Pfeile mit Kußhand

Als „Komödianten“ will man Loriot, der am 12. November seinen 85. Geburtstag feiert, gerade nicht würdigen. Das neudeutsche „Comedian“ läge zu nahe, und diese Sparte der Zotenreißer und Brüllaffen ist durch einen breiten Graben von Loriot getrennt. Bernhard Victor, genannt Vicco von Bülow wurde in den fünfziger Jahren durch seine zunächst für den Stern gezeichneten Karikaturen („Auf den Hund gekommen“) bekannt. Berühmt wurde er für seine „Telecabinett“-Einlagen auf dem „Roten Sofa“ des SDR und durch die Schaffung des Fernsehhundes Wum, des Maskottchens für die „Aktion Sorgenkind“. Mit „Loriot“ signierte er bereits während seines Kunststudiums in Hannover; es ist der französische Name des Pirols, des Wappentiers der von Bülows. Sein humoristisches Talent (daneben reüssierte er unter anderem als Dirigent und als Nebendarsteller in „ernsthaften“ Filmen) bewies er zudem als Schreiber und Darsteller von Sketchen (unvergessen sein weibliches Pendant Evelyn Hamann!), als Moderator, Schauspieler, Regisseur und, dies vielleicht am perfektesten, als parodistischer Imitator. Loriot als Thomas Mann, als Robert Lembke und Eduard Zimmermann war schon unnachahmlich — einen Höhepunkt erlebte Loriots Verstellungskunst, als er den Journalisten Peter Merseburger gab und mit einer konfusen Zusammenstellung von Steuertips für große Verwirrung sorgte unter Fernsehzuschauern, die die Parodie nicht erkannten.   Daß neulich ausgerechnet die schreihälsige, vorgeblich intellektuell-kunstsinnige Elke Heidenreich einen „Ach, wo sind Sie, Loriot?“-Seufzer in die x-te Debatte ums Fernsehniveau warf, würde vielleicht selbst keinen schlechten Lo­riot-Witz abgeben. Denn was den Witz seiner Cartoons und Sketche ausmacht, ist das Mittel der kontrastiven Komik: Die Bildüber- oder unterschrift oder das von den Protagonisten Gesprochene deckt sich nicht mit dem, was wir im (gezeichneten oder bewegten) Bild vorfinden. Die Sprache, der Gestus sind gehoben, teils bemüht feierlich, während das Dargestellte eine peinliche Figur und damit die tatsächliche Albernheit des Sachverhalts aufzeigt. Neben Loriots Film- und Fernsehschaffen sind im Hausverlag Diogenes Dutzende Bücher aus seiner Feder erschienen. Von „Einfallsreichtum“ mag der Künstler jedoch nicht reden: „Komik lauert überall da, wo Menschen sind.“ Das Komische findet sich bei Loriot in alltäglichen Kommunikationsstörungen, im Aneinandervorbeireden, in all den ungedeckten (Wort-)Wechseln, jenen Phrasen, die im Geschwätz der Werbung, der Politik, zwischen Eheleuten und Nachbarn hochkochen. Die Liste der Auszeichnungen, die Loriot zeit seines Lebens entgegennehmen durfte, ist schwer überschaubar. Sie beginnt 1943 mit dem Eisernen Kreuz I. und II. Klasse (als Offizier kämpfte Loriot an der Ostfront: „Die kriegerische Entwicklung enthob mich vorübergehend aller Berufssorgen. Auch meinem Bedarf an Heldentum wurde weitgehend entsprochen“) und sollte mit dem Ehrenpreis der Stadt München 2007 kein Ende gefunden haben. In der Laudatio zu letztgenannter Ehrung pries Loriot-Intimus Joachim Kaiser ausdrücklich den „preußischen Vaterwitz“ des Freundes. Loriot selbst rühmte gelegentlich den ausgezeichneten, doch verkannten Witz preußischer Offiziere und verteidigte auch die Deutschen gegen den wohlfeilen Vorwurf, ein humorloses Volk zu sein: Wir Deutschen hätten „nicht weniger Humor, sondern ein leichter zu verletzendes Selbstbewußtsein. Das macht uns empfindlich, wenn wir uns nicht ernstgenommen fühlen. Die Engländer sind weniger heikel, sie haben ja auch weniger Prügel bezogen.