Hofkunst aus der Barbiewelt

Es muß Jahrzehnte her sein, daß die maroden Räume des alten Postfuhramts in Berlin-Mitte zuletzt eine solche Menschenmenge beherbergten. Über 150 Journalisten und Kamerateams drängten sich zur Vernissage, von den vielen Besuchern ganz zu schweigen. Alle warteten sie begierig auf Annie Leibovitz, die Jetset-Fotografin. Nein – auf die Fotografin des Jetset. Als diese in Begleitung von zwei Leibwächtern, mehr als dreißig Minuten zu spät, zu ihrer Ausstellung „A Photographer’s Life, 1990–2005“ erschien, soll sie gesagt haben: „Let’s start and make everyone happy.“ Bescheidenheit und Glamour vertragen sich eben schlecht.

Leibovitz, 1949 im US-Bundesstaat Connecticut geboren, studierte Malerei am San Francisco Art Institute und belegte nebenbei Abendkurse in Fotografie. 1970 begann sie ihre Karriere beim drei Jahre zuvor gegründeten Musikmagazin Rolling Stone.

Bezeichnend für Leibovitz ist ihr Durchbruch zum Ruhm, der mit dem 8. Dezember 1980 kam. Bekannt ist das Foto, wie sich ein nackter John Lennon in einer fötusähnlichen Haltung an eine bekleidete Yoko Ono klammert. Doch nicht die ungewöhnliche Komposition auf dem Deckblatt des Rolling Stone verhalf Leibovitz zur Anerkennung, sondern der Mord an Lennon nur wenige Stunden nach dem Fototermin: Glanz und Unsterblichkeit, vom Objektiv eingefangen, in einer Welt des Vergänglichen.

Drei Jahre später wechselte Leibovitz als Cheffotografin zu Vanity Fair und arbeitet seit 1998 auch für Vogue. Werbekampagnen unter anderem für Givenchy oder American Express, Bücher (aktuell in der Ausstellung: Annie Leibovitz, At Work, 46 Euro) und Ausstellungen meißeln weiter an Leibovitz’ Ruf, der schon längst zu einer Marke geworden ist.

Leibovitz ist eine Firma mit gewaltigem Budget und zahlreichen Mitarbeitern: Assistenten, Techniker, Beleuchter, Stylisten. Eine Firma, mobil wie der Jetset selbst: Die Berliner Ausstellung war zuvor schon in New York, London und Paris zu sehen.

Das Ausstellungskonzept stammt von ihr. Bestimmend ist dabei der Kontrast einerseits zwischen rund zweihundert großformatigen, meist farbigen Fotos aus Auftragsarbeiten und andererseits dazwischen gesetzten kleinformatigen, hauptsächlich schwarzweißen Privatfotos in Passepartouts und hellem Holzrahmen. Eine Unterscheidung, die noch deutlicher die inhaltliche Trennung der Fotos betont.

Auf den Fotos aus Leibovitz’ persönlichem Umfeld leben sich die Menschen selbst. Viele Strandfotos sind dabei. Da sind ihre Eltern unter einem gestreiften Sonnenschirm auf Long Island 1992. Die Mutter, eine ehemalige Tänzerin, streckt stolz, daß sie es noch kann, das Bein nach oben, der Vater daneben lacht. Im Hintergrund entspannte Menschen im Sand, Dünen und Wolken. Ein schönes Bild voll Fröhlichkeit und Entspanntheit, entspannend auch für den Betrachter.

Doch die meisten Besucher kommen wohl eher wegen der Promi-Fotos. Sie wollen die Berühmtheiten aus Hollywood und den Jetset sehen. Das Foto der nackten und schwangeren Demi Moore zum Beispiel, das 1991 Titelblatt von Vanity Fair war und einen Skandal auslöste. Oder den Milliardär Donald Trump mit seiner aktuellen Frau Melanie. Ort der Inszenierung ist der Flughafen Palm Beach in Florida. Blau und Silbertöne herrschen vor. Er sitzt mit mürrischer Miene im teuren silberfarbenen Sportwagen, Tür dekorativ hochgeklappt. Sie, braungebrannt und hochschwanger, im goldfarbenen, allerknappsten Bikini über den quellenden Formen, präsentiert sich gelangweilt auf dem teppichbedeckten Gangway, der in ein silberfarbenes Flugzeug führt. Passend zum Bikini die goldfarbenen Stilettos. Ein dünner, garantiert teurer Mantel rutscht mit Hilfe des unsichtbaren Windgebläses kunstvoll von der Schulter. Was ist die Botschaft? Geld essen Seele auf?

Durchaus perfekt und ästhetisch aufgezogen, sind Leibovitz’ repräsentative Fotos nicht selten inhaltlich hohl. Umgesetzt mit allen Möglichkeiten der Technik prägen sich ihre Arbeiten dem kanonischen Bildbewußtsein des modernen Menschen ein und wirken so reflexiv auf diesen selbst zurück. Die Körper sind retuschiert, geschönt und geglättet, bis auch das letzte Leben heraus ist und eine gespenstische, künstliche Barbiewelt übrigbleibt. Passend dazu die gekünstelten Posen – ein Kontrast zur Wirklichkeit, der durch Leibovitz’ Gegenüberstellungen noch krasser wird.

Bei der alten, schwarzen Wäscherin und Philantropin Osceda McCarthy im Garten vor ihrem Haus kommen Wärme und Menschlichkeit herüber. Auch von ihrer Lebensgefährtin, der 2004 verstorbenen Schriftstellerin Susan Sontag, hat sie authentische Porträts geschaffen. Dann kippt es wieder. Mußte sie Sontags qualvolles Sterben und ihren Tod fotografieren und öffentlich zur Schau stellen? Über den kalten Voyeurismus von Lebovitz’ Kamera kam es zu einem Bruch mit Sontags Sohn. Denn auch das beherrscht Leibovitz neben einer erstarrten Ästhetik – den Umschwung in die Lust am Ekel, wenn eine übersättigte Dekadenz keine weiteren Reize mehr liefern kann.

Unerwartet am Schluß der Ausstellung kommt die Überraschung: großformatige monochrome Landschaftsaufnahmen aus den 1990er Jahren von Reisen in das Wadi Rum in Jordanien, vom Vesuv oder dem Monument Valley in Arizona. Sehr schön und voller Atmosphäre ist ein unspektakuläres Birkenwäldchen mit den vom Sturm gekrümmten weiß leuchtenden Stämmen im hohen Gras und dem leichten Nebel. Das ist keine Hofkunst mehr – das ist Kunst.

Die Ausstellung „Annie Leibovitz: A Photo-grapher’s Life“ ist bis zum 24. Mai im C/O Berlin, Postfuhramt, Oranienburger Straße Ecke Tucholskystraße, täglich von 11 bis 20 Uhr zu sehen. Der Eintritt kostet 10 Euro (ermäßigt 5 Euro). Telefon: 030 / 28 09 19 25

Foto: Annie Leibovitz, My Parents, Peter’s Pond Beach, Long Island, 1992: Entspannt

Probeabo JF 2021 Gratis lesen

Wenn Ihnen der Artikel gefallen hat: Unterstützen Sie die JF mit einer Spende.

Der nächste Beitrag

ähnliche Themen
Hierfür wurden keine ähnlichen Themen gefunden.
aktuelles