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Das Wohl und das Weh

Die einen wollen sie besetzen, die anderen reklamieren sie für sich, die einen wollen sie nicht "kampflos räumen", die anderen haben sie angeblich bereits verlassen -­ das Gerangel um die "politische Mitte" in Deutschland nimmt immer groteskere Züge an. Mittlerweile hat der Begriff "Mitte" die Konnotation von "Paradies" erhalten, trotz oder gerade wegen seiner schwammigen Vieldeutigkeit. Wer hierzulande die (partei-)politische Meinungsführerschaft für sich beansprucht, definiert sich zugleich als "Mitte"; selbst die einstigen linken Flügelstürmer der Grünen machen da keine Ausnahme mehr. Der Begriff wird inzwischen so inflationär verwendet, daß gut beraten ist, wer Vorsicht walten läßt, lehrt die Erfahrung mit bundesdeutscher Politik ­- in Abwandlung einer von Carl Schmitt zitierten Satzschöpfung Pierre Joseph Proudhons – doch vor allem eines: Wer von "Mitte" spricht, will betrügen.

So weit würde der liberal-konservative Herausgeber und Chefredakteur der im April 2004 ins Leben gesetzten Monatszeitschrift Cicero, Wolfram Weimer, zwar sicher nicht gehen. Trotzdem hat er jetzt in der Januar-Ausgabe seines "Magazins für politische Kultur" eine scharfe Abrechnung mit dem grassierenden "Mitte"-Gefasel vorgenommen. Die Mitte suggeriere Stetigkeit, schreibt Weimer, "dabei gibt es sie nur als Variable, sie ist keine Überzeugung, sondern Funktion, keine Position, sondern Treibholz, kein Fels, nicht einmal eine Strömung. Logisch besehen: der reine Opportunismus". Debatten im öffentlichen Raum verengten sich auf Gemeinplätze. "Unechtes Reden breitet sich wie Nebel aus, weil immer mehr Menschen nicht sagen, was sie denken, sondern sagen, was sie glauben, das man denken sollte." Weimer weiter: "Wenn sich die Gesellschaft aber am liebsten auf einem Quadratmillimeter Meinungs-Mitte versammelt, dann wird es intellektuell ziemlich eng. Was bleibt, ist das Pathos der Selbstverständlichkeit."

Daß bislang noch jeder – insbesondere jeder, der sich rechts der Mitte verortet -, der sich an diesem imaginierten Ort nicht zu versammeln bereit ist, von den Wächtern der Mittigkeit ausgegrenzt, verteufelt und gebrandmarkt wird, ist für Weimer kein Thema. Dennoch ist ihm grundsätzlich zuzustimmen, wenn er schreibt, die Fixierung an der Mitte sei "ein Triumph des Formalismus über die Inhalte. Sie zeigt, daß der Staatsräson die Visionen abhandengekommen sind". Technokratisches Optimieren sei der Grundcharakter aller Mittigen. "Das Woher und Wohin, das Warum, das Wohl und das Weh sind keine Kategorien mehr", meint der Cicero-Chef. "Das Geheimnis des Könnens aber liegt im Wollen, nicht im Diagnostizieren."

Das erste Heft 2008 bietet ansonsten die bewährte gefällig bunte Mischung aus Interviews (Dalai Lama, Kardinal Lehmann, Roland Koch), Porträts (Putin), Hintergrundberichten, Essays (lesenswert, nicht nur für Raucher: Durs Grünbeins Elegie auf den Rauch), Glossen und Rezensionen. Cicero, soviel steht nach bald vier Jahren fest, hat sich völlig zu Recht am Markt behauptet.

Kontakt: Cicero, Lennéstr. 1, 10785 Berlin. Das Einzelheft kostet 7 Euro, ein Jahresabonnement 75 Euro. Internet: www.cicero.de.

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