Rasanter Abwärtstrend

Abwanderung und Bevölkerungsverluste waren in den vergangenen Jahrzehnten vor allem in mitteldeutschen Regionen zu verzeichnen. Doch in naher Zukunft werden auch immer mehr westdeutsche Städte und Länder von der demographischen Krise direkt betroffen sein. Folglich ist es dringend geraten, auf gesamtdeutscher Ebene Lösungen zu finden, die dieser Situation Rechnung tragen und die wirtschaftlichen, sozialen und lokalen Folgen zumindest mildern können. Diese zentrale Forderung vertritt der Journalist Günther Lachmann in einer Reihe von Reportagen, die er unter dem Titel „Von Not nach Elend. Eine Reise durch deutsche Landschaften und Geisterstädte von morgen“ veröffentlicht hat. In dem Buch beschreibt er die Zustände, die bereits heute in stark schrumpfenden Regionen zum Alltag gehören, aber auch von Städten, die — so Lachmann jetzt auf einer Diskussionsveranstaltung in Berlin — „heute auf der Kippe“ stehen. Im Regelfall hat jeder Rückgang der Bevölkerung im lokalen Raum eine lange Vorgeschichte. Punktuelle Ursachen wie etwa der plötzliche Verlust des Hauptarbeitgebers seien dabei weit weniger als zentrale Ursache zu betrachten denn ein grundsätzlicher wirtschaftlicher Strukturwandel, der gerade ehemals prosperierenden Regionen oft dann sehr hart treffe, wenn sie dessen Folgen mangels Innovationskraft, Attraktivität oder aufgrund von Unflexibilität nicht lösen könnten. Dieser Prozeß dauere laut Lachmann im Regelfall mehrere Jahrzehnte.  Sobald aber ein erster Bevölkerungsrückgang zu beobachten sei, gehe es dann sehr schnell abwärts. Innerhalb von wenigen Jahren potenzieren sich die Verluste. Die  Wirtschaftskraft sinke, und die Arbeitslosigkeit steige trotz prinzipiellen Arbeitskräftemangels ungebremst. Der Abbau von Geschäften und kulturellen Einrichtungen senke wiederum die Attraktivität der entsprechenden Regionen noch stärker. Und besonders die Abwanderung von Freunden und Bekannten versetze die Bleibenden oft in eine resignative Stimmung und verstärke ihre eigenen Überlegungen, weshalb sie selbst noch in ihrer Heimat zurückbleiben und sich dort engagieren sollten. Zurück bleiben dann fast nur noch die ältere Bevölkerung und einige Schlecht-Ausgebildete, so Lachmann. So gebe es heute in der Altmark, die Bismarck einst „als Wiege Preußens“ bezeichnete, bereits viele Orte, in denen erst vor wenigen Jahren die Feuerwehren mit einem neuen Fuhrpark und neuen Geräten ausgerüstet wurden, doch bereits heute kein ausreichendes menschliches Potential besitzen, welches diese Kapazitäten im Ernstfall auch wirklich nutzen könnte. Im niedersächsischen Landkreis Goslar, in dem in den vergangenen Jahren aufgrund Abwanderung ein Rückgang der Kinderzahl um 30 bis 40 Prozent zu verzeichnen sei, brächen an mehreren Orte bereits die wesentlichen Einnahmequellen wie der Tourismus aufgrund von mangelnden Arbeitskräften weg. Die Abwanderung beschränke sich vielerorts keineswegs nur auf unattraktive Wohnlagen und Plattenbaugebiete. Vielmehr zeige sich die Folgen der Entwicklung bereits in Einfamilienhaussiedlungen und Villengebieten. Wenn die Generation derjenigen, die in den sechziger und siebziger Jahren diese Häuser neu gebaut hat, sterbe, drohe vielen solchen Gegenden der Verfall. Bereits heute befinden sich die Preise für solche Objekte im Tiefflug, viele seien praktisch unverkäuflich; zumal, wenn ohnehin schrumpfende Kommunen immer neue Baugebiete preiswert zur Verfügung stellen würden. Zur gleichen Zeit explodiert der Preis für die gleichen Objekte in der Nähe von wirtschaftlich attraktiven Gebieten noch weiter nach oben.   Doch obwohl schon vor Jahren der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Norbert Walter, die Erarbeitung konkreter Konzepte für einen Rück- und Umbau der Städte gefordert habe, werde das Thema immer noch weitestgehend verdrängt, betonte Lachmann. In der lokalen Presse werde es kaum thematisiert, sondern oft lieber beschwiegen. In diesem Zusammenhang sehe er auch sein eigenes Buch als einen zusätzlichen Impuls, die Augen nicht länger vor den Problemen zu verschließen, sondern um Lösungen zu ringen, sagte Lachmann. Generell müsse man aber feststellen, daß der Schrumpfungsprozeß auch beim Einsatz von Mechanismen zur Abmilderung der Situation „sehr schmerzhaft“ werde. Nach Karl Jaspers sei die Heimat dort, wo „man andere verstehe“ und „selbst verstanden“ werde. Für viele Menschen sei es daher grundsätzlich sehr schwer, ihr gewohntes Umfeld zu verlieren. Schließlich gingen mit dem Verlust der Heimat immer auch wichtige Traditionen und Brauchtum wie etwa der vertraute Dialekt verloren. Aber auch das über viele Jahrhunderte gewachsene lokale Wertesystem werde durch den Schrumpfungsprozeß ebenso in Frage gestellt wie die bisherige Sicherheit und Vertrautheit, bilanzierte Lachmann abschließend. Günther Lachmann: Von Not nach Elend. Eine Reise durch deutsche Landschaften und Geisterstädte von morgen. Piper Verlag, München 2008, gebunden. 279 Seiten, 18 Euro

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