinngemäß für die häufig eingeritzten Hirsche und Schlangen. Der Zusammenhang mit der Verehrung der Natur ist auch plausibel aufgrund der besonderen Lage der Felsbilder, die in ihrer Mehrzahl entlang der früheren Meeresküste angebracht wurden, für deren Position aber wohl auch eine Rolle spielte, daß über die leicht geneigten Flächen bei Regen Wasser hinwegfließen konnte. Während die an manchen Stellen besonders massierten Schlangenbilder einen weiteren Bezug zum Wasser bilden könnten, wird man dasselbe für die Schiffsdarstellungen nicht ohne weiteres annehmen dürfen. Bedauerlicherweise gibt es bis heute keinen Schiffsfund aus der Bronzezeit, der Aufschlüsse über die Beschaffenheit der damals verwendeten Boote gibt, aber immerhin zeigt noch das aus der Eisenzeit (3. Jahrhundert vor Christus) stammende Hjortspringschiff den charakteristisch aufgebogenen Kiel wie auf den Felsbildern. Daß die Bootsdarstellungen nicht nur als Wiedergabe nautischen Geräts gemeint waren, kann man verschiedenen Kombinationen entnehmen, in denen sie auftreten. Bemerkenswert ist hier die Gestalt des „Schiffshebers“ — eine menschliche Figur, die die Schiffe emporstemmt —, die Verwendung der Schiffe als Schauplatz (ritueller?) Kämpfe und als Basis für bestimmte Aufbauten, die offensichtlich keine technische Funktion hatten. Neben den Sonnenscheiben sind vor allem pilzartige Gebilde zu nennen, die man traditionell als überdimensionale Äxte gedeutet hat. Deren Bedeutung als Macht- und Kultsymbole ist aufgrund verschiedener Parallelen und archäologischer Funde gesichert. Der deutsche Spezialist für Felsbildforschung Dietrich Evers hat die These aufgestellt, daß die Konstruktionen eigentlich die Himmelssäule und das darüber ragende Gewölbe darstellten. Eine Verknüpfung von Schiff und Kosmologie ergibt sich auch aufgrund der Sonnensymbole, die auf mehreren Schiffen angebracht scheinen. Die außerordentliche Bedeutung der Idee einer Himmelsbarke, auf der die Sonne über das Firmament fährt, ist jedenfalls schon wegen deren Verbreitung plausibel. Parallelen zu den Motiven der Felsbilder finden sich nicht nur auf der „Sonnenscheibe“ von Nebra, sondern sogar in antiken und ägyptischen Quellen. Die These, daß diese und andere Übereinstimmungen keine Zufälle sind, wird aufgrund neuerer Forschungen zur Bronzezeit immer wahrscheinlicher. Nach Meinung einiger Spezialisten sind mit dem damals schon hochentwickelten Warenaustausch auch Religion, Ideologien und bestimmte „Symbol-Cluster“ weitergegeben worden. Das erklärt möglicherweise die Existenz der relativ einheitlichen Zeichen-Sprache dieser Epoche im Raum zwischen Skandinavien, Nordafrika, dem westlichen Mittelmeerraum und der Ägäis. Ohne Zweifel setzte die Anfertigung der Felsbilder eine differenzierte Gesellschaftsordnung voraus, und vielleicht erklärt deren Zusammenbruch am Ende der Bronzezeit auch das Verschwinden entsprechender Bräuche. Viele Historiker glauben, daß nicht nur der Bedeutungsverlust der Bronze eine Krise der bisherigen politischen und religiösen Vorstellungen auslöste, sondern auch die Erschöpfung des Bodens dazu beitrug, daß der bisherige kulturelle Standard verlorenging. Ob wir jemals Genaueres über die Weltanschauung der Menschen in der Bronzezeit erfahren werden, ist aufgrund fehlender schriftlicher Aufzeichnungen ungewiß. Um so wichtiger wird es sein, die wenigen Überreste ihrer keineswegs primitiven Zivilisation zu erhalten. Das ist im Fall der skandinavischen Felsbilder ein außerordentliches Problem. Zwar schützt sie ihre Lage in einer eher dünn besiedelten Region vor Vandalismus oder fahrlässiger Zerstörung, aber die Umwelteinflüsse machen sich in der letzten Zeit negativ bemerkbar. Vor allem der saure Regen führt zu einer allmählichen Auswaschung des Gesteins, auf dem die Bilder eingraviert sind. Man versucht dem seit einigen Jahren durch neue Abdeckungsverfahren entgegenzuwirken, hat aber bisher noch kaum praktikable Möglichkeiten gefunden. Schlimmstenfalls werden diese einmaligen religiösen Zeugnisse in wenigen Jahrzehnten unkenntlich oder vollständig zerstört sein. Bild: Felsbild bei Aspeberget im schwedischen Bohuslän: Möglicherweise ist hier ein kultischer Kampf von Männern mit Vogelmasken dargestellt

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