Der Kulturphilosoph Ernest Becker hat in seinem Buch „The Denial of Death“ die These entwickelt, dass alles Tun des Menschen darauf abzielt, die eigene Sterblichkeit zu verleugnen. Die Kultur und ihre Objektivationen wie Religion, Kunst und Literatur sind nach Becker „Unsterblichkeitsprojekte“. Alles Handeln ist auf Bedeutung, Dauer und Fortbestehen angelegt.
Man tritt den großen Autoren nicht zu nahe, wenn man ihnen unterstellt, dass auch der Abfassung ihrer Werke der Wunsch nach Dauer zugrunde liegt, nach einer literarischen Unsterblichkeit über die Grenzen des eigenen Lebens hinaus. „Ich habe ein Denkmal errichtet, dauerhafter als Erz“, schrieb Horaz in seinen „Oden“. Und Ovid fügte hinzu: „Ich habe ein Werk vollendet, das weder Jupiters Zorn noch Feuer, noch Eisen, noch die alles verzehrende Zeit zerstören kann.“ Stolze Worte, denen man jede Menge ähnlicher Sentenzen großer Autoren hinzufügen könnte.
Was aber ist, wenn Autoren, die durch ihr Werk eine Art Unsterblichkeit anstreben, als menschliche Wesen ganz konkret der Endlichkeit begegnen, sprich: einer tödlichen Erkrankung anheimfallen, die das absehbare Ende ihrer Existenz markiert? Die Rede ist von Menschen, die in der Fülle ihrer Möglichkeiten dem Tod ins Auge blicken müssen und sich der Aufgabe gegenübersehen, im Angesicht des Todes ihre Würde und ihr Selbst zu behaupten.
Der Tod erscheint immer überraschend
Mittlerweile existiert ein ganzes Genre des Abschiednehmens, in dem Betroffene ein letztes Mal die Stimme erheben. Autoren wie Christopher Hitchens, Clive James, Peter Nádas, Wolfgang Herrndorf und andere haben beeindruckende Bücher über diese letzte existentielle Krise vorgelegt. Die meisten dieser Autoren waren bereits älter und blickten auf ein mehr oder weniger umfangreiches Lebenswerk zurück. Aber ganz gleich in welchem Alter ihnen ihr Schicksal begegnete: Immer erscheint der Tod, den man nur vage auf der Rechnung hatte, plötzlich und überraschend, auf jeden Fall unwillkommen wie ein verfrühtes Urteil, das irgendwie ungerecht erscheint und doch unabwendbar ist.

Nun ist auch der britische Booker-Preisträger und Nobelpreiskandidat Julian Barnes, Jahrgang 1946, in diesen „Club der sterbenden Dichter“ eingetreten. In der zweiten Hälfte seiner Siebziger wurde bei ihm eine unheilbare Form von Blutkrebs diagnostiziert, die zwar nicht unmittelbar tödlich ist, ihn aber mit seinem nahenden Ende konfrontiert. Sein Buch „Abschied(e)“, nach eigenem Bekunden, sein definitiv letztes Buch, ist die Frucht dieser Konfrontation.
Manch einer aus Julian Barnes’ großer Leserschaft mag dieses Buch in einem gewissen Bangen zur Hand nehmen und sich fragen: Wie wird sich die tiefsinnige Heiterkeit des Autors, seine liebevoll-ironische Relativierung aller Gewissheiten im Angesicht dieses unrelativierbaren Themas verändern? Antwort: überhaupt nicht. Julian Barnes, der Meister der hybriden Form zwischen Essay und Erzählung, der gebildete unterhaltsame Kaminplauderer bleibt der, der ist, das heißt, er entfaltet im Angesicht der Endlichkeit seine Bilanz in den gleichen geschliffenen literarischen Formen die seine Leser an ihm schätzen.
