Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Ein Film ohne Darsteller

Am letzten Montag versuchte die Initiative „Kritische Solidarität mit Martin Hohmann“, auf dem Bundesparteitag einen Karton mit 4.000 Unterschriften an Angela Merkel zu übergeben. Fritz Schenk, Initiator der Aktion, sollte eigentlich persönlich bei der um 16 Uhr angesetzten Übergabe anwesend sein. Terminschwierigkeiten hielten jedoch den ehemaligen ZDF-Moderator von der Reise nach Leipzig ab. So standen René und Sebastian (beide ehemalige RCDSler) vier Stunden mutterseelenallein im Foyer des „Congress-Center Leipzig“ (CCL) und begegneten vielen Menschen, jedoch nicht der Parteivorsitzenden. Der Redakteur der JUNGEN FREIHEIT hatte sich am Dienstag mit beiden in Berlin verabredet, die auch „leicht“ frustriert nach der erfolglosen Aktion ausführlich Bericht erstatten. Durch die Umstände gelangweilt, hatte René die zeitlichen Geschehnisse protokollieren können, so daß im Anschluß eine unterhaltsame Geschichte herauskam: 12:30 Abfahrt aus Berlin nach Versenden von Pressemitteilungen zur beabsichtigten Übergabe durch Fritz Schenk. 14:30 Ankunft am Congress-Center, der Mangel an Kontakten oder Nachfragen von der Presse stimmt nachdenklich, Fritz Schenk nicht zu erreichen. 15:30 Nach dem vierten Kaffee der Entschluß, die Sache jetzt selbst in die Hand zu nehmen, zu groß die Angst, daß man zu spät kommt. 15:45 Riesiges Polizeiaufgebot vor dem CCL, mitten unter den rund 50 niegelnagelneuen BMWs des Shuttle-Service (alle Delegierten werden kostenlos in die 15 Kilometer entfernte Innenstadt und zurück chauffiert) steht ein einsamer Demonstrant, der etwas gegen den Programmentwurf der CDU hat – noch besteht das Gefühl, daß sich gleich ein Gezerre der rund 400 Journalisten um ein Foto der Initiative erheben wird. 15:50 Eintritt in den Foyer-Bereich des CCL. Kein einziger Mensch mit Fotoapparat, keine Kamera in Sicht, nur fünf CDU-Ordner mit fragenden Gesichtern und vier Bedienstete des CCL, die einen Ausweis sehen wollten – Fehlanzeige! Keine Gastanmeldung, keine Einladung, keine Akkreditierung, ergo kein Zutritt zum Parteitag, der zwei Stockwerke höher sein Unwesen treibt. Die Gesichter von uns werden so lang wie der Tresen von der Garderobe. 16:05 Nachricht, daß Fritz Schenk keinesfalls Leipzig erreichen wird, tut der „Jetzt oder nie“-Stimmung keinen Abbruch. 16:08 Zusicherung eines CDU-Ordners, daß „der Sache nachgegangen“ werde. (Und die gutgemeinte Frage, warum man solche Übergabe nicht medienträchtig vor der Thomas-Kirche inszeniert habe, wo nach der Morgenandacht um zehn Uhr doch alle Politiker samt Funk und Fernsehen in der Kirche gewesen seien). 16:10 Wo bleiben die Kameras? 16:11 Ankunft irgendeiner „wichtigen“ Person, die ein Kommen von jemand noch Wichtigerem ankündigt. 16:12 Freude bei beiden. 16:25 Jemand stellt sich als der „Büroleiter von Angela Merkel“ vor und bietet an, den Karton für die Parteivorsitzende in Empfang zu nehmen, was mit dem Hinweis abgelehnt wird, daß man „Merkel persönlich“ sprechen wolle. Erstaunen beim bebrillten Büroleiter, Stolz beim „couragierten“ Überbringer. „Sie glauben doch wohl nicht, daß Frau Merkel wegen Ihnen den Parteitag verläßt“, fragt er erstaunt. „Deshalb werden wir hier auch warten, bis der Parteitag vorbei ist“, so die trotzige Reaktion. 16:28 Gratulation von einem Delegierten zum Entschluß, den Karton nicht zu übergeben, „denn da hätten Sie ihn ja auch eigenhändig in den Müll werfen können“. 