Kranzniederlegung zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus am 20.07.2013 im Bendlerblock in Berlin
Kranzniederlegung zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus am 20.07.2013 im Bendlerblock in Berlin Foto: picture alliance / Jörg Carstensen / dpa

20. Juli 1944
 

Sie haben Maßstäbe gesetzt

Die Ehrung der Gefallenen des 20. Juli war immer nur eine Sache weniger. Zwar gehörte die Berufung auf den Widerstand zum offiziellen Selbstverständnis beider deutscher Staaten, fand aber kaum breitere Resonanz. In der Bevölkerung der Bundesrepublik gab es Vorbehalte gegen die „Verräter“ oder gleich gegen den „Feigling“ Stauffenberg, in der Bevölkerung der DDR eine wohlbegründete Skepsis gegen alles, was mit der „antifaschistischen“ Doktrin zu tun hatte.

Dabei blieb es im Osten bis zum Schluß, während im Westen die linke Kulturrevolution der 1960er Jahre einerseits zur Anerkennung des Widerstandes, andererseits zur Verkehrung der Maßstäbe führte. Bewunderung galt nicht den Männern des 20. Juli, die den „entscheidenden Wurf“ (Henning von Tresckow) gewagt hatten, sondern obskuren Gruppen wie den „Edelweißpiraten“ oder dem kommunistischen Untergrund, samt den Landesverrätern der „Roten Kapelle“.

Begründet wurde das mit der „reaktionären“ – nationalen, christlichen, konservativen – Weltanschauung der Verschwörer. Tyrannenmord und Staatsstreich ließen aus Sicht der Progressiven keine wünschenswerte, weil „fortschrittliche“, Konsequenz erwarten, wäre doch nur „ein schwarz-weiß-roter Ständestaat entstanden; gewissermaßen das Dritte Reich minus Hitler, Rassenwahn und KZ“ (Initiative Leutnante 70).

Nur eine Spielart der ewigen deutschen Gefahr

Allerdings wagte man in der Regel nicht, die persönliche Integrität von Männern wie Claus von Stauffenberg oder Henning von Tresckow in Frage zu stellen. Eine Schranke, die erst in der Berliner Republik fiel. Parallel zur Denunziation der Wehrmacht als „marschierendes Schlachthaus“ (Hannes Heer) etablierte sich seit den 1990er Jahren die Vorstellung, daß die Männer des 20. Juli nicht nur wegen ihrer Ideen, sondern auch wegen ihrer Beteiligung an Verbrechen des NS-Regimes als Vorbilder ungeeignet seien. Insbesondere Tresckow traf der Verdacht, er sei in Massentötungen an der Ostfront verstrickt gewesen, habe jedenfalls spät – zu spät – etwas gegen das System unternommen, was sein und das Vorgehen der Mitverschwörer moralisch entwerte.

Das Hauptziel dieser Argumentation war kein geschichtswissenschaftliches, sondern ein geschichtspolitisches: Es sollte die Vorstellung diskreditiert werden, daß es ein „anderes“, „geheimes Deutschland“ gab, das jenseits und trotz des totalitären Systems bestand. Eine Auffassung, die nicht von jener radikalisierten Form der „Vergangenheitsbewältigung“ zu trennen ist, die sich je länger je entschlossener zeigt, alles, was vor der „Befreiung“ von 1945 war, zu verdammen und keinen Deutschen aus der „Kollektivschuld“ zu entlassen.

Faktisch wird so auch der Haltung der Alliierten gegenüber den Männern des 20. Juli 1944 nachträglich recht gegeben. Denn für Roosevelt war die Erhebung „bedeutungslos“, für Churchill eine „dog-eats-dog-affair“. Es gehe, so ihre Annahme, um einen Konflikt innerhalb der deutschen Führung, von der ein Teil glaube, sich in vorletzter Stunde aus der Affäre ziehen zu können, indem er alle Verantwortung auf Hitler abwälze und den aus dem Weg räume.

Da man den Nationalsozialismus aber nur als Spielart der ewigen deutschen Gefahr zu betrachten habe, sei mit dessen Verschwinden das eigentliche Problem nicht gelöst. Das Scheitern des Attentats betrachtete man folglich als Plus für die Alliierten. In der Ausgabe der New York Herald Tribune vom 2. August 1944 hieß es dementsprechend: „Wenn der Hitlerismus sein letztes Gefecht einläutet, indem er die militaristische Tradition zerstört, dann nimmt er den Alliierten einen großen Teil ihrer Arbeit ab.“

„Wir bekämpfen jetzt die Deutschen, die Nazis sind“

Eine Einschätzung, die ganz der offiziellen entsprach. Drei Tage zuvor hatte das Office of Strategic Services (OSS) – der militärische Geheimdienst der Vereinigten Staaten – einen Bericht mit dem Titel „Das beste Ergebnis des ‘Hitler-Wunders’“ fertiggestellt, in dem zu lesen war: „Außer ihrem Bestreben, die Wehrmacht vor einer völligen Zerstörung und Niederlage zu retten, beginnen die konspirierenden Generäle, die zweifellos hoffen, die Schuld am Kriege den Nazis anzulasten, bereits den nächsten Krieg vorzubereiten.“ Der Verdacht war selbstverständlich absurd, hatte aber mit einem in den angelsächsischen Führungsschichten tief verankerten „Gruppendenken“ zu tun, das es ihnen unmöglich machte, die Lage und die wirklichen Motive der Verschwörer zu begreifen.

