Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Luxusverzicht

Nur wer viel hat, kann auch viel ausgeben. Diese simple ökonomische Weisheit scheint ausgerechnet jetzt in Vergessenheit zu geraten, wo die Finanzkrise in eine Kaufzurückhaltung der Verbraucher und damit Umsatzrückgänge des produzierenden Gewerbes sowie des Dienstleistungssektors zu münden droht. Sicherlich ist es legitim und angesichts der  im September bevorstehenden Bundestagswahl politisch unumgänglich, die Konsumfreude der Massen zu beflügeln, um sie davon abzubringen, aus lauter Zukunftsangst noch mehr zu sparen und den Konjunktureinbruch auf diese Weise zu vertiefen.

Ein Wende zum Besseren wird jedoch ausbleiben, solange man sich nicht endlich auch der Interessen der besonders Wohlhabenden annimmt, die unter der Krise wie keine andere Bevölkerungsgruppe zu leiden haben. Viele Reiche sehen sich durch den Einbruch der Finanzmärkte erheblicher Teile ihres Vermögens beraubt. Manager, die sich darauf eingestellt hatten, auch in Zukunft so manche sprunghafte Gehaltssteigerung einzufahren, geben nun unter dem totalitären Druck einer haßerfüllt neidischen Öffentlichkeit klein bei und begnügen sich mit lausigen Entgelten für harte Arbeit, die sie noch vor kurzem nicht einmal als Pensionszahlungen für Nichtstun akzeptiert hätten.

Unter diesen Bedingungen ist für sehr viele an eine standesgemäße Lebensführung kaum mehr zu denken. Manche dürften aus der Not eine Tugend machen und vorgeben, freiwillig auf vermeintlich unzeitgemäßen Luxus zu verzichten. Unter dem Strich werden jene Branchen, die sich auf die Befriedigung erlesener Bedürfnisse spezialisiert haben, deutliche Einbrüche verzeichnen müssen, vom Hotel- und Gastronomiegewerbe über die Hersteller von Nobelkarossen und Yachten bis hin zu den Anbietern von exquisiter Designermode oder hochpreisigem Interieur für kaum noch marktgängige Anwesen. Was hier zu erwarten ist, signalisiert der Londoner Liv-ex 100: Das Preisbarometer für Spitzenweine ist seit Juni des vergangenen Jahres um 20 Prozent gefallen.

Angesichts der deutschen Wirtschaftsstruktur ist diese Tendenz alarmierend. Während Massenware zu großen Teilen importiert wird, sind die einheimischen Unternehmen aufgrund hoher Lohnkosten in erheblichem Maße entweder auf den Export von Qualitätsprodukten oder auf Hochpreissegmente im Binnenkonsum ausgerichtet. Die Auslandsnachfrage läßt sich nicht beeinflussen. Der Absatz von Luxusgütern im Inland ließe sich hingegen fördern, wenn endlich den Wohlhabenden der Eindruck vermittelt würde, daß es auch mit ihnen wieder aufwärts gehen soll.

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