Markus Krall Freiheit oder Untergang
Giftschrank
Vorsicht, giftige Literatur! Foto: picture alliance | Torsten Krueger / Antaios / JF-Montage

Sekretierte Literatur
 

Giftige Verschlußsache

Von Michael Klonovsky stammt die Aussage: „Ich komme aus der DDR, das könnte möglicherweise heißen: Ich komme aus der Zukunft.“ Was ironisch gemeint war, bestätigt sich im wiedervereinten jedoch geistig immer tiefer gespaltenen Deutschland mittlerweile häufiger. Die von Klonovsky angedeutete Zukunft ist auf dem besten Weg, zur Gegenwart zu werden.

Der Grad der Freiheit eines Landes bemißt sich bekanntlich auch daran, wie mit Meinungen umgegangen wird, die nicht dem gesellschaftlichen Konsens entsprechen. Werden sie akzeptiert oder verteufelt? Läßt man gewähren oder verbietet man?

Die Einschränkung jener Freiheit hat im Laufe der Geschichte viele Formen hervorgebracht. Es muß nicht immer gleich die große Keule der Zensur sein. Schon die Nationalsozialisten fanden neben dieser auch weichere und trotzdem kaum weniger wirksame Einschränkungsmöglichkeiten. Einem Autor brauchte kein direktes Schreibverbot auferlegt werden, seinem Verlag wurde einfach kein Papier für seine Werke zugeteilt.

Die weiche Form der Nachzensur

Auch heute bedarf es keiner offiziellen Verbote. Es reicht schon, wenn sich die marktbeherrschenden Anbieter weigern, ein Buch zu vertreiben, um dessen Verbreitung zu verhindern. Oder man streicht einen Autor einfach aus den offiziellen Bestsellerlisten, getreu dem Motto: aus den Augen aus dem Sinn.

Eine weitere Methode ist das Diskreditieren von Büchern. Man muß nur laut und oft genug vor ihnen warnen, bis letztlich niemand mehr wagt, sie freiwillig anzufassen. Diese Warnung kann ganz plump erfolgen, beispielsweise wenn die Kanzlerin ein Buch ungelesen als „nicht hilfreich“ einstuft. Oder aber man wählt für das Stigmatisieren von Literatur ein etwas ausgeklügelteres Vorgehen. Wie das aussieht, zeigt ein Fall an der Freiburger Universitätsbibliothek.

Dort wurden die beiden Autoren Martin Lichtmesz und Caroline Sommerfeld und ihre im Antaios-Verlag erschienen Werke kurzerhand zur Giftschrankliteratur erklärt. Das heißt, Studenten oder andere Interessierte können sie nicht einfach bestellen, ausleihen und mit nach Hause nehmen, sondern dürfen sie nur unter Aufsicht einsehen.

Wer beispielsweise in die Online-Suchmaske der Freiburger Unibibliothek Lichtmesz’ Neuübersetzung des Klassikers „Heerlager der Heiligen“ von Jean Raspail eingibt, erhält unter „Verfügbarkeit“ den Hinweis: „Sekretiert: Benutzung nur im Sonderlesesaal zu wissenschaftlichen Zwecken“. Das gleiche gilt für Sommerfelds und Lichtmesz’ Buch „Mit Linken leben“.

Hinweise von „Nutzerinnen und Nutzern“

Auf die Nachfrage der JUNGEN FREIHEIT, aus welchen Gründen die Werke als Sonderlesesaal-Literatur eingestuft wurden, teilt die Universitätsbibliothek mit, sie übernehme als öffentliche Bildungseinrichtung „Verantwortung im Umgang mit Literatur, deren Inhalte möglicherweise mit Blick auf das Straf- und das Jugendschutzrecht relevant sein könnten. Dazu gehören etwa volksverhetzende, gewaltverherrlichende, menschenverachtende oder pornografische Inhalte.“

Solche Titel stünden nicht zur Ausleihe außer Haus bereit, sondern könnten im Sonderlesesaal genutzt werden. „Welche Titel ausgewählt werden, entscheiden die zuständigen Fachreferentinnen und Fachreferenten gemeinsam mit einem Erwerbungsgremium und gegebenenfalls unter Hinzuziehen rechtlicher Expertise nach einer Prüfung des jeweiligen Titels. Dabei gehen sie auch allen Hinweisen nach, die sie von Nutzerinnen und Nutzern erhalten.“

Gerade der letzte Satz dürfte dabei entscheidend sein, denn weder bei Lichtmesz noch bei Sommerfeld finden sich irgendwelche „volksverhetzenden, gewaltverherrlichenden, menschenverachtendne oder pornografischen Inhalte“. Dafür gibt es aber genügend „Nutzerinnen und Nutzer“, die sich kritisch über die Werke aus dem Antaios-Verlag äußern und gegen deren Verfügbarkeit protestieren. Anders dürfte es auch kaum zu erklären sein, warum im Gegenzug Titel aus dem linksradikalen Unrast-Verlag problemlos ausleihbar sind.

„Literatur antidemokratischen Charakters“

Glücklicherweise muß die Unibibliothek für solche Fälle das Rad nicht neu erfinden, sondern kann auf bewährte Methoden zurückgreifen. Wie diese funktionieren, hat der Schriftsteller und Mitarbeiter der „Herzogin Anna Amalia Bibliothek“ in Weimar, Roland Bärwinkel, in seinem Aufsatz „Zensur in wissenschaftlichen Bibliotheken der DDR zwischen 1970 und 1990“ unter dem Schlagwort „Nachzensur“ beschrieben. Auch in der DDR seien bestimmte Werke in wissenschaftlichen Bibliotheken mitunter nur mit einem extra gestempelten Leihschein einsehbar gewesen – dem sogenannten „Giftschein“.

Mit diesem habe der Leser einmalig und unter Aufsicht das gewünschte Buch und dessen Inhalt in Augenschein nehmen können. „Für die beaufsichtigte Lektüre gab es einen sogenannten ‘Giftschrank’; ein für sich abgeschlossener Raum, in dem sekretierte Literatur aus dem Sperrmagazin nur mit schriftlicher Erlaubnis zu wissenschaftlichen Zwecken eingesehen werden konnte“, schreibt Bärwinkel weiter.

Zu den sekretierten Büchern gehörten damals – wie heute in Freiburg – unter anderem pornografische Schriften und nationalsozialistische Werke. Daneben gab es aber noch die Einstufung als „Literatur antidemokratischen Charakters“.

Diese erfüllt so ziemlich den gleichen Zweck wie die maximal dehnbare Kategorie der „menschenverachtenden Inhalte“, aufgrund derer man derzeit in Freiburg Bücher im Giftschrank verschließt. Mit der bewußt allgemein gehaltenen Formulierung, so Bärwinkel, hätten in jeder Bibliothek der DDR weite Bereiche der Geisteswissenschaften und Weltliteratur gesperrt werden können, nämlich dann, wenn „sie von der ideologischen Linie, der Staatsdoktrin des Marxismus-Leninismus abwich“.

Vorsicht, giftige Literatur! Foto: picture alliance | Torsten Krueger / Antaios / JF-Montage
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