Diskriminierung von Rechten

Hoffen auf mehr Anstand

In einer Welt, in der dauernd Nichtigkeiten zu Skandalen aufgeblasen werden, übersieht man den wahren Skandal rasch. Die „Abschulung“ der Söhne Caroline Sommerfelds ist so ein Skandal. Die beiden Jungen hatten bisher eine Waldorfschule in Wien besucht. Nun wurde den Eltern überraschend mitgeteilt, daß sie nicht länger bleiben dürften; der Grund: ihre Mutter gehöre zur „Neuen Rechten“.

Wichtig dabei ist, daß nicht die Weltanschauung der Söhne den Ausschlag gab, sondern die eines Elternteils, was selbst die faz laut darüber nachdenken ließ, ob es um „Sippenhaft“ gehe. Wichtiger erscheint aber, daß, abgesehen von offenem Hitlerismus, kaum eine andere weltanschauliche Orientierung vom Schulträger zum Anlaß für einen solchen Verweis genommen würde. Jedenfalls ist nicht vorstellbar, daß eine Mutter oder ein Vater mit, sagen wir: kommunistischer, antifaschistischer, öko-anarchistischer, islamistischer Tendenz, oder ein Befürworter irgendwelcher sexueller Perversionen, mit einer ähnlichen Maßnahme rechnen müßte.

Fehlende Toleranz für abweichende Anschauungen

Daß jemandem, der als Kopf der Neuen Rechten gilt, so mitzuspielen ist, hat einen Grund in der faktischen Machtlosigkeit dieser Gruppe, von deren Seite keine Revanche gefürchtet werden muß, und er hat einen anderen Grund in der imaginierten Mächtigkeit dieser Gruppe, die deshalb mit ruppigen Mitteln bekämpft werden darf, weil sie so gefährlich ist, und falls sie es nicht ist, demnächst doch sein wird, und weil die „Faschisten“ allemal gut sind, für ein „neues 33“ samt „neuem Auschwitz“. Deshalb leistet man schon mal „Widerstand“, der umso komfortabler ausfällt, als er völlig ungefährlich bleibt und noch mit dem Gefühl einhergeht, auf der moralisch richtigen Seite zu stehen.

Helmut Lethen, der Ehemann Caroline Sommerfelds, ist es gewohnt, auf dieser moralisch richtigen Seite zu stehen; schon lange. Und an dem Vorgang selbst wird ihn stören, daß sich die Handlungsweise der Schule gegen seine Söhne nicht so anfühlt, wie sie sich für einen Altachtundsechziger anfühlen sollte. Dahinter steckt nicht nur jede Menge Biographie, sondern auch ein typisches linkes Selbstmißverständnis: denn der Progressive begreift nicht, daß seiner Seite schon immer jede Großzügigkeit und jedes Verständnis wahrer Freiheit abgegangen ist.

Wer mit der Überzeugung lebt, daß die Geschichte des Menschengeschlechts auf Emanzipation und Gleichheit all dessen, was Menschenantlitz trägt, hinausläuft, wird niemals irgendwelche Duldsamkeit gegenüber abweichenden Anschauungen an den Tag legen. Mehr noch, ganz gleich, ob es um Jakobiner, Bolschewisten, Neue Linke oder Schwarzen Block geht: Es fehlt immer an Einsicht, daß abweichende Anschauungen Gründe haben.

Soziale Isolation

Wer sich wie Caroline Sommerfeld offen rechts der Mitte positioniert hat und nicht in irgendeinem ideologischen Kokon sein Leben führt, wird die Folgen dieser Unfähigkeit zu spüren bekommen: den scheelen Blick und die Afterrede, die Verweigerung der Grußes und der Einladung, die mehr oder weniger subtile Drohung durch Kollegen oder Vorgesetzte, die Intrige, die ausbleibende Berufung oder Beförderung, im schlimmsten Fall den Verlust des Arbeitsplatzes, den Verfall des persönlichen Umfeldes, die systematische Ausspähung durch irgendeine Privatstasi und den Versuch, die Existenz des betreffenden zu zersetzen.

Wirksamen Schutz gibt es dagegen bisher nicht, keine Gleichstellungs- und kein Mobbingbeauftragter, keine Schiedsstelle und kein Betriebsrat wird sich stark machen, kein liberales Blatt zum Protest aufrufen, keine NGO für die bedrängte Minderheit sprechen. Es bleibt deshalb im Einzelfall nur die Hoffnung auf etwas, das genauso elementar menschlich ist wie Niedertracht, allerdings seltener vorkommt: Anstand.

Zur Illustration noch eine persönliche Schlußbemerkung: Vor einigen Jahren mußte ich regelmäßig eine ärztliche Praxis aufsuchen; am Ende einer Behandlung meinte der Arzt, er habe noch etwas für mich; er reichte einen großen Umschlag über den Schreibtisch, in dem Artikel von mir aus der JUNGEN FREIHEIT gesammelt waren; ich schaute ihn etwas überrascht an, und er schob mir einen Briefbogen zu – ohne Absender, ohne Unterschrift -, in dem er dazu aufgefordert wurde, dem „Nazi“ die Therapie zu verweigern; ich schaute verunsichert, aber der Arzt ließ sich nur den Brief zurückgeben, zerriß ihn vor meinen Augen und sagte lächelnd: „Ich teile ihre Meinung nicht. Aber ihre Meinung ist Ihre Sache, aus der Sicht des Mediziners spielt sie keine Rolle.“

Schild mit der Aufschrift „Hier ist der rationale Widerstand“ bei einer Anti-Rechts-Demo in Hamburg Foto: picture alliance/Markus Scholz/dpa

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