LMV Diagnose PANikDEMIE

 

Zurück auf Los

Dank Thilo Sarrazin ist die Kulturzeitschrift Lettre International in aller Munde. Doch so wie sein Interview viel mehr umfaßt als die skandalisierten Passagen, so enthält auch die aktuelle Ausgabe der viermal im Jahr erscheinenden Zeitschrift – eigentlich ein umfangreicher Essayband – mehr als nur sein Interview. Deutsche und internationale Künstler und Autoren nehmen den 20. Jahrestag des Mauerfalls zum Anlaß, um in Interviews, Aufsätzen, Reportagen, Aphorismen, mit Fotos und Collagen die Situation der Stadt zu beleuchten.

„Tor“ bzw. „Brücke nach Osten“, eine „internationale Drehscheibe“ wollte Berlin nach 1989 werden. Mit solchen Selbstbeschwörungen ist es längst vorbei. Nüchtern, mit viel Empathie legt Sarrazin dar, warum die hochgespannten Erwartungen nur enttäuscht werden konnten: Berlin verfügte – und verfügt – über keine Großbanken, moderne Industrien, Firmenzentralen. Auf der Suche nach potenten Partnern zogen die Osteuropäer weiter westwärts. Schon in den neunziger Jahren war Polens Handel mit Baden-Württemberg viel intensiver als der mit Berlin, denn die Süddeutschen produzieren, was die Polen brauchen: Maschinen zum Beispiel.

West-Berlin war ein Biotop, das seine politische und wirtschaftliche Bedeutungslosigkeit kompensierte, indem es sich als Laboratorium der Kultur und der menschlichen Selbsterfahrung produzierte. Das machte seine Anziehungskraft aus, und dabei ist es – nun in Gesamtberlin – weitgehend geblieben. Die Berliner arbeiten als Gerüstbauer, Getränkelieferanten, Eilboten, Schriftsteller oder Kellner. Sie bewegen Waren, stellen aber keine her, schreibt der slowenische Lyriker Ales Steger. Macht nichts, tröstet sie der Kunstwissenschaftler Boris Groys: Stagnation, staatliche Subventionierung, viel Freizeit, ein wenig Verlotterung – das sei „gelebte Utopie“. Nebenbei schreibt er nicht nur den Berlinern ins Stammbuch: „Den deutschen Normalisierungsdiskurs kann wirklich niemand in der Welt verstehen, denn die meisten sehen unsere Welt als komplett verrückt an.“

Zurück zur Utopie. Wie finanziert sie sich? Darüber zerbricht sich Andreas Reckwitz, Professor für Kultursoziologie, in dem langen, unnötig komplizierten Essay „Kreative Stadt Berlin?“ den Kopf. Sein übergreifendes Thema ist die „Selbstkulturalisierung des Urbanen im ästhetischen Kapitalismus“. Die moderne Stadt sei gekennzeichnet durch die Produktion „zeichenhafter Güter“, durch Werbung, Design, Events. Die Stadtquartiere würden symbolisch aufgeladen, durch Kunst etwa. Indem man, um die verrufene Neuköllner Rütli-Schule zu resozialisieren, eine Rütli-Modemarke kreierte und die Rüpel als Models ablichtete, habe man die „soziale Stigmatisierung umgeformt in ein kulturelles Selbstbewußtsein der Differenz“.

Tatsächlich? Wurden nicht eher handfeste, brutale Konflikte ästhetisiert und verschleiert? Der Autor wirft diese Frage am Ende selber auf und räumt ein, daß die „creative industries“, um zu blühen, ein realwirtschaftliches Fundament brauchen. Was das für Berlin heißt? Zunächst einmal: Zurück auf Los!

Lettre International, Elisabethhof, Portal 3b, Erkelenzdamm 59/61, 10999 Berlin, Internet: www.lettre.de Das Einzelheft kostet 17 Euro

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