Erschlafft

The time always comes to say goodbye“: Diese Altersweisheit, die Robert Smith im Finale der CD „Bloodflowers“ bereits vor knapp einem Jahrzehnt aus emotionalem Überschwang geborenen Ewigkeitsphantasien entgegensetzte, scheint ihm in seinem musikalischen Schaffen weiterhin keine praktischen Konsequenzen aufzuerlegen. Seit nahezu zwanzig Jahren kehrt das Raunen, die 1976 als David-Bowie-Karaoke betreibende Schülercombo gegründete Band The Cure hätte die Segel gestrichen oder würde sich zumindest von aufreibenden Live-Aktivitäten zurückziehen, sporadisch wieder, um dann doch stets aufs neue durch frische Ware in den CD-Regalen oder Mammuttourneen widerlegt zu werden. Der neueste Streich dieser Art, „4:13 Dream“ (Universal), ist nun seit Ende vergangenen Jahres zu erkunden. Dem Vernehmen nach ist der kryptische Titel der CD schlicht dadurch zu erklären, daß nach vier Jahren Pause nunmehr das dreizehnte Album vorgelegt wurde. Sollte diese Interpretation zutreffend sein, so ist die Simplizität des Zahlenrätsels ein ehrlicher Fingerzeig auf das, was das Produkt bietet. Die CD vermittelt nämlich in erster Linie den Eindruck kreativer Erschlaffung, der lediglich dadurch aufgehellt wird, daß manche Höhepunkte ihres Schaffens in den unterschiedlichsten Stimmungslagen zwischen zäher Schwermut und weltvergessenen Glücksmomenten den Musikern in der Fron der Studioaufnahmen wohl noch in ausreichender Erinnerung gewesen sind, um wenigstens sich selbst kopieren zu können. Der gute Ruf von The Cure nimmt daran jedoch keinen Schaden. Gottfried Benn wird der Ausspruch zugeschrieben, daß ein Lyriker froh sein kann, wenn er in seinem Leben drei bis vier herausragende Gedichte zustande bringt. Will man dies auch Musikern konzedieren, so haben Robert Smith und seine Mitstreiter ihre Lebensaufgabe mit drei bis vier herausragenden Alben bereits erfüllt. Mehr noch: Obwohl sie mit ihrer langjährigen Verortung irgendwo im Gothic-Milieu stets eine gewisse Randständigkeit zu verkörpern schienen, haben sie doch für einen beachtlichen Zeitraum dem nicht nur unter Kostümierten, sondern eben auch in der Mitte der Gesellschaft weit verbreiteten Weltschmerz eine gemäßigte Stimme verliehen. Wo andere Altersgenossen ihrer Jugendjahre vor Unbehagen explodierten, verlegten sie sich darauf, die Enttäuschung über das, was das Leben zu bieten schien, schwelgerisch zu genießen. Der Erfolg, den sie damit erzielten, bot unter dem Strich mehr Erkenntnisse über latente Befindlichkeiten als die meisten Jugendstudien. An diesen Puls der Zeit sind die Jugendfreunde aus Washington, D.C., die zu Beginn dieses Jahrzehnts in New York unter dem Namen The Walkmen zu musizieren begannen, nie so recht herangekommen. Ihre Existenzberechtigung scheinen sie daraus zu schöpfen, daß sie einigen Kriterien gerecht zu werden versuchen, die das ambitionierte Feuilleton vorübergehend für sein Urteil, ob es sich wohl um angesagte Musik handeln könne, herangezogen hatte. So klingen sie sicherlich sperrig und leger, so als wäre ihnen das Ganze, was sie treiben, letztendlich gleichgültig. Der Hype, in dessen Windschatten sie sich stellten, ist jedoch schon wieder vorbei, und entsprechend war die Hoffnung, daß der Funke doch noch überschlagen möge, zu begraben. „You & me“ (Talitres Records) zollt dieser Malaise Rechnung und zeugt von der Neuausrichtung zu etwas, das man amerikanischen Chanson nennen könnte. Das Manko dieses Versuchs ist jedoch, daß Sänger Hamilton Leithauser zwar vielleicht etwas zu sagen hat, doch nicht weiß, was er mit seiner Stimme anfangen soll. Es mag lässig sein, wie er sich vom Rest der Band entkoppelt – hörenswert ist es nicht.

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