Joachim Kuhs

 

Renaissance vergessener Kriegsformen

In einem Bürger- oder nationalen Krieg haben jene, die ein aufständisches Land unterwerfen wollen, einen großen Nachteil.“ Was wie ein Resümee aus Erfahrungen anmutet, die vermeintlich überlegene und mit modernster Technologie ausgerüstete Streitkräfte auf zahlreichen Konfliktschauplätzen der Gegenwart machen müssen, wurde bereits 1862 von Henri-Antoine (1779—1869) formuliert, einem gebürtigen Schweizer und General in russischen Diensten. Allzu voreilig hatte sein Biograph und Exeget Ferdinand Lecomte einen raschen Sieg des Nordens im soeben entbrannten amerikanischen Bürgerkrieg als Gewißheit beschworen. Diesem Überschwang setzte er — wie sich zeigen sollte, zu Recht — die Skepsis eines Veteranen der Napoleonischen Kriege entgegen, der als Generalstäbler in den Reihen der Grande Armée in Spanien hatte mit ansehen müssen, wie eine auf das Schlagen regulärer Schlachten ausgerichtete, siegesverwöhnte Streitmacht durch unberechenbare Guerilla-Aktionen nachhaltig zermürbt werden konnte. Als der hochbetagte Jomini seinen Brief verfaßte, war sein Stern als führender Militärtheoretiker Europas bereits im Sinken begriffen. Jahrzehntelang hatte er insbesondere in Frankreich und Rußland, aber auch in den USA die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Krieg geprägt und zugleich das Denken von Generationen militärischer Führer maßgeblich beeinflußt. Nun jedoch setzte sich peu à peu die Auffassung durch, daß sein Werk und seine strategischen Maximen als letztlich dem rationalistischen Zeitgeist des 18. Jahrhunderts verhaftet und daher nicht mehr zeitgemäß anzusehen wären. Der Preuße Clausewitz, der mit seinem postum veröffentlichten Fragment „Vom Kriege“ einen ungleich höheren philosophischen und über den Tag hinaus weisenden Anspruch einzulösen versprach, lief ihm den Rang ab. Da gerade Militärs auch in der theoretischen Durchdringung ihres Metiers zu unsentimentaler Effizienz angehalten sind, verschwand Jomini alsbald aus dem Kanon der strategischen Pflichtlektüre. Sein Name irrlichterte fortan im Kosmos der Geistesgeschichte, ohne daß sich mit ihm mehr denn knappes lexikalisches Wissen verband. Erst in den vergangenen Jahren scheint ihm in der naturgemäß überschaubaren Gemeinde von nicht allein historisch interessierten Militärwissenschaftlern eine mehr als bloß geschmäcklerische Aufmerksamkeit gezollt zu werden. Das mag damit zusammenhängen, daß nach dem Ende des Ost-West-Konflikts nicht nur sogenannten asymmetrischen Konflikten, sondern — nach dem Muster des georgisch-russischen Zwischenfalls — auch zwischen regulären Streitkräften ausgetragenen und gleichwohl nicht „totalen“ Kriegen eine Zukunft beschieden sein könnte. Damit ist ein Szenario wieder aktuell geworden, in dessen intellektueller Bewältigung der Schweizer nicht hinter dem Preußen zurücksteht. Kulminiert ist dieses neuerliche Interesse an Jomini in dem umfänglichen und von akribisch zusammengetragenem Quellenmaterial gesättigten Band von Jean-Jacques Langendorf, der im französischen Original bereits vor einem halben Jahrzehnt erschien und nun endlich auch in deutscher Übersetzung vorliegt. Der Leser hat hier keine Biographie im herkömmlichen Sinn, sondern eine breit angelegte Stoffsammlung vor sich. So zeichnet Langendorf im ersten Hauptteil des Buches den Lebensweg Jominis denn auch in der Form einer Chronologie nach — von seiner Waadtländer Jugend und seiner Rolle in den politischen Wirren der von den Koalitionskriegen gegen Frankreich erschütterten Schweiz über den Seiteneinstieg in die militärische Karriere unter der Tricolore, den Seitenwechsel im Jahr 1813 und den Dienst in der Streitmacht des Zaren in der Schlußphase der Napoleonischen Kriege bis hin zum länger und länger werdenden Lebensabend als russischer General, der jedoch bevorzugt in Paris weilt und nur in Krisenzeiten das Land aufsucht, dessen Uniform er trägt. Im zweiten, schon eher dem Genre einer intellektuellen Biographie verpflichteten Hauptteil, tastet sich Langendorf allmählich an den Militärtheoretiker Jomini heran, indem er zunächst die Entwicklung seines staats- wie außenpolitischen Denkens skizziert, das in der Vergangenheit zumeist unterschätzt worden sei, und ihn dann als Militärhistoriker porträtiert, der er womöglich in allererster Linie gewesen ist. Erst nach einer kursorischen Beschäftigung mit jenen Autoren, die für Jomini von Bedeutung gewesen sein mögen, finden die Präliminarien ein Ende, und das, was an Jomini eigentlich am meisten interessiert, seine Theorie zur Kriegführung, kommt zur Darstellung. Leider fällt jedoch ausgerechnet dieses Kapitel hinter der Qualität der übrigen zurück. Langendorf präsentiert ein Puzzle, ohne seine zahlreichen Teile zusammenzufügen. Eine geordnete Darstellung des strategischen Denkens von Jomini steht daher weiterhin aus — und somit auch die Beantwortung der Frage, inwiefern dieses noch Relevanz besitzt. So bleibt der Waadtländer bis auf weiteres „nur“ ein Phänomen der Geistesgeschichte um ihrer selbst willen.     Jean-Jacques Langendorf: Krieg führen: Antoi-ne-Henri Jomini. Vdf Hochschulverlag an der ETH Zürich, Zürich 2008, broschiert, 508 Seiten, 26,62 Euro Foto: Salvador Dali, Das Gesicht des Krieges, Öl auf Leinwand 1940: Kriege müssen nicht total sein

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