“ Nicht als modernen Europäer, sondern als „Preußen“ sieht sich der Satiriker. Für ihn beinhalte das, unzeitgemäße Tugenden weiterzugeben: etwa, daß es nicht entscheidend sei, was man verdiene, sondern welcher Sache man diene. Unübertrefflich wurde Loriot anläßlich seines 80. Geburtstags von Martin Mosebach gehuldigt — was im übrigen kein Wunder ist: Wäre der Frankfurter Romancier Satiriker geworden, man hätte ihn sich reichlich loriotesk vorzustellen — und umgekehrt. Jenseits der unterschiedlichen Genres, die Loriot und der um drei Jahrzehnte jüngere Mosebach bedienen, arbeiten sie vor einem ähnlich empfundenen Hintergrund und schöpfen aus ihrer detailversessenen Beobachtungsgabe des Menschlichen und Allzu-Menschlichen. Mosebach nannte den Jubilar damals den „großen Dokumentator des demokratischen Zeremoniells der Bundesrepublik“. In all ihrer biederen Tapferkeit, mit der Loriots knollennasige, anzugtragende Figuren sich den Widrigkeiten des Alltags stellen, wirken sie unelegant, ja einfältig. Sie agieren als unerschütterliche „Inseln des Wohlwollens und der Ordnung, gepflanzt in ein Meer von Chaos“ (Mosebach). Auch weil Loriot diese kleinäugigen, kurzsichtigen Kleinbürger nie grob, zynisch und laut als unbelehrbare Spießer verbiß, wie es bei Kollegen seines Fachs zunehmend üblicher (und opportuner) wurde, sondern sie liebevoll und selbstironisch auf die Schippe nahm, ist er ein unzeitgemäßer Satiriker. Er selbst schrieb einmal über die Zeitgebundenheit des satirischen Objekts, daß der Spott der Satire seit je den Machthabern gegolten habe. Als sich die Macht noch „oben“ in Staat und Gesellschaft befunden habe, bildete sie einen attraktiven Gegner, der nicht leicht zu verfehlen gewesen sei. „Man traf mit geschlossenen Augen und war sich der Sympathie einer Mehrheit sicher.“ Heute, so Loriot sinngemäß, sei Macht schichtenweise nach unten verrutscht. Macht und Verantwortung hätten nun Wähler, Konsumenten, Zuschauer und Autobesitzer. Dem solchermaßen für mündig gehaltenen Bürger gilt sein Pfeil. Er trifft nicht aus dem Hinterhalt und ist ohne Gift, Loriot steht frei und oben, wenn er die Sehne spannt, und er schickt gewissermaßen eine Kußhand mit. Zeitlos ist dieser Humor freilich nicht. Der Prototyp des braven, pedantischen und provinziellen Deutschen ist mittlerweile einem smarten, weltläufigen Schweinchen-Schlau-Typus gewichen, der mit Loriots wackerer Knollennasengesellschaft nur wenig gemein hat. Loriot, der im havelländischen Brandenburg geboren wurde und nun seit über vier Jahrzehnten mit seiner Frau Romi am Starnberger See lebt, wuchs übrigens — nach früher Scheidung der Eltern und Tod der Mutter — nur ein paar Schritte entfernt von der heutigen JF-Redaktion auf: Am Hohenzollerndamm stand die Wohnung von Groß- und Urgroßmutter. Deren Möbel und Bücher „atmeten reines 19. Jahrhundert. Es hat mich nicht mehr losgelassen.“ Mit Loriot feiern wir einen wahrhaft Unzeitgemäßen. Er lebe hoch! Foto: „Ach, wo sind Sie, Loriot?“: Vicco von Bülow nahm seine kleinäugigen, kleinbürgerlichen Spießer liebevoll und selbstironisch auf die Schippe

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