Die guten Jahre damals

Rainer Langhans, 1940 geboren, neben Dieter Kunzelmann und Fritz Teufel der bekannteste „Kommunarde“, hat mit der Filmemacherin Christa Ritter alte Fotografien gesichtet und einen anschaulichen Bildband zusammengestellt. Im Vorwort schreibt der Schriftsteller Bernd Cailloux vom „erlösenden Achtundsechzig“, von den „guten Jahren damals“ und daß es „durchweg Spaß“ gemacht habe, Puddingbomben vor den Nasen von Politikern explodieren zu sehen.

Da spricht einer, der gerne dabei gewesen wäre oder noch nie eine Ladung Mousse unvermittelt ins Gesicht bekommen hat. „Witzigkeit“ auf Kosten Dritter, „die große Lachnummer“ revolutionär verkleidet: Hinterher kann man alles gutreden. Zumal aus Puddings bald Pflastersteine und Kugeln wurden. Doch auch wer den teils überheblichen Posen der Akteure auf den alten Aufnahmen wenig abgewinnen kann, dürfte sinnliche Freude am Materialreichtum des Bildbands haben – Fritz Teufel mit Horst Mahler im Gericht, die „Kommune“ beim Fußballspiel und auf Happenings, Uschi Obermaier beim Joint-Drehen, usw.

Die zeitgleich erschienenen Lebenserinnerungen von Langhans heißen schlicht „Ich bin’s“. Auch hier dominiert ein die eigene Jugend verklärender Blick. Indes, die „Kommune“ blieb vom linken Zeitgeist dominiert, auf Ablehnung von Eigentum fixiert, schloß vom Materiellen auf das Sexuelle. Diese tribalistische, aber wirtschaftlich unproduktive Struktur als Vorbild zur Organisation der ganzen Gesellschaft zu sehen, war eine absurde Utopie. Spannender ist die Annäherung an den Menschen Rainer Langhans. Hier überraschen angenehm dessen Äußerungen vor und nach der „Kommune“-Zeit sowie seine stete Frage: „Warum bin ich hier?“

Im Anhang finden sich Tagebuchaufzeichnungen aus Langhans‘ Jugendzeit, Gedanken um längst verflogene Mädchen. Die Zeilen berühren zutiefst. Sie zeigen einen sensiblen und innigst ringenden jungen Menschen. Man bangt mit ihm und weiß doch um das kommende Scheitern. Und man kann Gründe für die spätere 68er-Beteiligung, den Wunsch nach Befreiung besser verstehen. Ebenso beeindruckend sind die Reflexionen des heutigen Langhans zu Spiritualität, Alter und Tod. Sie führen zu jenem weisen und bescheidenen Menschen, den der Autor dieser Zeilen schätzen gelernt hat und dem er sich freundschaftlich verbunden fühlt. Absolut lesenswert.

Rainer Langhans, Christa Ritter: K1. Das Bilderbuch der Kommune. Blumenbar Verlag, München 2008, broschiert, 192 Seiten, Abbildungen, 24,90 Euro

Rainer Langhans: Ich bin’s. Die ersten 68 Jahre. Blumenbar Verlag, München 2008, gebunden, 248 Seiten, Abbildungen, 19,90 Euro

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