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Multitalent

Vor vierzehn Jahren war Richie Kotzen plötzlich arbeitslos. Ohne viel Federlesens hatte ihn die mehrfach platingekrönte Glam-Metal-Band Poison herausgeschmissen, nachdem sein Verhältnis zur ehemaligen Verlobten des Schlagzeugers aufgeflogen war. Das Paar heiratete, ließ sich im Laufe der Jahre auch wieder scheiden, und der damals 23jährige Gitarren-Virtuose kletterte mit einem Solo-Vertrag bei Geffen auf die Erfolgsleiter zurück. (Kotzens drei vorherige Soloalben für Shrapnel hatten sich trotz guter Kritiken schlecht verkauft.)

Seine erste Einspielung für die renommierte Plattenfirma war das beeindruckende "Mother Head’s Family Reunion", angesiedelt an der Grenze zwischen Blues und Rock der härteren Sorte und mit einer von britischen R&B-Combos wie The Who und Cream inspirierten Begleitband. Die Entgiftungskur signalisierte einen neuen Start für den Jungen, dennoch sollte es vorerst die letzte Platte bleiben, die er mit einer vollständigen Band aufnahm. Statt dessen zog das Multitalent es seither vor, nahezu alle Instrumente selber in die Hand zu nehmen.

Diesmal freilich ist alles anders. Nach dem gefühlvoll-introspektiven "Into the Black" (2006) hat Kotzen seine einstigen Weggefährten Franklin Vanderbilt (Schlagzeug) und Arian Schierbaum (Keyboards) sowie den Baßgitarristen Virgil McKoy, den er höchstpersönlich in einer Kneipe in Pennsylvania entdeckte, und die eigene zehnjährige Tochter August (aus ebenjener Ehe) als Background-Sängerin zu einem erneuten Familientreffen zusammengebracht, folgerichtig "Return of the Mother Head’s Reunion" betitelt.

Dabei ist Kotzens neue Platte keineswegs nur eine Nostalgie-Veranstaltung oder gar eine Rückkehr zu dem gitarren-zerfetzenden Kracherrock, für den er zu Zeiten von "Mother Head’s" berüchtigt war. Klar, daß es mit einer leibhaftigen Band im Hintergrund weniger besinnlich zugeht, klar auch, daß Kotzen die Chance nutzt, so richtig abzurocken (man beachte die dreiminütige Jam-Session am Ende der epischen Ballade "Fooled Again"). Insgesamt aber kommen vornehmlich Reminiszenzen an die Funk-Rhythmen von Sly and the Family Stone oder Stevie Wonder auf. Die früheren Einflüsse setzen sich indes in Stücken wie dem Blues-Kracher "Dust" durch, wo Kotzen Hendrix’sche Gitarrenmagie mit Anklängen einer Melodie mischt, die verflixt an Deep Purples "Strange Kinda Woman" erinnert.

Wer’s eher rockig-jazzig als funkig-soullastig mag, sollte in die neue Scheibe von Winger reinhören – und reinschauen. Die Band, die seit ihrer Wiedervereinigung 2006 Qualität am Fließband produziert, hat ihre jüngste Comeback-Tournee in den USA nun auf Doppel-CD und DVD festgehalten. Bei einem dynamischen anderthalbstündigem Auftritt vor äußerst dankbarem kalifornischem Publikum rocken sie sich durch eine Playlist, auf der altbewährte Winger-Hits wie "Seventeen", "Down Incognito" und "Can’t Get Enough" ebensowenig fehlen dürfen wie frisches Material von ihrem hervorragenden Album "Winger IV" (2006). Schade nur, daß die Plattenfirma Frontiers Film und Album separat in den Handel bringt – im Kombipack hätten sie einander vortrefflich ergänzt, so aber ist die zusätzliche Anschaffung der CD überflüssig. Denn wenn Rod Morgenstein sein Schlagzeug bearbeitet wie Keith Moons ausgeflippter Zwilling, freuen sich die Augen mit – im Widescreen-Format zumal.

Freilich bereitet jedes noch so ausgedehnte Schlagzeug-Solo mehr Hörvergnügen als Actions Albumdebüt. Nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen britischen Proto-Punkband aus den 1960ern, bieten diese Tatendurstigen eine Sammlung von Melodic-Rock-Balladen aus den letzten zwanzig Jahren auf, die sich wirklich nur ganz Unverbesserliche ins Regal stellen sollten.

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