Platzverweis in der Regionalliga Nord Foto: piczure alliance
Amateurfußball

Gejagt und verprügelt

Die Eltern in der beschaulichen Gemeinde Brotdorf im Saarland trauten ihren Augen nicht. Vor ein paar Minuten war das Spiel der C-Jugend abgepfiffen worden, der Schiedsrichter wollte im Vereinsheim den Schlüssel für seine Kabine abholen.

Der 37jährige stand am Tresen, als ihn zwei Faustschläge auf Kopf und Nacken trafen. Täter war der Vater eines Jugendspielers. Der Unparteiische kam ins Krankenhaus, der Fall aus dem August dieses Jahres sorgte bundesweit für Schlagzeilen. Auch weil die Saar-Schiris anschließend ein Wochenende streikten.

Gebracht hat es wenig. Erst vor wenigen Wochen mußte ein Unparteiischer ein Kreisliga-Spiel abbrechen, nachdem er von einem Spieler zu Boden gestoßen wurde. Im kleinen Saarland hat Innenminister Klaus Bouillon (CDU) die Angelegenheit zur Chefsache gemacht und einen Kontaktpolizisten benannt, der für Gewalt gegen Schiedsrichter zuständig ist.

Oft beteiligt: Spieler mit Migrationshintergrund

Zudem wurde die Staatsanwaltschaft angewiesen, solche Vorfälle schneller zu bearbeiten. In größeren Bundesländern sind Ausschreitungen dieser Art noch nicht bis in höchste politische Kreise vorgedrungen. Dabei gibt es sie zuhauf. Und oftmals sind Mannschaften beteiligt, in denen sich viele Akteure mit Migrationshintergrund finden.

Vor zwei Wochen schlug ein Spieler des rheinland-pfälzischen TuS Rüssingen während des Halbfinals des Bitburger-Verbandspokals den Linienrichter nieder. Für Rüssingen standen ausschließlich Brasilianer auf dem Platz. Gewalt sei unentschuldbar, betonte ein Vereinssprecher, und TuS-Trainer Akgün Yalcin fügte hinzu: „Er hat zu unseren Spielern gesagt, jeder der nicht Deutsch spricht, wirft er vom Platz.“

Ähnliche Vorfälle hatte es zuletzt verstärkt in Hessen, Nordrhein-Westfalen und Berlin gegeben. In der Hauptstadt taten es die Schiris ihren saarländischen Kollegen gleich und traten in den Streik. Vereine beklagen mangelnden Respekt, eine sinkende Hemmschwelle gegenüber dem Einsatz von Gewalt und einen Verfall der Sitten.

Experten sprechen von einem Spiegelbild der Gesellschaft. Die FAZ berichtet davon, daß unter den Tätern der Anteil an Migranten überproportional groß sei. Selbst die linke taz stellt dies nicht in Abrede, weist aber darauf hin, daß viele Schiedsrichter Vorurteile hätten. Zudem würden sogenannte „Migranten-Mannschaften“ gezielt provoziert.

„Respekt in der Gesellschaft nimmt weiter ab“

Für den Vorsitzenden der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Oliver Malchow, zeigen die Vorfälle, daß die Konfliktlösungskultur in der gesamten Gesellschaft nicht mehr ausgeprägt sei. Dies spiegele sich auch beim Amateurfußball wider. „Der Respekt in der Gesellschaft nimmt weiter ab – auch auf dem Fußballplatz. Die Aggressionen zwischen Spielern und gegen den Schiedsrichter wachsen an“, sagte Malchow im Gespräch mit der Welt.

Auch der hessische Innenminister Peter Beuth (CDU), der persönlichen Kontakt zu einem betroffenen Schiedsrichter hatte, reagierte schockiert. „Der Schiedsrichter hat sich ehrenamtlich dafür eingesetzt, daß ein fairer und regelkonformer Spielablauf in der Amateurliga stattfinden kann. Für diesen Einsatz wurde er bewußtlos geprügelt. Das macht einen fassungslos.“

Die Kriminologin Thaya Vester hat für ihre Doktorarbeit am Institut für Kriminologie an der Universität Tübingen in der Vergangenheit 700 Urteile aus allen Sportgerichtsurteilen in Baden-Württemberg ausgewertet. Das Ergebnis: Spieler mit Migrationshintergrund sind überproportional oft die Täter. Sie stellen zwar nur etwa ein Drittel aller Kicker, sind aber an jedem zweiten besonders schweren Fall beteiligt.

Andere Statistiken werfen die Frage auf, ob die Zahlen wirklich steigen. „Wir haben sicherlich die Situation, daß Vorfälle, die es im übrigen früher auch schon gegeben hat, durch soziale Netzwerke viel häufiger publik werden. Mein Eindruck ist schon, daß die Brutalität zugenommen hat“, sagt Saar-Innenminister Bouillon.

Schlechtes Vorbild Profifußball?

Der Deutsche Fußball-Bund hat für das vergangene Jahr mitgeteilt, daß 99,51 Prozent aller Spiele im Amateurfußball komplett störungsfrei verlaufen seien. Dies habe eine Auswertung der Online-Schiedsrichterbögen ergeben. Nur fünf von 10.000 Spielen wurden demnach wegen Gewalt oder Diskriminierung abgebrochen. Doch bei den geschätzten 80.000 Spielen pro Wochenende wären dies umgerechnet immerhin 40 Spiele an jedem einzelnen Wochenende der Saison.

Hans E. Lorenz sieht die Ursachen auch im Profifußball. „Das, was oben passiert, findet seine Wiederholung an der Basis“, sagte der Vorsitzende des DFB-Sportgerichts dem SWR. Lorenz berichtete von neuen Vorfällen im Amateurbereich, bei denen Unparteiische im Stil von Ex-Nationalspieler Holger Badstuber als „Muschis“ bezeichnet wurden.

Oben seien die Schiedsrichter durch Ordner und Verbandsgerichte geschützt, sagt der ehemalige Weltklasse-Schiri Thorsten Kinhöfer. Doch das schlechte Benehmen der Profis zeige unten Wirkung: „Man muß sich bei diesen Vorbildern nicht wundern, daß im Amateurfußball Woche für Woche Schiedsrichter beleidigt, bedroht und verprügelt werden.“

JF 50/19

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