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Nachruf auf Hans Magnus Enzensberger: „Als Prophet eine Fehlbesetzung“

Nachruf auf Hans Magnus Enzensberger: „Als Prophet eine Fehlbesetzung“

Nachruf auf Hans Magnus Enzensberger: „Als Prophet eine Fehlbesetzung“

Der Literat Hans Magnus Enzensberger hielt sich selbst für keinen guten Propheten Foto: picture alliance / dpa | Andreas Gebert / Bearbeitung JF
Der Literat Hans Magnus Enzensberger hielt sich selbst für keinen guten Propheten Foto: picture alliance / dpa | Andreas Gebert / Bearbeitung JF
Der Literat Hans Magnus Enzensberger hielt sich selbst für keinen guten Propheten Foto: picture alliance / dpa | Andreas Gebert / Bearbeitung JF
Nachruf auf Hans Magnus Enzensberger
 

„Als Prophet eine Fehlbesetzung“

Hans Magnus Enzensberger hat manch Wendung vollzogen. Der ehemalige Marxist fand gegen Ende seines Lebens eine bisweilen ironische Haltung – auch zu seinem ehemaligen Säulenheiligen. Ein Nachruf von Dietmar Mehrens.
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Hans Magnus Enzensberger hat auf seinem Lebensweg verblüffende Kurswechsel vollzogen, war erst Marxist, später Realist, aber immer unbequem. Als Literat war ihm die Anerkennung der deutschen Öffentlichkeit sicher. Mit dem streitbaren Intellektuellen, der unlängst in München verstarb, ist einer der letzten großen Autoren der deutschen Nachkriegsära abgetreten.

Das hätte ihm damals wohl keiner zugetraut, dem Achtundsechziger-Aushängeschild und Herausgeber des neomarxistischen „Kursbuches“: Mit „Hammerstein oder der Eigensinn“ (2008), einem leuchtenden Kleinod seiner Spätphase (konsequent gehalten übrigens in JF-Rechtschreibung), widmete Hans Magnus Enzensberger ein ganzes Buch dem einstigen Chef der Heeresleitung Kurt von Hammerstein (1878-1943), Wehrmachts-General, Freund Kurt von Schleichers und Musterbild preußisch-konservativer, deutschnationaler Gesinnung.

Solche Attribute reichen heute (und hätten Enzensberger anno 1968 vielleicht noch viel mehr genügt), um demjenigen, zu dem sie gehören, das Stigma des Bösen anzuheften. Andererseits hatte Enzensberger seine Mitstreiter aus APO-Kreisen beizeiten wissen lassen: „Bekenntnissen ziehe ich Argumente vor.“ Die liefert seine zu einem Agentenkrimi komprimierte synoptische Materialsammlung zu Hammerstein: Der hochrangige Kommandeur war früh im Bilde über den „Führer“, der Deutschland da erwuchs, nachdem Hitler in dessen Dienstwohnung am 3. Februar 1933 bei einer geheimen Unterredung mit der militärischen Führung des Deutschen Reiches bereits all seine wahnwitzigen Kriegs- und Eroberungspläne offenbart hatte.

1934 – Hammerstein ist bereits seit einem halben Jahr abgelöst, aber immer noch einflußreich – verstreicht ungenutzt der letzte günstige Zeitpunkt für einen Anti-Hitler-Putsch der Reichswehr, an den der Armeeführer dem Autor zufolge schon früh gedacht hat. Zwei Töchter des Generals arbeiten über KPD und Komintern mit dem Nachrichtendienst der Roten Armee zusammen. Ein Protokoll der Sitzung vom 3. Februar landet in Moskau. Die meisten seiner sieben Kinder sind später im Widerstand aktiv. Nach der Verschwörung vom 20. Juli gerät die Familie in Sippenhaft.

Enzensberger gehörte zur Gruppe 47

Fürwahr kein typischer Achtundsechziger-Stoff. Aber Hans Magnus („der Große“) war immer schon ein Querulant, der sich ungern in ein Schema pressen ließ. Aus der Hitlerjugend, der er als Kind beitreten mußte, wurde er mit genau dieser Begründung ausgeschlossen. Es dürfte dem „Hammerstein“-Autor allen bis 2008 erfolgten politischen Häutungen zum Trotz nicht so sehr darum gegangen sein, deutschnationale Gesinnungen zu rehabilitieren. Mehr scheint ihn bedrückt zu haben, daß bei vielen Rechthaber-Deutschen bis heute kein Raum ist für die gedankliche Verknüpfung der Begriffe Integrität und Militär zur Zeit der sogenannten Machtergreifung, weil „die Davongekommenen häufig glauben, sie wüßten es besser als jene, die in einem permanenten Ausnahmezustand lebten und dabei ihre Haut riskiert haben“, so der Autor im vorletzten Absatz seines Buches. Daß er einst zu denen gehörte, die in der Nachkriegszeit mit großem Vergnügen genau das taten: das Kind mit dem Bade ausschütten, konnte der geläuterte APO-Revoluzzer freilich nicht leugnen.

