Joachim Kuhs

 

Machtanspruch

Mit den Anschlägen auf Mallorca hat sie sich wieder in Erinnerung gebracht, die baskische Terrororganisation Eta. Das Kürzel steht für Euzkadi ta Askatasuna – „Baskenland und Freiheit“. Die Eta bildete sich 1959 aus der Jugendorganisation der illegalen Baskischen Nationalistischen Partei und forderte die Aufnahme des bewaffneten Kampfes gegen die Franco-Diktatur einerseits, die Loslösung des Baskenlandes von Spanien (und Frankreich) andererseits. Seither sind bei Anschlägen von Eta mehr als tausend Menschen umgekommen.

Trotzdem konnte sich die Eta lange Zeit einer breiteren Unterstützung durch die baskische Bevölkerung sicher sein, die allerdings seit der Rückkehr zur Demokratie in Spanien und dem Zugewinn an regionaler Autonomie deutlich nachgelassen hat. Zwischenzeitlich signalisierte die Eta-Führung deshalb Bereitschaft, den Terror aufzugeben, kehrte aber nach Phasen des „Waffenstillstands“ immer wieder zur Gewalt zurück, wie auch im aktuellen Fall.

Seit Mitte der sechziger Jahre ist die Eta zunehmend unter den Einfluß kommunistischer Ideen geraten, hielt aber gleichzeitig an ihrem radikalen Nationalismus fest, dessen Endziel auch die Vertreibung aller Nichtbasken aus dem Baskenland ist. Wahrscheinlich hängt die Symbolik der Eta mit dieser „völkischen“ Konzeption zusammen, denn ihr Emblem – eine Axt, um deren Stiel sich eine Schlange widmet – kombiniert zwei archaische Symbole, deren offizielle Interpretation als „Gewaltbereitschaft“ (für die Axt) und „List“ (für die Schlange) nicht vollständig überzeugt.

Die Axt gehört ohne Zweifel zu den ältesten Werkzeugen beziehungsweise Waffen des Menschen. Für eine sehr frühe Auffassung der Axt als Symbol politischer und religiöser Macht sprechen Axt-Sgraffiti und ausgeführte Zeichnungen im Siedlungsraum der sogenannten Streitaxtleute Mittel- und Nordeuropas. Aber auch die Megalithkultur kannte entsprechende Vorstellungen. In Gräbern – etwa dem Cairn von Gavrinis – wurden nicht nur Axtembleme gefunden, sondern auch Nachbildungen von Äxten geborgen, die entweder zu klein oder zu groß waren, um benutzt zu werden. Einige konnte man wie Amulette tragen, andere haben wohl als Fetische gedient.

Für ähnliche Vorstellungen spricht weiter die Gewohnheit, Axtklingen auf Bergspitzen – traditionell als Göttersitze verstanden – zu vergraben. Diese Praxis gehört allerdings bereits der Bronzezeit an. Ein wichtiger Hinweis auf die Bedeutung der Axt in dieser Epoche ist die Tatsache, daß sich die Wanderung der neuen Metallverarbeitung anhand der Ausbreitung des Wortes für „Axt“ verfolgen läßt: von sumerisch cha-zi über das griechische axiné zum lateinischen ascia und gotischen aqizi.

Aus der Bronzezeit liegen Überreste vor, die zeigen, daß die Axt spätestens seit dieser Epoche als Insignium verwendet wurde. Damals trat die Axt außerdem als Kultsymbol im religiösen Zusammenhang hervor. Wie schon im Neolithikum gab es auch jetzt übergroße oder miniaturisierte Beilklingen, im Norden häufig aus Bernstein gefertigt, gelegentlich auch aus Stein, obwohl die Metallbearbeitung längst bekannt war. Sehr wahrscheinlich besteht ein Zusammenhang mit Darstellungen auf Felsbildern, die einen Mann mit einem Beil zeigen. Hier sind Verbindungen zu einem Gewitter-, aber außerdem zu einem Sonnengott denkbar.

Parallelen zu diesem symbolischen Gebrauch der Axt im Norden gab es in zahlreichen Kulturen, etwa bei den antiken Skythen oder Iranern. Als Hoheitszeichen fand die Axt in der Antike auch Verwendung bei den vorderasiatische Lydiern, den Indern, den Griechen und Römern, dort in Gestalt der Fasces, der Liktorenbündel (JF 14/09 und 16/09). In diesem symbolischen Zusammenhang gewann die Axt seit dem 18. Jahrhundert auch wieder Bedeutung als politisches Machtzeichen in den modernen Staaten.

Das Emblem der Eta gehört aber offenbar nicht in diesen Zusammenhang, sondern ist Rückgriff auf eine Volkssymbolik mythischen Charakters, wofür auch die Kombination der Axt mit der Schlange spricht, die als uraltes chthonisches Zeichen überlebt hat. Auch das verweist darauf, daß die Organisation keiner politischen Richtung ganz klar zuweisbar ist – nicht nur nach Maßgabe ihres Ursprungs gehört sie eher in die vielfältige Geschichte des europäischen Nationalismus, kaum des internationalen Sozialismus.

Foto: Eta-Symbol: Mythisch

Die JF-Serie „Politische Zeichenlehre“ des Historikers Karlheinz Weißmann wird in zwei Wochen fortgesetzt.

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