Generationen vor Ackermann

Wie fossile Schlachtkreuzer, die nicht mit der feindlichen Luftwaffe gerechnet haben, sind innerhalb des letzten Halbjahrs drei New Yorker Investmentbanken in der „US-Hypothekenkrise“ untergegangen. Ihr Schicksal teilen die zwei größten Hypothekenbanken, deren infantile Namen — Fannie Mae und Freddie Mac — allein schon jeden Häuslebauer vor der Kreditaufnahme hätten warnen müssen. Tröstlich ist an diesem Chaos nur, daß das auf totale Permissivität und maximale Menschenverachtung angelegte US-Krokodilssystem sich eine Weile lang nicht mehr als zu globalisierendes Patentmuster für eine weltweite Finanzordnung empfehlen läßt. Wer sich also schaudernd von solchen wirtschaftlichen Verwerfungen ab- und der versunkenen Oase finanzwirtschaftlicher Solidität „Alteuropas“ zuwenden möchte, dem könnte für seine Zeitreise die von Hans Pohl edierte Sammelbiographie über „Deutsche Bankiers des 20. Jahrhunderts“ zu keinem passenderen Moment in die Hände fallen. Zunächst erfreut, daß niemand darunter ist vom Typ Josef Ackermann, der seit Monaten allwöchentlich verkündet, das Ende der US-Finanzkrise sei in Sicht. Selbst seine Vorgänger als Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, F. Wilhelm Christians und Alfred Herrhausen, die hier eingehend gewürdigt werden, wirken angesichts derart globalisierter Führungsfiguren inzwischen wie liebenswerte Exoten. Auch deshalb, weil die beiden engagierten „Ostpolitiker“ weit über das bloß Ökonomische der Bankmaschinerie hinausdachten. Interessant, bei dieser Gelegenheit zu erfahren, wie gering Alfred Herrhausen von Kanzler Kohl dachte, mit wieviel Bitterkeit er auf dessen ausgebliebene „geistig-moralische Wende“ reagierte. Auffällig auch, daß Dieter Balkhausen in seinem Porträt kein Wort für die Hintergründe des Mordes an Herrhausen erübrigt, drei Wochen nach dem Mauerfall im November 1989. Die großen Namen, Arthur von Gewinner, Max Warburg, Carl Fürstenburg, Hjalmar Schacht, Hermann Josef Abs, Karl Blessing, sind in diesem Band natürlich vertreten. Auffällig fehlen Carl Joseph Melchior (1871—1933), Teilhaber der Hamburger Warburg Bank und eines der sechs Mitglieder der deutschen Friedensdelegation in Versailles 1919, wichtiger finanzpolitischer Berater der Weimarer Reichsregierungen, sowie Paul von Schwabach (1867—1938), Mitinhaber des Bankhauses Bleichröder („Bismarcks Bankier“) und Freund Wilhelm II. Hans Pohl (Hrsg.): Deutsche Bankiers des 20. Jahrhunderts. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2008, gebunden, 488 Seiten, Abbildungen, 39 Euro

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