Der Weg zum kreativen Zentrum

Im Bewußtsein der deutschen Öffentlichkeit ist Berlin ein Moloch, eine Bankrotterklärung oder zumindest ein ungeliebtes Kind. Ehedem Schaufenster des Westens und Hauptstadt der DDR, eingezwängt im Spiel der Mächte und zerschnitten durch Mauer und Stacheldraht, politisch, wirtschaftlich und kulturell am Ende, ja, aufgegeben, müht sich die Stadt seit geraumer Zeit, vom Mythos wieder zur Metropole zu werden. Soeben ist die aufstrebende Kapitale von der UNESCO zur „Stadt des Designs“ gekürt worden. Und in der Tat – es ist um Berlin nicht so hoffnungslos bestellt, wie uns die deutsche – nicht etwa die internationale – Öffentlichkeit weismachen will. Gehörige Zweifel sind angebracht, ob die Modezunft von New-York über Mailand bis Paris noch wirklich über die deutsche Hauptstadt lächelt. Berlin ist ein Ort der kleinen, der aufstrebenden Mode-Marken. Vorbei die Zeit, wo Joop, Westwood und Co. die Paradiesvögel einer weitgehenden Modewüste waren. Wolfgang Joop selbst hat die neue Modestadt Berlin treffend mit einem jungen Mädchen verglichen. Sie sei neugierig, unangepaßt und nie ganz fertig. Und, möchte man hinzufügen, sie ist selbstbewußt und bescheiden zugleich: Die vielen verstreuten Läden der Berliner Modeschöpfer muß man systematisch suchen oder aber beim Flanieren entdecken. Wer dennoch nicht fündig wird, dem hilft der Einkaufsführer „Designpole Berlin“ (Graco-Verlag). Dieser stellt die vermeintlich wichtigsten 350 Adressen vor – von den etwa eintausendreihun-dert über die gesamte Stadt verstreuten Mode-, Grafik- und Produktmarken. Daß immer neue mit eigenen Läden hinzukommen, vorrangig in Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichhain, hat sowohl mit dem kreativen Potential der verschiedenartigen Kunst- und Modeschulen zu tun, als auch mit den in Berlin vergleichsweise günstigen Ladenmieten. In Berlin, so die Botschaft, ist der Schritt vom kreativen, hoffnungsvollen Studenten zum erfolgreichen Jungdesigner noch ohne Umwege realisierbar. Im „Designpole Berlin“ kann man sich – jenseits festgefügter Grenzen – von den produktübergreifenden Ideen, vom kreativen Schwung und der erfrischenden Selbstironie der aufstrebenden Modeschöpfer und Produktgestalter überzeugen. Hier fügt sich zusammen, was die disparate Stadt so anziehend macht: die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen. Weniger Friedrichstraße, mehr Friedrichshain Unter dem Standort Friedrichshain etwa finden wir die Marke „Tabea Designs“, die Röcke, Mieder und Corsagen in Maßarbeit fertigt und mit dem romantischen Motto wirbt: „Die Nacktheit der Raupe und die Schönheit des Schmetterlings“. In unmittelbarer Nachbarschaft dazu befinden sich die Räume des Labels „Arbeitsgrafik“, das Arbeitsjacken mit eigenen Grafikentwürfen ausstattet. Überhaupt, der alte Arbeiterbezirk Friedrichshain: Er scheint mittlerweile seine Bestimmung gefunden zu haben als Medienstandort und Heimstatt schöpferischen Schaffens. So beherbergen an der Oberbaumbrücke ausgebaute Spei-chergebäude MTV und Universal. Im Hintergrund liegt die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft mit den Studiengängen Mode- und Produktge-staltung. Hier, an der Grenze zu Kreuzberg, befindet sich auch das Internationale Design Zentrum (IDZ), das sich als Mittler zwischen Wirtschaft, Kreativschaffenden und Öffentlichkeit versteht und verschiedene Produkt-Ausstellungen kuratiert. Weiter südlich, in einem Speicher am Osthafen, sitzt „Labels Berlin“, das renommierte Mode-Marken vertritt. In der Frankfurter Allee befindet sich die Plattform „Berlinomat“, die, mit eigenem Laden und Cafe, inzwischen 140 Berliner Jungdesigner betreut. Das Spektrum reicht von typischer Sport- und Straßenmode („Urbanwear“) bis zum ausgefallenen Möbelstück. Einige dieser Produkte bietet mittlerweile die Galerie Lafayette an, in Berlins Mitte und in Paris. Kreation in heterogener Kulisse zwischen Historie und Moderne Internationales Interesse weckt Berlin dabei vor allem durch den ungewöhnlichen Mix von Bekleidungs- und Produktgestaltung. Angesichts der wilden Mischung aus Galerie-, Musik- und Theaterszene, vor der heterogenen Kulisse aus historischer und moderner Architektur, ist das keineswegs verwunderlich. Brüche werden von der jungen Branche wahr-, Anregungen spielerisch aufgenommen. Etwa in Pelzperücken und Fahrradschlössern als Gürtel, in Stühlen aus Beton oder in goldenen Ringen mit Computertastaturen anstelle des obligaten Edelsteins. Einen aktuellen Einblick in die Vielfalt des Berliner Modeschaffens bietet das letzte Januarwochenende mit den Messen Bread&Butter, B-in-Berlin, Premium und 5th Floor. Hut ab vor Berlin: Die Design-Metropole erhebt selbstbewußt ihr Haupt, hier im Geschäft von Fiona Bennett foto: picture-alliance /ZB

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