Akif Pirinçci: Publizisten und Journalisten kritisieren den Boykott seiner Bücher Foto: wiimedia/Metropolico.org mit CC 2.0-Lizenz
Publizisten gegen Boykott

Meinungsfreiheit muß auch einen Pirinçci aushalten

Akif Pirinçci hat mit seiner Pegida-Rede für helle Empörung gesorgt. Als Reaktion darauf boykottieren nun Verlage und Buchhändler seine Werke. Die JUNGE FREIHEIT hat Journalisten und Publizisten zu dem Fall befragt. Die überwiegende Meinung: Man muß Pirinçci nicht mögen, um die Maßnahmen gegen ihn abzulehnen.

Wolfgang Bok (Publizist, u. a. für Cicero, Dozent für Kommunikationsmanagement):

„Wo bleibt der #Aufschrei derer, die sonst vorgeben, das freie Wort zu verteidigen? Wenn Verleger und Buchvermarkter nun selbst zu Zensoren werden, nimmt die Meinungsfreiheit schweren Schaden. Denn zur Meinungsfreiheit gehört auch das Recht, sich informieren zu können, um selbst zu urteilen. Wer nur wohlgefällige Meinungsäußerungen erlaubt, hat deren Sinn nicht verstanden.“

 

Alan Posener (Journalist und Publizist, Die Welt):

„Das ist eine jener Überreaktionen, die Deutschland periodisch heimsuchen. Wobei jeder die Freiheit hat, ein Buch nicht zu verkaufen, jedenfalls in einer Demokratie, und kein Autor ein Recht hat, gedruckt, beworben und vertrieben zu werden, außer Kim Jong Un. Einige meiner Bücher sind ja auch inzwischen makuliert worden, da half auch kein Jammern, und ich kenne viele Autoren, die nie gedruckt wurden, und das ist in vielen Fällen auch gut so, obwohl die es doof fanden.

Der eigentliche Skandal liegt allerdings Jahre zurück und betrifft Pirinçcis Katzenkrimis, die von einer solchen Menschen- und Katzenverachtung geprägt sind, daß sie nie hätten gedruckt werden sollen. Aber auf die Gewinnerwartung kapitalistischer Unternehmen war und ist Verlaß; mit ‘Felidae’ und dem ‘Irren Kult’ machte man mit der Dummheit der Leser ordentlich Kohle, und wenn ein paar Monate ins Land gegangen sind, wird Pirinçci wieder überall zu haben sein – leider sage ich vom Gesichtspunkt der Qualität der deutschen Literatur, zum Glück vom Standpunkt der Demokratie, die Pirinçci ebenso gut vertragen kann wie Salafisten und Kommunisten, linke und rechte Verschwörungstheoretiker, Antiamerikaner und Antieuropäer, Wissenschaftsfeinde, Esoteriker und christliche Fundamentalisten und was der Spinner noch alles sind.

Ceterum censeo: Es ist falsch, daß die Holocaust–Leugnung bei uns ein Straftatbestand ist, und daß ‘Mein Kampf’ immer noch nicht frei erhältlich ist.“

 

Nicolaus Fest (Journalist, ehemaliger stv. Chefredakteur der Bild am Sonntag):

„Als Person empfinde ich Herrn Pirinçci unerfreulich, als Autor befremdlich, als Redner unsäglich. Aber man muß auch solche Leute und ihre Bücher gelassen ertragen, will man Meinungsfreiheit leben.“

 

David Berger (Publizist, ehemalige Chefredakteur des Homosexuellen-Magazins Männer):

„Im Fall Pirinçci bündelt sich – gleichsam wie die Lichtstrahlen in einem Prisma – die gegenwärtige desaströse Situation, in der sich die Bundesrepublik befindet. Ein aus dem Zusammenhang gerissener Redeteil wird zum Skandal gemacht, die Welt in Freunde und Feinde des Autors aufgeteilt. Daraufhin reagieren Verlage und die wichtigsten Vertreter des Buchhandels und beschließen einen groß angelegten Boykott der Schriften des Autors – der, so wie er gemacht ist, einen Rückfall in voraufklärerische Barbarei darstellt. Und man muß Pirinçci nicht mögen, um sich als bürgerrechtsbewegter Demokrat mit aller Vehemenz dagegen auszusprechen.“

 

Burkhard Müller-Ullrich Journalist und Publizist, u. a. für den Deutschlandfunk):

„Pirinçcis Drama ist, daß er in Deutschland gestrandet ist. In Frankreich würde man ihn als eine Mischung aus Dieudonné, Coluche und Jean-Edern Hallier bejubeln. Er hätte auch dort viele Schwierigkeiten und starke Gegner, aber seine Bücher, zumal die völlig unpolitischen, einstampfen? Das macht man in zivilisierten Ländern eben nicht. Doch die hochmögenden Großlaberer in der deutschen Kulturszene haben Voltaire zwar dauernd auf den Lippen (‘bin nicht Ihrer Meinung, würde aber mein Leben dafür geben, daß Sie sie äußern dürfen‘), jetzt hingegen zeigt sich, wie die Wirklichkeit aussieht.

