Buchpräsentation
Thilo Sarrazin bei der Buchvorstellung: Kritiker bestätigen unfreiwillig Sarrazins Thesen Foto: picture alliance / dpa

Buchvorstellung
 

Sarrazin und die Zwei-Drittel-Meinungsfreiheit

Am Montag mittag hat Thilo Sarrazin im Haus der Bundespressekonferenz sein neues Buch vorgestellt. „Der neue Tugendterror“, so der Titel, untersucht „die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“. Es war dieselbe Räumlichkeit, in der er 2010 seinen Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ präsentiert hatte. Während der Raum seinerzeit nicht alle Interessenten fassen konnte, war die Zahl der anwesenden Pressevertreter diesmal geringer und deren Ton spürbar gemäßigter.

Dabei war das Gros der anwesenden Journalistenschar der eigentliche Adressat, wie DVA-Verlagsleiter Thomas Rathnow zu Beginn herausstellte: Das heutige Buch zwinge alle hier Beteiligten zur Selbstreflexion. Flankierend hierzu sprach der renommierte Kommunikationswissenschaftler Hans Mathias Kepplinger einleitende Worte. Entgegen vorherrschender Anschauung sei der Kampf um Presse- und um Meinungsfreiheit nicht identisch.

Denn auch die Berichterstattung der freien Presse könnte die Meinungsbildung eingrenzen und manipulieren. Kepplinger verwies auf eine repräsentative Studie, derzufolge ein Drittel der Deutschen dafür sei, bestimmte Meinungen zu verbieten. Sarrazins Werk, eine „qualitative Studie zur Wirkung der Massenmedien“ mit Blick auf die Meinungslenkung, sei zudem eine „einzigartige Dokumentation des reziproken Wirkens der Medien“, wandle sich doch hier der Beobachtete (Sarrazin) zum Beobachtenden (der Medien).

Kritiker bestätigen unfreiwillig Sarrazins Thesen

Entsprechend begann Sarrazin seinen Auftritt: „Ich bin neugierig, wie Sie mit dieser Rolle umgehen – nicht als Beobachtende, sondern als Betroffene.“ Einen ersten Vorgeschmack hierzu lieferten die fünf Vorab-Verrisse seines Buches, verfaßt ohne Kenntnis desselben. Diese Artikel, erklärte Sarrazin, „bestätigen wunderbar die These meines Buches“.

Indes, so der Autor, rekapituliere er nur in einem Kapitel von knapp 70 Seiten seinen eigenen Fall; sonst ginge es hier gar nicht um ihn, sondern – wie Kepplinger ergänzte – um die Millionen Menschen in Deutschland, die keine öffentliche Stimme hätten. Breiten Raum nehmen am Ende des Buches die „Vierzehn Axiome des Tugendwahns im Deutschland der Gegenwart“ ein, beginnend bei „Ungleichheit ist schlecht, Gleichheit ist gut“, endend bei dem Postulat „Kinder sind Privatsache. Einwanderung löst alle wesentlichen demographischen Probleme“. Mit diesen Punkten, so Sarrazin, habe er „ein geschlossenes Weltbild abgedeckt; Claudia Roth, wenn sie es liest, müßte begeistert sein“.

Der neue Tugendterror: Notwendige Ungleichheit Foto: JF
Der neue Tugendterror: Notwendige Ungleichheit Foto: JF

Grundsätzlich, so der ehemalige Berliner Finanzsenator, erschienen viele Forderungen des Gleichheitswahns zunächst schlüssig – aber nur, solange er nicht zu Ende gedacht werde. Mit der Französischen Revolution in die Welt getreten, sei er heute eine säkulare Form von Religion. Besonderen Anteil an dessen Propaganda hätte die von Linken, Grünen und Sozialdemokraten dominierte Medienklasse durch ihren „utopischen Überschuß“, den er zurückführte auf Saint-Just im Jahr 1791. Dessen Grundirrtum sei die Annahme gewesen, Freiheit führe zu Gleichheit. Tatsächlich bewirke sie genau das Gegenteil.

Debattenkultur in den 50er Jahren deutlich ausgeprägter als heute

Befragt zu den aktuellen Ausgrenzungen aus Talkshows erklärte der Ex-Bundesbankvorstand, daß seine Ausladung aus der Hörfunk-Talkshow des RBB auf Anweisung des Chefredakteurs Christoph Singelnstein erfolgt sei. Befragt zur Rolle der „Reeducation“ meinte Sarrazin, daß die Debattenkultur im Deutschland der 50er Jahre deutlich ausgeprägter gewesen sei als heute.

Schließlich angesprochen auf Avancen von seiten der AfD, betonte der Angesprochene, sich noch immer in der SPD zu Hause zu fühlen. Eine Ausnahme machte er aber in der Frage der Währungspolitik: Hier sei „bei der AfD mehr fachliche Kompetenz versammelt als bei SPD und Union zusammen“.

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Thilo Sarrazin bei der Buchvorstellung: Kritiker bestätigen unfreiwillig Sarrazins Thesen Foto: picture alliance / dpa
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