Heilszeichen

Unter allen „nationalistischen“ Bewegungen in den spanischen Provinzen, die Selbstbestimmung verlangen oder sogar die Loslösung von der Zentralgewalt erstreben, ist die galizische die schwächste. Allerdings plant man auch dort eine Abstimmung über das Autonomiestatut, und das Sonderbewußtsein der Galizier hat besonders tiefe Wurzeln. Sie führen – wie sonst nur die Asturier – ihre Herkunft nämlich auf jene Keltiberer zurück, die die Pyrenäenhalbinsel einmal beherrschten, und betonen die Verwandtschaft zwischen den lateinischen Bezeichnungen „Galicia“ und „Gallia“, dem Namen des keltischen Siedlungsgebiets auf dem Boden Frankreichs und Norditaliens. Das erklärt weiter, warum man unter den galizischen Nationalisten ein Symbol verbreitet findet, das sonst nur im Zusammenhang mit dem Keltismus auftaucht: der Dreifuß oder vom griechischen her triskellion beziehungsweise gälisch Triskell.

Damit wird ein Symbol bezeichnet, das aus drei Halbbögen oder einem Äquivalent besteht, wobei die einzelnen Elemente an einem gleichschenkligen Dreieck in der Mitte zusammenlaufen. Darstellungen des Dreifußes lassen sich bis in die Steinzeit zurückverfolgen, eine genaue Deutung ist nicht bekannt; vielleicht handelt es sich wie beim Hakenkreuz um ein Wirbel- oder Sonnensymbol, in jedem Fall aber um ein Heilszeichen. Daß es als typisch keltisch betrachtet wird, hat wahrscheinlich mit der trinacria zu tun, einem Dreifuß, bestehend aus drei gepanzerten Beinen, der als Emblem der Isle of Man seit dem 13. Jahrhundert nachweisbar ist. Die trinacria wurde zwar erst 1968 offiziell für Wappen und Flagge von Man anerkannt, war aber seit dem Mittelalter außerordentlich populär, vor allem als Motiv für die Tätowierungen von Seeleuten der Insel.

 Im Zuge der romantischen Besinnung auf die eigenen Wurzeln im 19. Jahrhundert gewann auch die Vorstellung von der genuin keltischen Tradition der Mannin und ihres Symbols an Bedeutung. Das erklärt weiter, warum sich der Dreifuß im Zuge der keltischen Renaissance nicht nur auf Man, in Irland und der Bretagne, sondern auch in Schottland, Wales und Cornwall und zuletzt unter den Autonomisten Galiziens und Asturiens verbreitete. Zu den bekanntesten Versuchen, eine gemeinkeltische Fahne zu schaffen, gehörte bezeichnenderweise der in den fünfziger Jahren entstandene Entwurf des Bretonen Robert Berthelier. Er konzipierte eine grüne Flagge, darauf zwei Dreifüße in Gelb, die jeweils drei der sechs keltischen Völker symbolisieren sollten: der erste Schotten, Mannin und Iren, der zweite Waliser, Bretonen und Cornen.

In der Bretagne war der Dreifuß zu diesem Zeitpunkt unter Autonomisten und Separatisten schon weit verbreitet und hatte seit der Zwischenkriegszeit den Status eines „Nationalwappens“ erlangt. Auch die Tatsache, daß er nach der deutschen Besetzung Frankreichs 1940 von kollaborierenden Parteien verwendet wurde, die seine Ähnlichkeit mit dem Hakenkreuz nutzten, hat daran wenig ändern können. Der Triskell ist bis heute in der Bretagne allgegenwärtig, als Waren- ebenso wie als Vereinsabzeichen oder als Emblem auf Souvenirs. Auch die eher links orientierten Regionalisten der sechziger und siebziger Jahre bedienten sich seiner ohne Vorbehalt, so der offen separatistische Strollad Pobl Vreiz (SPV). Naheliegend war der Rückgriff sowieso für den 1999 gegründeten, rechts orientierten Adsav – Parti National Breton.

Angesichts der erfolgreichen Inbesitznahme des Dreifußes durch die keltischen Bewegungen ist fast völlig in Vergessenheit geraten, daß das Symbol in einem ganz anderen Teil Europas zuerst offizielle Anerkennung erfahren hat, und zwar auf Sizilien. Schon nach der Gründung des neuen Königreichs beider Sizilien durch Napoleon hatte man für dessen Wappen auf eine antike Darstellung des Dreifußes – bestehend aus nackten, angewinkelten Beinen, dazwischen Ähren, deren Mittelpunkt ein männliches, lorbeergekröntes Gesicht bildete – zurückgegriffen, und bei der Erhebung während des großen Revolutionsjahrs 1848/49 wurde eine italienische Trikolore grün-weiß-rot mit dieser trinqueta im weißen Mittelfeld geführt.

Im 20. Jahrhundert hat der Dreifuß auf Sizilien seine Bedeutung als Symbol für den Unabhängigkeitswillen der Inselbewohner behalten. So zeigten die Kämpfer der EVIS, einer Partisanengruppe, die für die Selbständigkeit Siziliens eintrat, bei ihrer Revolte 1943/44 eine rot-gelbe Fahne und darauf die trinqueta. Ein Motiv, das seit den achtziger Jahren vom Movimento per la Indipedenza della Sicilia, der Bewegung für ein unabhängiges Sizilien, wieder aufgenommen wurde.

Die JF-Serie „Politische Zeichenlehre“ des Historikers Karlheinz Weißmann wird in zwei Wochen fortgesetzt.

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