Hannes Stein und die Rechten

Der Konservative soll sich politisch kastrieren

Es gibt Journalisten, denen nichts einfällt. Hannes Stein zum Beispiel. Aber wenn jemandem nichts einfällt, dann bleibt noch die Möglichkeit, sich inspirieren zu lassen. Etwa in der Ausgabe des Economist vom 6. Juli. Die war dem Thema „Weltkrise des Konservatismus“ gewidmet, und was da zum Thema Konservative und Neue Rechte stand, das kann man nun recycelt bei Stein in der Welt nachlesen.

Im Kern geht es darum, daß die armen Konservativen vor den bösen Rechten geschützt werden müssen. Denn der Konservative ist eigentlich ein braver Kerl, einer, den auch Liberale oder Linke zu schätzen wissen, weil er mit seiner Erfahrung und seiner gesunden Skepsis immer wieder darauf hinweist, daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen. Anders der böse, weil Neue Rechte, der xenophob, ernstfallverliebt, latent rassistisch und reaktionär zu einem ganz unkonservativen Radikalismus neigt, sich jedenfalls nicht mit dem bunten, lockeren, nachhaltigen Hier und Jetzt abfindet, sondern Populisten wählt und seine Hoffnung auf Trump, Johnson, Orbán setzt.

Bereitschaft zur politischen Kastration

Auch wenn Stein für seine Anschauungen auf einen konservativen Hausheiligen wie Michael Oakeshott verweist, wirkt das Ganze wenig überzeugend. Das hat vor allem damit zu tun, daß er nur jene Plattitüden wiederholt, die Liberale oder Linke seit je vortragen, wenn sie ansetzen, in die Jahre kommen und etwas Komfort zu schätzen lernen, oder wenn sie sich in Phasen allgemeiner Ernüchterung der Attraktivität konservativer Formeln bedienen, um unter solcher Deckung doch ihre Agenda fortzusetzen.

Bei Stein geht es wohl um eine Mischung aus beidem. Und so bietet er dem Konservativen an, daß er zu den Guten gehören darf, wenn er bereit ist, sich politisch zu kastrieren, aufs Inhaltliche zu verzichten und aufs Formale zu beschränken. Der Konservative ist dann einer, der jeden Tag zur Arbeit geht, Steuern zahlt, eine Familie gründet und die Institutionen schätzt. Zweifellos gibt es unter Konservativen eine entsprechende Neigung zum Respekt vor den altehrwürdigen Einrichtungen des Gemeinwesens, vor allem bei den von Stein favorisierten Vertretern angelsächsischer Tradition.

So bringt es mancher fertig, den Eindruck zu erwecken, als ob das Königreich, die würdigen Erzbischöfe des anglikanischen Kultes, die „small red line“ der ruhmreichen Regimenter, Eton und Oxford Institutionen sind, deren Geltung unhinterfragt besteht. Eine Sicht der Dinge, die man sympathisch finden darf, weil die Welt dann sepia gefärbt erscheint, oder vom Frühnebel umgeben, aus dem unvermutet Downton Abbey auftaucht, voll dienstfertigem Personal unter Carsons weiser Führung, Damen in Abendkleidern oder Tweedkostüm und Gentlemen in Frack oder Oxford-Karo, die zu Tisch nur über Pferd, Jagd und Landwirtschaft sprechen und den ersten Toast auf die Queen ausbringen.

Hemdsärmeliger britischer Patriotismus

Allerdings ist diese Art von Konservatismus politisch längst erledigt. Man mag das bedauern oder nicht, aber der Rekurs auf die „permanent things“ – die „ewigen Dinge“ – ist heute schwieriger und ein anderer als ehedem. Die Formel stammt von Russell Kirk, dem Denkmeister der amerikanischen „Paläokonservativen“. Kirk war ein Intellektueller von Rang und ein unabhängiger Kopf. Er ließ es sich zwar gefallen, am Hof Ronald Reagans – ein Populist, bevor der Begriff in Mode kam – als Dekorum zu dienen, gab sich aber sich nie der Illusion hin, daß die „Reaganites“ Konservative seien.

Sein Urteil über die Anhänger Trumps fiele wahrscheinlich noch schärfer aus. Aber nicht, weil Kirk sich damit auf die Seite jener Wert-, Kultur- oder Gärtnerkonservativen schummeln wollte, die Stein so lieb sind. Ihm wäre nur klar gewesen, daß der Konservative, der den Charakter der populistischen Welle begreift, trotzdem keinen Grund hat, sich an Bestände zu klammern, die keinen Bestand verdienen.

Denn was sollte an einem Staat ohne Selbsterhaltungswillen, einer Kirche ohne Glauben, einer Armee ohne Kampfgeist, einer Universität ohne Bildung, einer Schule ohne Zucht, einem Volk ohne Stolz zu konservieren sein? Kirk wüßte zudem, daß die so gern als Vorbild aller Mäßigung betrachteten Tories ihren Übergang von einer Klientelpartei zu einer modernen Massenorganisation nur durch das bewältigten, was man „one nation conservatism“ nennt. Gemeint ist damit die Verknüpfung der Tradition mit einer starken Dosis Hemdsärmeligkeit und jenes britischen Patriotismus, der leicht rabiate Züge annehmen kann.

Konservative sind nicht nur Bremse am Wagen des Fortschritts

Seinen Ursprung hatte der „Konservatismus der einen Nation“ in der Weltanschauung Benjamin Disraelis. Der scheute so wenig wie die anderen Großen der konservativen Überlieferung – Bolingbroke, Burke, Stein, Bismarck, De Gaulle, um nur sie zu nennen –, vor scharfem Einschnitt, Konterrevolution, Neustiftung zurück, und beherzigte immer, daß es zu den jämmerlichsten Auffassungen von Konservatismus gehört, nur als Bremse am Wagen des Fortschritts zu dienen, oder sich darauf zu beschränken, das, was man hat, möglichst langsam zu verlieren.

Kleinfamilie beim Grillen (Symbolbild) Foto: picture alliance/imageBROKER

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