Der Autor macht um seine Krankheit wenig Aufhebens
Das Buch beginnt mit einer Darstellung der Proustschen Theorie der unwillkürlichen Erinnerung, um sie anschließend an seinen eigenen Jugenderinnerungen zu überprüfen. Seine „Recherche nach der verlorenen Zeit“ vollzieht sich als eine Vergegenwärtigung immer neuer Bilder, die auftauchen und verschwinden: ein erster Kuss, eine erste Liebe, die ersten literarischen Versuche. Dann erfolgt plötzlich der Sprung in die Gegenwart und eine Aufeinanderfolge von Berichten über eine rätselhafte Müdigkeit, diverse Sackgassen der Therapie, bis beim Autor eine unheilbare Blutkrebserkrankung diagnostiziert wird.
Für den Leser wirkt diese Krankengeschichte wie ein Schlag in den Nacken, auch wenn der Autor selbst davon wenig Aufhebens macht. Lamento, Entsetzen, Zorn und Rebellion, die in vielen Büchern dieses Genres vertreten sind, bleiben aus. Der Autor erzählt Anekdoten von Krankenschwestern, Ärzten und Therapien und wundert sich darüber, dass er seinem nahenden Ende so „gelassen“ entgegensieht. Diese Gelassenheit erwächst ihm nicht aus Reife, sondern daraus, dass er seinen körperlichen Verfall als Teil des Lebens akzeptiert.
Wie soll denn aus der Akzeptanz des Verfalls ein Trost erwachsen, mag manch ein Leser an dieser Stelle fragen, ohne zu erkennen, dass es Barnes gar nicht darum geht, irgendwelche Trostressoucen ausfindig zu machen. Trost ist keine zentrale Kategorie dieses Buches. Selbst der Rückblick auf die eigene Biographie spendet keinen Trost, allenfalls eine vage Dankbarkeit, das eigene, relativ erfolgreiche Leben in einer Gesellschaft ohne Krieg und Armut verbracht zu haben – und eine gewisse Genugtuung darüber, dass ihm die absehbaren Katastrophen in der nahen Zukunft erspart bleiben werden.
Der Sturz selbst bleibt ausgespart
Sicher, seit einiger Zeit hat er von vielen guten Freunden Abschied nehmen müssen, unter anderen von Stephen und Jean, deren Liebesgeschichte einen merkwürdig breiten Raum einnimmt. Aber auch diese Abschiede vollzogen sich mit Noblesse und Stil. Sein Schriftsellerkollege Martin Amis gab nach zwei Operationen seinen Kampf gegen den Krebs auf und ergab sich seinem Ende in Würde. Er starb im Mai 2023.
Eine andere betagte Freundin empfing in den drei letzten Tagen ihres Lebens die Abschiedsbesuche ihrer Lieben in glänzender Laune. Der Rollstuhl, so Barnes, rollte an den Rand der Klippe, aber die Stimmung war gut. Der Sturz selbst bleibt ausgespart.
Diese Aussparung aber ist keine Schwäche, sondern eine Stärke des Buches, denn es ist ein Unterschied, ob man über das Abschiednehmen oder das Sterben schreibt. Das Abschiednehmen ist eine legitime Bilanzierung, ein retrospektives Spiel der Erinnerung, das die Wahrheit oft nur touchiert. Dies für das eigene Leben durchaus tiefsinnig und kurzweilig entfaltet zu haben, ist die eigentliche Leistung des vorliegenden Buches.
Er macht sich davon, in den Tod
Die literarische Thematisierung des Sterbens jedoch ist etwas ganz anderes. Seine Einzelheiten vor dem Leser auszubreiten, ist bestenfalls, so der Büchner-Preisträger Thomas Bernhard (Lesen Sie hier ein JF-Porträt), eine Form der Selbstinszenierung, schlechtestenfalls eine Abart des Exhibitonismus, mit der sich der Sterbende selbst um seine Würde brächte.
Julian Barnes ist ein viel zu stilsicherer Autor, um dem Leser dergleichen zuzumuten. Stattdessen wahrt er die Pietät und bedankt sich auf den letzten Seiten des Buches bei seinen Lesern dafür, dass sie ihm so lange treu geblieben sind. Er spricht den fiktiven Leser sogar direkt an, legt ihm die Hand auf den Arm und macht sich davon, noch nicht in den Tod, aber ins Schweigen.






