Nach Tumulten

Diskussion um Frankfurter Buchmesse reißt nicht ab

BERLIN. Die Amadeu-Antonio-Stiftung hat der Frankfurter Buchmesse einen unprofessionellen Umgang mit rechten Verlagen und Autoren vorgeworfen. „Die Frankfurter Buchmesse war auf die Situation nicht angemessen vorbereitet“, kritisierte der Geschäftsführer der Stiftung, Timo Reinfrank, in der taz.

„Die Buchmesse muß sich ein ganz anderes Konzept im Umgang mit der rechtsextremen Raumgreifungsstrategie überlegen.“ Mitarbeiter der Amadeu-Antonio-Stiftung seien an ihrem Stand angepöbelt, beschimpft und geschubst worden. „Es war zum Teil körperlich bedrohlich. Es stand auch im Raum, den Stand abzubrechen – aber diesen Triumph wollten wir den Rechten nicht gönnen“, berichtete Reinfrank.

Die Buchmesse dürfe kein Platz für „Rassisten und Hetzer“ sein. In ihrer Selbstwahrnehmung wolle sie ein Ort der zivilen Debatten, der Internationalität und des Austausches sein. Doch dieser Anspruch lasse sich mit der Präsenz rechtsradikaler Personen und Verlage nicht unter einen Hut bringen. Es sei zwar löblich, daß die Messe selbst gegen Rassismus demonstriert habe, das werde in Zukunft aber nicht mehr ausreichen.

Stiftung: Hausrecht nutzen

„Man muß inhaltlich-organisatorisch, mit Sicherheitskräften und Anwälten agieren und massiv vom Hausrecht Gebrauch machen. Wenn die Buchmesse sagt, sie will kein Raum für Gewalt sein, dann muß das auch durchgesetzt werden“, unterstrich Reinfrank.

Die Amadeu-Antonio-Stiftung war von der Buchmesse eingeladen worden, mit einem Stand ein Zeichen gegen rechte Verlage zu setzen. Damit habe die Buchmesse unter anderem „ein Gegengewicht zu den Themen und Publikationen des Antaios-Verlages in diesem Hallenareal schaffen wollen“.

Am Sonnabend hatte ein geplantes Messegespräch des Antaios-Verlags mit dem Leiter der Identitären Bewegung in Österreich, Martin Sellner, nach linken Protesten abgesagt werden müssen. Störer hatten begonnen, Parolen zu rufen, worauf ihnen Mitglieder der Identitären Bewegung mit „Jeder haßt die Antifa“ antworteten. Es kam zu tumultartigen Szenen.

Messe will an Konzept festhalten

Die Situation schaukelte sich immer weiter auf, und die Polizei mußte zahlreiche Beamte einsetzen, um die beiden Lager voneinander zu trennen. Irgendwann erklärte dann die Messe, die von Antaios gemietete Zeit für das Forum sei abgelaufen, der Verlag müsse die Veranstaltung deshalb beenden.

Obwohl die Störungen eindeutig von den linken Gegendemonstranten ausgingen, gaben zahlreiche Medien im Anschluß der Identitären Bewegung und den Antaios-Gästen die Schuld an der Eskalation. Zudem wurden in mehreren Berichten gewaltsame „Nazi-Attacken“ und „Sieg Heil“-Rufe erfunden. Seitdem wird über den künftigen Umgang der Buchmesse mit rechten Verlagen diskutiert.

Die Verantwortlichen der Messe halten bislang an dem bisherigen Konzept fest, daß niemand ausgeschlossen werde, dessen Bücher nicht verboten seien. Gleichzeitig will die Messe aber „Zeichen“ gegen die Teilnahme rechter Verlage setzten und sich mit diesen offensiv auseinandersetzen.

Petition verurteilt Attacken auf Antaios und Manuscriptum

Unter anderem hiergegen richtet sich eine aktuelle Petition im Internet. In ihre beklagen mehrere namhafte Autoren und Publizisten die Übergriffe auf den Antaios-Verlag und den Manuscriptumverlag auf der diesjährigen Buchmesse sowie einen Aufruf des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, „Haltung“ gegen mehrere rechte und konservative Verlage zu zeigen.

Zu den Erstunterzeichnern der von der Dresdner Buchhändlerin Susanne Dagen initiierten Petition gehören unter anderem der Jörg Friedrich („Der Brand“), der Publizist Michael Klonovsky, die DDR-Bürgerrechtlerin und frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Vera Lengsfeld, die Publizistin Cora Stephan, der frühere Spiegel– und Welt-Journalist Matthias Matussek, der Autor Ulrich Schacht, der Journalist und Publizist Heimo Schwilk sowie der Bestsellerautor Uwe Tellkamp („Der Turm“).

„Die Vorkommnisse auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse machen deutlich, wie widersprüchlich es in unserem Land zugeht: wie unter dem Begriff der Toleranz Intoleranz gelebt, wie zum scheinbaren Schutz der Demokratie die Meinungsfreiheit ausgehöhlt wird“, heißt es in der Petition. Mit dieser wehrten sich die Unterzeichner „entschieden gegen jede ideologische Einflußnahme, mit der die Freiheit der Kunst beschnitten wird“. (krk)

Der Börsenverein des Deutschen Buchhandels demonstriert auf der Frankfurter Buchmesse gegen den Antaios-Verlag Foto: picture alliance/dpa

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