Treffpunkt

Mitte der 1980er Jahre spielte der 1936 in Magdeburg geborene Jazztrompeter Manfred Schoof drei Aufnahmen ein, die noch heute zu den hörenswertesten gehören, die das Münchner Label ECM Records je veröffentlicht hat. Gemeint sind die drei Einspielungen „Scales“ (1977), „Light Lines“ (1978) und „Horizons“ (1980). Die Quintett-Aufnahme „Scales“ erhielt 1977 den Großen Deutschen Schallplattenpreis zuerkannt. Daß diese drei Aufnahmen lange Zeit nicht mehr zu haben waren, war aufgrund ihrer Qualität mehr als bedauerlich.

Nun ist unter dem Titel „Resonance“ (ECM 2093/94) zumindest eine Doppel-CD erschienen, die eine Reihe der Stücke vereint, die auf den drei Schallplatten zu hören waren, darunter unter anderem die Schoof-Klassiker „Scales“, „Old Ballad“, „Light Lines“, „Horizons“ und „Sunset“. Neben Schoof sind der Luxemburger Baßklarinettist Michel Pilz, der niederländische Keyboarder Jasper van’t Hof, der Bassist Günter Lenz und am Schlagzeug Ralf Hübner zu hören. Dazu kommt auf einigen Stücken am Klavier und an den Synthezisern Rainer Brüninghaus.

„Die Musik auf diesen CDs ist zeitgenössisch und frei im besten Sinne, mehr noch, sie ist zeitlos“, bemerkt Schoof im Beiheft. „Wechsel zwischen rhythmisch freien und gebundenen Teilen, pulsierender Textur und der Spannung, der Elektrisierung eines zyklischen Rhythmus sind selbstverständlich. Sie schließen sich nicht aus.“

Man kann diese Einschätzung nach dem Durchhören dieser beiden CDs, die ein hohes Maß an Virtuosität und Farbigkeit bieten, nur unterstreichen. Schoof, von dem Jazzkritiker Hans Kumpf einmal als der „große Romantiker unter den in Deutschland wirkenden Jazz-Avantgardisten“ bezeichnet, und seine musikalischen Partner demonstrieren hier all das, was Jazz ausmacht: Dynamik, ein Höchstmaß an Klangfarbenvariationen, Melodik und rhythmische Komplexität.

Ebenfalls bei ECM Records ist die mittlerweile nicht mehr ganz taufrische Trio-Einspielung „Sangam“ (ECM 1976) des Tenorsaxophonisten und Flötisten Charles Lloyd, längst ein Solitär auf seinen Instrumenten, erschienen. Diesmal ging Lloyd übrigens nicht ins Studio: „Sangam“ ist der Mitschnitt eines Konzertes in Santa Barbara/Kalifornien und stellt somit in der langen Reihe von (Studio-)Aufnahmen, die Lloyd inzwischen vorzuweisen hat, ein Novum da.

Zusammen mit dem indischen Tabla-Virtuosen Zakir Hussain und dem jungen, aufstrebenden Schlagzeuger Eric Harland knüpft Lloyd ungemein spannungsreich wieder an seine Vorlieben für fernöstliche Klänge an. Der Titel des Albums ist Programm: „Sangam“ steht, so steht im Beiheft zu lesen, für „Zusammenfluß“, „Treffpunkt“ oder „Zusammenführung“; „triveni sangam“ für die Zusammenführung dreier Wege oder Flüsse. So versteht sich auch die Musik dieses Trio als freies Fließen, als formoffene Musik, die durch ihre vielen Nuancen und Farben in den Bann zu ziehen weiß.

Für Lloyd spricht, daß er Hussain und Harland genügend Raum zur Entfaltung läßt. „Niemand versucht sich alleine ins Scheinwerferlicht zu drängen“, unterstrich Lloyd und ergänzte, der „Teppich“, auf dem die Musiker flögen, werde „von der Energie aller getragen“.

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