Blick auf eine Gedenktafel für den ehemaligen Generalmajor der Wehrmacht, Henning von Tresckow, an der Dorfkirche im Potsdamer Stadtteil Bornstedt Foto: picture alliance / Nestor Bachmann / dpa

Die Überzeugung, daß es sich – ganz gleichgültig, wer an der Spitze des Reiches stand – immer um Verbrecher und Repräsentanten von Verbrechern handelte, hatte schon die Weigerung der Alliierten begründet, auf irgendeinen Kontaktversuch des Widerstandes einzugehen. Das war auf seiten der deutschen Opposition nicht unbedingt zu erwarten gewesen. Denn im britischen Unterhaus wie im amerikanischen Kongreß gab es Vorbehalte gegenüber der Forderung nach „bedingungsloser Kapitulation“ der Achsenmächte.

Seit der Entdeckung des sowjetischen Massenmordes bei Katyn wuchs nicht nur die Skepsis gegenüber dem Verbündeten Stalin. Man durfte auch die Frage stellen, warum im deutschen Fall nicht möglich sein sollte, was im italienischen gelungen war. Dort hatte ein hoher Militär, Marschall Badoglio, Mussolini gestürzt, eine kommissarische Diktatur errichtet und den Kampf gegen die Westmächte eingestellt.

Der Fehlschlag des 20. Juli erledigte aber alle entsprechenden Gedankenspiele. Mit Genugtuung registrierte der erwähnte Bericht des OSS, daß durch die von Hitler vorangetriebenen Maßnahmen eine „Nazifizierung … bis hinunter zur letzten Dissidentenstimme“ erfolge, die den „Mythos vom ‘edleren Deutschen’ täglich unglaubwürdiger“ mache. Endlich sei keine Unterscheidung mehr nötig: „Wir bekämpfen jetzt die Nazis, die Deutsche sind, und die Deutschen, die Nazis sind.“

Das Scheitern des 20. Juli als „Glücksfall“

Das bedeute auch, daß der Luftkrieg ohne Rücksicht weitergeführt werden könne, sich gegen militärische wie nichtmilitärische Einrichtungen wenden dürfe, denn es gehe nur noch darum, „durch die Zerstörung der Städte, des Transportes, der Verwaltung“ das Reich in die Knie zu zwingen und die „Bewohner … immer im Wirbel der Luftangriffe zu halten.“ Das Kriegsziel sei, Deutschland einen karthagischen Frieden aufzuzwingen: „Der Weg ist jetzt klar für die alliierte Besetzung Deutschlands auf nicht weniger als 25 Jahre – vielleicht soll sie 50 Jahre dauern.“

Es dürfte kaum ein Verantwortlicher auf seiten der Siegermächte genug Phantasie gehabt haben, um sich vorzustellen, daß die Deutschen die alliierte Beurteilung des Widerstandes irgendwann bereitwillig akzeptieren würden. Aber im Vorfeld des 50. Jahrestags der Erhebung von 1944 besetzte jugendlicher Pöbel die Gedenkstätte Deutscher Widerstand und hing Transparente mit den Parolen „20. Juli 1994: Feiern für ein Viertes Reich“ und „Nie wieder Deutschland“ aus den Fenstern des Bendlerblocks. Die taz begrüßte die „Intervention“ ausdrücklich und erklärte, daß der militärische Widerstand keine Anerkennung verdiene, da er „schuldbeladen und fern von jeder demokratischen Gesinnung, mit dem Attentat seinen eigenen Kopf angesichts der unausweichlich gewordenen Niederlage der deutschen Mordbrenner retten wollte“ (Gerd Nowakowski).

Zehn Jahre später waren solche Auffassungen in der vielberufenen Mitte der Gesellschaft angelangt. Eine führende Repräsentantin der Politischen Klasse – die Liberale Hildegard Hamm-Brücher – fand den traurigen Mut, das Scheitern des 20. Juli zum „Glücksfall“ und die Niederlage zur „geschichtlichen Notwendigkeit“ zu erklären, auf daß die Deutschen ihre „Lektion“ in Sachen Demokratie lernten.

Helden sind Ausnahmemenschen

Die Beurteilung der Verschwörer des 20. Juli folgt seither vielfach dieser Linie. Aber man darf die Bedeutung gegenläufiger Tendenzen nicht unterschätzen. Das gilt etwa für die Wirkung der filmischen Verarbeitung des Geschehens in Jo Baiers „Stauffenberg“ (2004) mit Sebastian Koch in der Titelrolle wie in Bryan Singers „Valkyrie“ (2008) mit Tom Cruise.

Gegen die Art der Dramatisierung und die eine oder andere historische Ungenauigkeit mag es Einwände geben, aber man sollte nicht unterschätzen, in welchem Maß die Streifen gerade in der jungen Generation zum Respekt und sogar zur Bewunderung Stauffenbergs und seines Kreises beigetragen haben. Eine Korrektur anderer Art erfuhr in jüngster Zeit das Bild Tresckows durch die bei Duncker & Humblot erschienene Biographie des Historikers Silvio Kobel. 

Allerdings bleibt trotz dieser erfreulichen Ansätze festzuhalten, wie weit wir immer noch von jenem Punkt entfernt sind, der eigentlich erreicht werden müßte: der Anerkennung der Männer des 20. Juli als Helden. Die Bedeutung des Begriffs „Held“ ist in einer Welt, in der es von „Liefer-“ und „Alltagshelden“ wimmelt, fast vergessen. Aber er steht eigentlich für den Ausnahmemenschen. Den, der sich zu überwinden vermag. Den, der so handelt, wie es die vielen nicht wollen oder können. Der Held ist dadurch Vorbild, daß er Maßstäbe setzt. Mit den Worten des Eides der Verschwörer: Er verwirft durch seine Tat die „Gleichheitslüge“ und setzt die „naturgegebenen Ränge“ wieder in Geltung.

JF 29/21

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