Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Brutal und radikal

Die FAZ brachte in der vergangenen Woche einen Artikel mit der Überschrift „Letzte Schlacht der ‘Tiger’?“. Gemeint waren die Liberation Tigers of Tamil Eelam („Befreiungstiger von Tamil Eelam“, LTTE), eine Guerillatruppe, die auf Sri Lanka für einen unabhängigen tamilischen Staat kämpft. Entstanden sind die LTTE aus einer Vielzahl von Parteien und Bewegungen, die nach dem Zweiten Weltkrieg gegen die Diskriminierung der tamilischen Minderheit durch die singhalesische Mehrheit auftraten. Sie radikalisierten sich allerdings unter dem Einfluß marxistischer Ideologen und nahmen in den siebziger Jahren den bewaffneten Kampf auf. Nach einer Phase bemerkenswerter Erfolge haben sich die Tamil Tigers immer stärker isoliert. Die Organisation wird heute nicht nur von der Regierung Sri Lankas als terroristisch betrachtet, sondern auch von Indien, den USA und der EU. Einer der Hauptgründe dafür ist die außerordentliche Brutalität, mit der die LTTE vorgehen, die auch vor ethnischen Säuberungen und Selbstmord­attentaten nicht zurückschrecken. Einem solchen Anschlag ist unter anderem der indische Ministerpräsident Rajiv Gandhi zum Opfer gefallen. Immerhin zeigt das, daß die Selbstbezeichnung der LTTE nicht von ungefähr kommt, und auch in der von den Tigers geschaffenen „Nationalflagge“ des projektierten Staates Tamil Eelam sieht man auf rotem Grund Kopf und Vorderpfoten eines Tigers, der aus einem Strahlenkranz herauszuspringen scheint, dahinter zwei gekreuzte Gewehre mit aufgepflanztem Bajonett. Das Tigerkopfemblem verwendet die LTTE seit ihren Anfängen im Jahr 1972. Als Grund dafür gibt die Organisation an, daß die Chola-Herrschaft der Tamilen unter Tigerfahnen errichtet wurde. Dieses Imperium bestand zwischen dem 9. und dem 13. Jahrhundert und war die bedeutendste staatliche Organisation, die Hindus jemals geschaffen haben. Sie umfaßte den ganzen östlichen und südlichen Teil des Subkontinents, unter Einschluß Sri Lankas. Hinzu kommt noch, daß man Chola den drawidischen Völkern zurechnet, denen die Tamilen angehören, die sich als „Urinder“ betrachten, die erst durch arische und moslemische Eroberer in Bedrängnis gerieten. Diese Verknüpfung des Tigersymbols mit der indischen Vergangenheit ist insofern typisch, als der Tiger auch sonst eine Rolle für den Hindu-Nationalismus spielt. Seit dem Ende der 1980er tragen die Mitglieder der paramilitärischen Gruppierung Shiv Sena – „Shivas Brigade“ entsprechende Abzeichen. Sie waren wesentlich an der Zerstörung der Moschee von Ayodhya beteiligt und haben sich ihren Namen nach den Truppen eines Mahratenfürsten Sivaji gegeben, dessen Reich sich im 17. Jahrhundert als letztes gegen den Ansturm der islamischen Moguln verteidigte. Mit dem Tiger wird aber außerdem auf eine Bildersprache zurückgegriffen, die zuerst der Vater der indischen Unabhängigkeit, Subhas Chandra Bose, verwendet hat. Anders als Gandhi stellte Chandra Bose sich mit seinen Anhängern während des Zweiten Weltkriegs auf die Seite der Achsenmächte und wollte den britischen Kolonialherrn jede militärische Unterstützung verweigern. 1941 floh er aus Indien und gelangte über Moskau auf dem Landweg nach Berlin. Mit deutscher Unterstützung wurde 1942 sogar eine Indische Nationalregierung gegründet, einige Zeit später entstand die Azad Hind Fauj („Armee Freies Indien“), die man aus indischen Kriegsgefangenen in deutschen und japanischen Lagern rekrutierte. Der kleine Verband in Deutschland unterstand als „Legion Freies Indien“ der Waffen-SS. Die Einheiten von Azad Hind führten eine Fahne in den Farben des indischen Nationalkongresses Safran-Weiß-Grün, auf deren Mittelfeld ein springender Tiger zu sehen war; dasselbe Motiv fand sich auch auf der Rückseite einer Münze, die 1943 probeweise geprägt wurde. Es ist nicht zu klären, ob das Fehlen des Tigers in der offiziellen Symbolik des heutigen Indien auf diese „heikle“ Vergangenheit zurückzuführen ist. Sonst gibt es allerdings wenig Berührungsängste. Chandra Bose, der kurz vor dem Ende des Krieges im Pazifikraum auf mysteriöse Weise verschollen ist, gilt in seiner Heimat als Nationalheld, 1968 gab die indische Post eine Briefmarke zum 25. Jahrestag der Ausrufung seiner Nationalregierung heraus, in vielen Städten hat man ihm Denkmäler errichtet und die von ihm eingeführte Hymne ist heute die offizielle Nationalhymne Indiens. Die JF-Serie „Politische Zeichenlehre“ des Historikers Karlheinz Weißmann wird in zwei Wochen fortgesetzt.

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