16:30 Da! Der erste Reporter verirrt sich in das Foyer. Nach zehnminütiger Diskussion dann die Erkenntnis von dem Mann der Nachrichtenagentur TWN , daß der eigentliche Skandal der Hohmann-Geschichte die späte Empörung und eben nicht die sofortige Verurteilung am 3. Oktober gewesen sei. Zwei Kamerateams folgen, die jedoch ihre Sachen vollständig eingepackt haben und „nur noch weg“ wollten. 16:34 Erika Steinbach schleicht vorbei, ohne Notiz von Karton plus Aktivisten zu nehmen. 16:42 Letzter Versuch, auf die Mitarbeiter einzureden, es doch mit einer Gästekarte zu versuchen. „Man kümmert sich drum“, wird vertröstet. Der nun schon fast einstündige Blick auf eine rot-weiße Rolltreppe fängt an zu nerven. Ab und an Gelächter zwei Stockwerke höher, ein Fernseher in gut zwanzig Meter Entfernung auf der anderen Seite der Schleusen überträgt die Reden live. Was tun? Durchbrechen? Kommt man zwei Stockwerke höher, ohne von Mitarbeitern verhaftet zu werden? 16:48 Ankunft von zwei weiteren „wichtigen“ CDU-Ordnern, die den Eindruck erwecken, als ob man gleich des Platzes verwiesen würde, doch es tut sich was auf der anderen Seite der Türen; sechs bis acht Mitarbeiter sind am Diskutieren. Ergebnis: „Ihr dürft hier stehenbleiben“. 16:59 Ein sächsischer Delegierter zeigt der Aktion seine Sympathie und Merkel einen Vogel. 17:04 Etliche Kilo des Bundesvorsitzenden der Schülerunion, Marc Blue, schieben sich durch die Schranke und am Helfer mit seinem Karton auf dem Arm vorbei – kurzer, mitleidiger Blick von ihm streifte alles und jeden. 17:08 Sechs Delegierte der Jungen Union defilieren vorbei. Einer meint, er hätte auch schon unterschrieben, weil er die Initiative richtig findet. Auf die verwunderte Antwort des Helfers, warum er dann Merkel zujubele, antwortet er nicht mehr. 17:10 Sebastian macht sich auf den Weg, um anders in das Gebäude zu kommen. Eine halbe Stunde später ist er frustriert wieder zurück. Ein Nebeneingang ist für die Parteispitze zum Rein- und Rausschlüpfen vorhanden, aber da steht bis auf die Personenschützer und Limousinenfahrer lediglich ein Absperrzaun. Alle Journalisten benützen den Hintereingang, der jedoch von Nicht-Journalisten nicht betreten werden kann. Aufsehenerregende Schreie nach Merkel würden der Stimme schaden und bei den Kabelträgern und Stöpselziehern wohl eher Stirnrunzeln denn Aufmerksamkeit hervorrufen. 18:00 Frustration mischt sich mit der Hoffnung, nochmal einen „Großkopfeten“ zu Gesicht zu bekommen. 18:20 Ein „Urgestein“ der hessischen CDU klopfte beiden auf die Schulter und weint sich aus, daß alles so „unglücklich“ gelaufen ist. Niemand hätte zurückgekonnt, weder Merkel noch Hohmann, so der 69jährige, der sich jedoch namentlich nicht zu erkennen geben wollte. „Über zwanzig Jahre habe ich im Bundestag gesessen, aber so etwas ist mir da noch nie untergekommen.“ Nach zwanzig Minuten herzerwärmenden Gespräch dann der Tip, sich in Berlin in der Parteizentrale einen Termin für die Übergabe zu holen – zu der dann auch der Initiator selbst kommen kann. 18:45 Der Ministerpräsident von Sachsen, Georg Milbradt, schlenderte mit einer Delegation ausländischer Gäste englisch palavernd vorbei. Kurzer Blick auf den Karton, Wahrnehmung des Namens „Martin Hohmann“ und gekonnter blitzschneller Weggucker. 19:30 Sekundenschlaf. 19:45 Vorbereitungen darauf, in einigen Minuten die Beine wieder bewegen zu müssen. 19:50 Die knallharte Erkenntnis setzt sich durch, daß die einzigen Aufnahmen dieser „Übergabe“ wohl von den Überwachungskameras gemacht werden. 20:00 Nach Aufstellen des Guinness-verdächtigen Rekords im „Dauer-Unterschriften-übergeben-wollen“ Aufgabe und Abzug aus dem Congress-Center.

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