Der 1929 in Kaufbeuren im Allgäu zur Welt gekommene Sohn eines Nürnberger Oberpostdirektors wurde zum Volkssturm in der desaströsen Endphase des Krieges herangezogen, was wie bei vielen seiner Zeitgenossen, mit denen er sich später in Hans Werner Richters Gruppe 47 wiedertraf, die typischen Abwehrreflexe gegen alles zur Folge hatte, was auch nur entfernt an die NS-Zeit erinnerte. Etwa ein Vorfall wie die Spiegel-Affäre. Früh hatte sich der junge Germanist eine umfassende Bildung mit Studienaufenthalten in Erlangen, Freiburg, Hamburg und Paris sowie Reisen nach Amerika und in die Sowjetunion erworben. Längere Zeit lebte er in Norwegen und Italien. Den Kapitalismus lernte er nach eigener Auskunft auf dem Schwarzmarkt, wo er „mit Zigaretten, mit Butter und mit Nazi-Waffen“ Handel trieb.

Unter Alfred Andersch wurde er nach seiner Promotion zum Dr. phil. (Thema: die Lyrik Clemens Brentanos) Rundfunkredakteur in Stuttgart. Der Autor von „Sansibar oder der letzte Grund“ (1957) verglich seinen Zögling schon 1958 mit Brecht und bezog sich vor allem auf Enzensbergers Talent für das pointierte politische Gedicht. Nach Veröffentlichungen wie „verteidigung der wölfe“ (1957) oder „landessprache“ (1960), deren Titel seinen frühen Kleinschreib-Tick spiegeln, landete er beim Suhrkamp-Verlag, wo er Anfang der sechziger Jahre zunächst Lektor und schließlich ab 1965 zum Herausgeber des legendären „Kursbuchs“ wurde.

Enzensberger setzte Hoffnung in China

Das kannte bekanntlich nur einen Kurs: stramm links. Es war die Zeit der großen Verwerfungen in der Bundesrepublik. Die Umnachtung der geistigen Brandstifter von damals, zu denen man Enzensberger unbedingt zählen muß, gipfelte in Heft 15 des Sozialistenkampfblatts: Während im Reich der Mitte im Zuge der von Mao orchestrierten Kulturrevolution die Köpfe rollten, war für Enzensberger die Zeit gekommen, den „großen Vorsitzenden“ in den Dichterolymp zu heben und mit einem Mao-Gedicht etwas vom Glanz der Roten Garden auf die Seiten seiner Postille zu zaubern. Kommunismus und Rechtgläubigkeit waren damals für Linksintellektuelle so ziemlich dasselbe. Mao konnte also gar nichts falsch machen und die CDU so ziemlich gar nichts richtig.

Enzensberger, Grass, Walser & Co. fanden garantiert immer ein Haar in der Suppe. Bereits 1958 hatte der junge Poet zusammen mit Ilse Aichinger, Alfred Andersch, Ingeborg Bachmann, Erich Kästner, Siegfried Lenz, Wolfdietrich Schnurre und Martin Walser zu den Unterzeichnern einer Resolution gehört, die vor der Zerstörung aller Hoffnungen auf die Wiedervereinigung durch Adenauers Doktrin der Westbindung warnte. Das fast schon paranoide Mißtrauen der linken Dichterelite gegenüber der jungen westdeutschen Demokratie zugunsten der Verbrecherregimes im Osten gibt bis heute Rätsel auf.

Kritik am einstigen Säulenheiligen

In seinem 33 Gesänge langen Versepos „Der Untergang der Titanic“ (1978) ironisierte der streitbare Franke später die Weltuntergangserwartung, die für den paranoiden Teil der Achtundsechziger so charakteristisch und zugleich der Boden war, auf dem der RAF-Terror gedieh. Als Herausgeber der vielbeachteten „Anderen Bibliothek“ ließ der Büchner-Preisträger in den Achtzigern dann seine Jugendsünden nach und nach verblassen und vollzog beachtliche Kurswechsel – für einige zu viele.

Immer wieder meldete sich Deutschlands unbequeme Stimme auch in seinen letzten beiden Lebensdekaden zu Wort, fand unorthodoxe Antworten auf Irakkrieg, Islamismus („Schreckens Männer“, 2006), EU, Migration und Digitalisierung. Seine Medienkritik „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ (1970), damals im Sinne der Frankfurter Schule als Angriff auf die bürgerlich-konservative Meinungsmacht gedacht, läßt sich heute umdrehen und gnadenlos gegen unsere heiligen ÖRR-Bastionen in Stellung bringen.

Insofern wirkt es ein wenig ironisch kokettierend, was der 78jährige anläßlich der Finanzkrise dem damaligen Spiegel-Reporter Matthias Mattusek bekannte: „Ich bin als Prophet eine totale Fehlbesetzung.“ Immerhin fügte er gleich hinzu, wem er das vermeintliche Manko zu verdanken hat: „‘Das Kapital’ war immer ein tolles Buch“, so Enzensberger über seinen einstigen Säulenheiligen Karl Marx. „Stark in der Analyse, schwach in der Prophezeiung.“

Der Literat Hans Magnus Enzensberger hielt sich selbst für keinen guten Propheten Foto: picture alliance / dpa | Andreas Gebert / Bearbeitung JF
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