Pirinçci ist ein krasser Typ, man muß sein virtuoses Pöbeln nicht mögen, aber er hat mitnichten die Wiedereinführung von Konzentrationslagern verlangt. Allein diese niederträchtige Behauptung seiner sich an dem verdrehten Zitat aufgeilenden Feinde ist der Grund, daß ich jetzt diese Zeilen für ihn schreibe. Im übrigen will ich nicht die Hand für alles, was Pirinçci so äußert, ins Feuer legen, weil ich natürlich nicht alles kenne. Aber was ich von ihm weiß, auch aus persönlicher Begegnung, ist, daß er eine Kunstgattung beherrscht, mit der die wenigsten meiner Kultur-Kollegen hierzulande zurande kommen, die ich aber ein bißchen mag: die wilde Sprach-Provokation, den wonnigen Rede-Exzeß, das Delirium verpönter Gedanken und Assoziationen.“

 

Birgit Kelle (Publizistin und Bestseller-Autorin):

„Nach allem, was ich von Pirinçcis Rede in Dresden gehört habe, war sie völlig idiotisch. Aber in einem freien Land, darf man Idiotisches sagen. Wenn Verlage seine politischen Bücher nicht verlegen wollen, ist das eine legitime Sache. Aber selbst harmlose Katzenkrimis aus dem Programm und auf allen Kanälen aus dem Verkauf zu nehmen, ist der Wille zur Vernichtung einer Existenz.“

 

Michael Klonovsky (Journalist und Publizist, Der Focus):

„Pirinçcis Rede war eine unappetitliche Flegelei; ob sie strafrechtlich relevante Passagen enthielt, muß nach den zahlreichen Anzeigen geklärt werden (ich meine nicht). Die Reaktion der Verlage, Buchvertreiber und all der ehrenamtlichen Verfolger indes ähnelt eher dem Verhalten von Primitiven als von Zivilisierten, so benehmen sich Polynesier, wenn jemand ihr Totemtier angegriffen hat, was ja offenbar der Fall gewesen ist, denn warum sollten sonst Bücher, die zum Teil mehr als ein Jahrzehnt vor dieser Rede erschienen sind und inhaltlich nicht das geringste damit zu tun haben, vernichtet werden?

In der Geschichte der Bundesrepublik dürfte diese virtuelle Bücherverbrennung – nichts anderes findet ja statt – fürs erste einzigartig sein. Davor gab´s ja schon ähnliche Fälle unter ähnlichem Gruppenzwang, was auf eine gewisse Konstanz im deutschen Volkscharakter schließen läßt. Die Verfolger haben inzwischen nur offenbar die Seiten gewechselt. Ob die Nazis allerdings Katzenkrimis verfemt haben würden, wage ich zu bezweifeln, vermutlich wäre selbst denen das zu blöde gewesen.“

 

Andreas Unterberger (Publizist, ehemaliger Chefredakteur der österreichischen Die Presse):

„Ich finde Bücherboykotte immer ganz schlimm. Sie sind ein starkes Indiz, daß sich eine Gesellschaft auf dem Weg in die Diktatur befindet. Das Groteske ist: Die Kirche hat sich von der Methode des ‘Index verbotener Bücher’ verabschiedet, jetzt kehren (einst?) rechtsstaatliche Demokratien zu dieser Methode zurück. Der konkrete Fall ist um so schlimmer, da das Pirinçci-Zitat ganz offensichtlich von den Medien ins Gegenteil des Gemeinten uminterpretiert worden ist. Was beides im übrigen nicht heißt, daß ich alle Formulierungen Pirinçcis goutieren würde. Ganz im Gegenteil. Aber darum geht’s da überhaupt nicht.“

 

Philipp Gut (stv. Chefredaktor der Schweizer Weltwoche und Buchautor. Soeben ist sein jüngstes Werk „Champagner mit Churchill“ erschienen):

„Die Reaktionen auf Pirinçcis Äußerungen sind einer freiheitlichen Ordnung unwürdig. Egal, was man von seinen offenbar absichtlich falsch ausgelegten Zitaten halten mag: Eine Gesellschaft, die kritische Stimmen derart auszumerzen trachtet, befindet sich in bedenklicher Schieflage. Brotkorbterror kann doch nicht die Antwort sein. Die Freiheit zu wagen, heißt auch, unliebsame Meinungen zuzulassen.“

 

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> Offener Brief von Thor Kunkel an Random House

> Akif Pirinçci im JF-Buchdienst

 

Akif Pirinçci: Publizisten und Journalisten kritisieren den Boykott seiner Bücher Foto: wiimedia/Metropolico.org mit CC 2.0-Lizenz

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