Es gibt Zeitenwenden, die sind offensichtlich. 1789, 1917, 1989. Doch die meisten vollziehen sich unbemerkt. Eine solche Zeitenwende erlebt gerade Italien. Es ist die Zerstörung der bedeutendsten Kulturlandschaft Europas.
Denn auch Italien setzt auf grüne Energie. Hunderte Windräder sind geplant, die meisten 200 Meter hoch, einige noch deutlich höher; dazu Photovoltaikanlagen in Größen von 70 bis 120 Fußballfeldern. Und dies nicht nur in unbesiedelten Gebieten in den Abruzzen oder im Süden, sondern im Kerngebiet der italienischen Kulturlandschaft: Umbrien, Latium, Toskana. Ohne Rücksicht auf Denkmäler, Schlösser und alte Weingüter, auf Dörfer und gewachsene Natur. So gibt es in der Region um Bagnoregio, bekannt als „die sterbende Stadt“, Pläne für den Bau von großen Windparks.
Über die berühmte Fassade des Doms von Orvieto, eine der großen gotischen Kathedralen Italiens und Ursprungsort des Fronleichnamfestes, dürfte bald der rotierende Schlagschatten der Windturbinen streichen. Herrschaftliche Landsitze finden sich, gleich kleinen Inseln, umschlossen von einem Meer aus Sonnenpanelen. Zypressen- und Pinienalleen, gewachsen in vielen hundert Jahren, werden für den Transport der Turbinenflügel niedergelegt. Ebenso verschwinden derzeit jene Olivenhaine, die mit ihren silbrigen Blättern mehr als zweieinhalbtausend Jahre das Gesicht Mittelitaliens prägten.
Auch Geldwäsche spielt eine Rolle
Ohnehin bedroht durch das tödliche Feuerbakterium sowie Massenanpflanzungen banaler Haselnusssträucher, kommt jetzt noch – und mit ganz anderer Wucht – die Energiewende. Gegen das schnelle Geld der EU-Subventionen sind Investitionen in Olivenbäume, die frühestens nach 10 bis 20 Jahren zählbare Erträge liefern, ein Akt wirtschaftlicher Unvernunft. Und keinem Landwirt ist zu verdenken, wenn er den Verlockungen von RWE und anderer Energiekonzerne nachgibt, sein Land für den dreifachen Preis dessen zu verpachten, was er bei guten Ernten durch Landwirtschaft verdienen kann.
Wie in Deutschland ist auch in Italien der tatsächliche Ertrag der Windturbinen weitgehend irrelevant. Ob der Wind weht oder nicht, spielt für die Profitabilität der Windräder kaum eine Rolle, weil die Subventionshöhe entscheidend ist. Entsprechend findet sich, gleichsam als finale rechtliche Absicherung, in vielen Bauanträgen der Hinweis, dass den prognostizierten Erträgen keine realen Windmessungen zugrundelägen, sondern lediglich Software-Simulationen – und dass der tatsächliche Ertrag deutlich abweichen könne. Was bei Gas-, Kohle- oder Atomkraftwerken für schallendes Gelächter der Besteller sorgen würde, ist bei angeblicher „grüner“ Energie kein Einwand.
Wo es in Italien um Milliarden geht, darf auch die ehrenwerte Gesellschaft nicht fern sein (Lesen Sie hier ein JF-Stück über die italienische Mafia in Deutschland). Dass sie Wind- und Solarparks im großen Stil zur Geldwäsche nutzt, ist allgemein bekannt, die Medien berichten über immer neue Fälle. Auch bei den aktuellen Planungen gibt es oftmals Auffälligkeiten. So stoppte die Regionaldirektion Umbrien jüngst zwei Genehmigungsverfahren, weil die potentiellen Betreiber entweder Kopien von Anträgen aus anderen Regionen oder leere Projektblätter ohne eine einzige technische Angabe eingereicht hatten.
Und die Wind- und Solarparks sind erst der Anfang
Offensichtlich waren sich die Antragssteller, wohl aufgrund von Erfahrungen aus anderen Regionen, der Genehmigung so sicher, dass sie unbedruckte, weiße Blätter für ausreichend erachteten. Auch weisen die massenhaft für jeden Windpark und jede Photovoltaikanlage gegründeten Tochtergesellschaften immer nur ein Haftungskapital von 10.000 Euro aus. Wer die Kosten der Beseitigung maroder oder defekter Anlagen trägt, wer den Verlust durch Bodenverseuchung und -verdichtung, ist damit schon jetzt klar.

Doch auch das ist für die EU, die trotzig an ihrem Green Deal und den dort versprochenen Subventionen festhält, kein Grund zur Besinnung. Geht es um die Durchsetzung ideologischer Ziele, sind weder die Mafia noch die komplette Zerstörung der italienischen Landschaft ein Hindernis.
Und die Wind- und Solarparks sind erst der Anfang. Sind sie erst einmal genehmigt, gelten die Areale automatisch als Industriegebiet. Große, bisher geschützte Gebiete werden dadurch für andere als touristische oder landwirtschaftliche Zwecke nutzbar. Das sei, so der melancholische Spott mancher Beobachter, nur konsequent.
Meloni geht die Energiewende mit
Denn kein Tourist werde im Rotorenlärm der Windturbinen schlafen wollen, keiner die berühmten „rollenden Hügel“ der Toskana besuchen, wenn sie erst photovoltaisch ‘verpanelt’ sind. Und für tausende ökologische Betriebe, die Honig-, Öl-, Käse und Wein produzieren, bedeutet jeder Windpark ohnehin das Ende ihrer Tätigkeit. Wegen des hohen Abriebs der aus Epoxidharz, Glasfaser und Kunststoffen gefertigten Rotorblätter bekommen Produzenten, die in der Nähe von Windparks liegen, nicht mehr die für sie wirtschaftlich überlebenswichtigen Öko-Siegel.
Inzwischen formiert sich der Widerstand. Mehr als einhundert Kulturschaffende, Umweltschützer, Wissenschaftler und Angehörige der betroffenen Regionalverwaltungen sowie prominente Intellektuelle appellierten an Staatspräsident Mattarella, die geplante grüne Verwüstung Italiens zu stoppen. Zu den Unterstützern gehören unter anderem der Philosoph Giorgio Agamben, die Regisseurin Alice Rohrwacher und Eike Schmidt, der langjährige Direktor der Uffizien in Florenz, Dass sie sich nicht an die Regierung Meloni wandten, hatte seinen Grund.
Denn die vorgeblich konservative Regierung, immer bedacht auf ihr gutes Verhältnis zu Brüssel und den Profit, den sie daraus zieht, lässt keinerlei Anstrengungen erkennen, den in vielen anderen Ländern längst als Fehlinvestition erkannten Ausbau der Windenergie zu stoppen. Stattdessen feiert sie lieber die kürzlich erfolgte Aufnahme der italienischen Küche in die Liste des Weltkulturerbes. So gilt in Italien ganz buchstäblich: Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral. Doch schon bei Brecht war die nur ein Platzhalter für Abgrund und Zerstörung. Finis Italiae.





