Der große Zusammenhang

Weißt du, wie die Matrix entstanden ist?“ heißt es – nicht ganz zufällig angesichts des kürzlich in den deutschen Kinos angelaufenen „Matrix reloaded“ – auf der Rückseite des jüngst im Arun-Verlags erschienenen Buches „Lanze des Gral“ aus der Feder eines gewissen Reiner Wernher vom Nagel zu Haufe, dessen Identität – laut Nachwort – selbst dem Verlag nicht bekannt ist; der Kontakt zu ihm wurde über einen ebenfalls nicht näher bezeichneten „früheren Schriftsteller Tohm di Roes“ hergestellt. So mysteriös wie der Entstehungshintergrund dieses ersten Teils einer „Trilogie der Wiederkunft“ unter dem Gesamttitel „Der Einzige“ ist das Opus selbst, das gleichsam alle Register zieht und sich als Science-fiction-Story und Wiederaufnahme des Gralsmythos, Agententhriller, Actionkomödie mit durchaus nicht zu kurz kommender Erotik, Poproman und verschachtelte Bündelung von Verschwörungstheorien, unangepaßte Analyse deutscher Gegenwartsbefindlichkeiten sowie vor allem als negative Utopie vor dem Hintergrund der Gentechnik präsentiert. Bekannte Topoi aus populären Genres werden in gekonnter Manier nicht nur fortgeschrieben, sondern geradezu ausgeweidet, um sie zu vermengen, zu vermischen und durch ihre geschickte Verknotung und Überstrapazierung ad absurdum zu führen. Zwar ist das Schema von Geheimbünden und -orden, die hinter den Kulissen von Wirtschaft und Politik um die Weltherrschaft kämpfen, hinlänglich bekannt, doch sind gewöhnlich die moralischen Gegensätze klar zugemessen, die Sympathiewerte eindeutig verteilt – nicht so jedoch in der „Lanze des Gral“: hier erscheinen alle mehr oder weniger „böse“ oder als törichte Larven des Zeitgeistes: etwa Perce á Val, ein in der DDR aufgewachsener Geheimagent und moderner Artusritter im Dienste einer „Gesellschaft zur Errettung der Menschheit“, oder Gauvain, ebenfalls Artusritter und im zivilen Beruf ein schnöseliger junger Banker. Im Mittelpunkt des Romans steht die gentechnische Gralslanze bzw. der sich wie ein Virus übertragende sogenannte „Parazyth“: „Er beherbergt in sich eine Art Matrize, die er im Zentralnervensystem ablegt und die sich selbst vervielfältigt, bis sie die Sinneswahrnehmung des Wirtes vollständig modifiziert hat. Das Nervensystem und das Hirn seines Wirtes nutzend, kann der Parazyth dann sein eigenes Programm in die Persönlichkeit des Wirtes einbringen. (…) Er kann sich durch Körperflüssigkeit auf andere übertragen“ – was häufig und auf eine plastisch und detailliert beschriebene Weise geschieht – „und bewerkstelligt im nächsten Organismus das gleiche. Die direkte Steuerung des Spenderorganismus ist nicht mehr nötig, da die Unterwanderung des Bewußtseins ausreicht, um das gesamte Wertesystem und damit das Verhalten komplex neu zu definieren. Und wer einmal von diesem Apfel aß, kann bereits erlangtes Bewußtsein nicht mehr löschen.“ Diesen Parazythen, der sich immer mehr zu verselbständigen scheint, will sich sowohl eine moderne Artusrunde als auch die Staatsgewalt, die eine biologische Waffe wittert, sowie ein dubioser religiöser Orden zunutze machen, der hofft, mit seiner Hilfe aus den im Kelch des Josef von Arimathea aufgefangenen Blutstropfen Christi den Heiland klonen und dadurch den eschatologischen Gang der Geschichte in menschliche Hand nehmen zu können. Vielleicht interessanter als diese religiöse Agentenstory für sich ist die Art und Weise, wie sie immer wieder aus spöttischen Zeitgeistbetrachtungen hergeleitet wird, wobei sich diese ins Verschwörungstheoretische um- und abwenden: „Oder glaubst du wirklich, daß eine so perfekt organisierte Diktatur“ – die DDR nämlich – „einfach abdankte, weil ein Grenzhauptmann einen Befehl falsch gedeutet hat? Ammenmärchen. Verdummung. Ein Land mit einem der bestfunktionierenden Geheimdienste der Welt, der für alle Varianten ein Planspiel hatte … Glaubst du, die hören einfach auf, sind nicht mehr da? (…) Der einzige Grund, weswegen eine so sportliche Diktatur mit einem so leistungsfähigen Apparat und so motivierten Mitläufern einfach übergeben wurde, heißt – Planspiel Trojanisches Pferd!“ Es ist sicher richtig, daß die DDR bei der Wiedervereinigung nicht einfach geschluckt wurde und verschwand, sondern daß auch die Bundesrepublik sich in manchen Zügen und nicht zu ihrem Vorteil die Verflossene schöpferisch anverwandelte, aber dies mit einer bewußt geplanten und getarnten Einschlürfung von innen erklären zu wollen, geht selbstverständlich ein wenig zu weit – was freilich auch der Autor weiß und daher genüßlich den Bogen überspannt. Immer läßt er sich ein Hintertürchen offen, und wenn es gar zu absurd wird, hat er es doch nicht so gemeint und entweder nur um der Belustigung oder des Effektes willen behauptet. Nur daß er ein „Ossi“ ist, wird „Reiner Wernher vom Nagel zu Haufe“ bei aller Lust an Täuschung und Spielerei nicht verhehlen können. Einen amüsanten Roman hat er vorgelegt, der sicher ein gutes Drehbuch abgeben würde – wenn nicht manche allzu schweinigeligen Passagen und die in romantischer Manier eingestreuten, inhaltlich durchaus unromantischen, surreal-obszönen Gedichte das Werk als nicht ganz jugendfrei erscheinen ließen. Foto: Parallelen zu „Matrix Reloaded“: Nicht nur der Held des Buches hat Ähnlichkeiten zum Film Reiner Wernher vom Nagel zu Haufe: Der Einzige – Lanze des Gral. Arun-Verlag, 368 Seiten, 20,50 Euro

Ahriman Verlag
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