Erfolgsweg

Der Begriff „Postpunk“beschrieb einst weniger einen musikalischen Stil als vielmehr eine Herangehensweise. Das kurzlebige und sich nur auf wenige große Bands beschränkende Phänomen Punk hatte mit schrillen Provokationen und dilettantischem Sound zwar einen medienwirksamen Kontrapunkt gegen den kitschigen Kommerz des zeitgenössischen Mainstream-Rock gesetzt, allerdings eher Anekdoten produziert – und nur in sehr eingeschränktem Maße eine Musik, die zum Wiederhören einlud. Seine Hinterlassenschaft war jedoch ein subjektiv empfundener Freiraum, der dazu anregte, sich des Punk-Habitus in freier Interpretation zu bedienen und das Terrain der Popmusik sozusagen voraussetzungslos nach eigenem Gusto neu zu erschließen.

Eine Band wie The Gossip nahezu drei Jahrzehnte später mit dem Etikett „Postpunk“ zu belegen, heißt daher nicht, sie stilistisch in eine „Tradition“ stellen zu wollen, sondern ihren unbedarften und eigenwilligen Zugang zur Musik herauszustellen. Das Resultat dieser Methode ist auch hier eine Unverwechselbarkeit, die sogar als ein gewisser Befreiungsschlag empfunden werden mag. Wo die aktuellen Matadoren des auf arrivierte Geschmäcker ausgerichteten und daher in den Saturn-Verkaufsflächen unserer Welt unter „Alternative“ zusammengefaßten Genres sich selbst oder gar Vorgänger kopieren, ergreift The Gossip durch eine belebende Originalität.

Das auf der aktuellen CD „Music for Men“ (Sony Music) zur vorläufigen Vollendung gereifte Erfolgsrezept ist sehr simpel. Die souligen und fülligen Gesangslinien der Frontfrau Beth Ditto fügen sich kontrastreich mit einem spartanischen und selbst in seinen gelegentlich krachigen Eruptionen ausrechenbaren Arrangement aus Gitarre, Schlagzeug und Synthesizer zu einem bedingungslos tanzbaren Ganzen. Die Omnipräsenz von Beth Ditto in Boulevard- und Jet-Set-Medien als neue, alle altvertrauten Maßstäbe sprengende Stilikone mit bodenständig lesbisch-feministischem Bekenntnis ist nicht bloß verkaufsfördernd, sondern katapuliert The Gossip in eine Ausnahmestellung am Markt, die durch die Musik allein allerdings noch nicht gerechtfertig ist.

Die Selbstinszenierung, in diesem Fall die androgyne des Sängers und Gitarristen Brian Molko, soll auch einen gewissen Einfluß auf den Erfolgsweg der Band Placebo gehabt haben, zeigte sich doch David Bowie nach ihren ersten Aufnahmen elektrisiert von ihrem Stil und hievte sie ins Vorprogramm einer seiner Tourneen. Unentschiedenheit prägt seither auch ihre musikalischen Wortmeldungen, die so recht in kein gängiges Genre einzuordnen waren und sind, sich aber aus so manchen bedienten, stets mit dem Augenmaß, radiofähig zu bleiben. Das Rätsel, wer sein Herz an so etwas verschwendet, ist wohl nur unter Rückgriff auf die statistische Faustregel aufzulösen, daß es halt zu allem irgend jemanden gibt, der es goutiert, und Musik zudem von den meisten nur nebenbei und ohne größere Anteilnahme konsumiert wird.

Auch die aktuelle CD, „Battle for the Sun“ (PIAS), bleibt in diesem Rahmen: Sie liefert Hintergrundgeräusche, die nicht von konzentriertem Arbeiten oder angeregten Gesprächen ablenken, und läßt sich nicht festlegen – in diesem Fall, ob der Hörer in melancholische oder doch eher beschwingte Stimmung verfallen soll.

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