Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Eurasische Spuren

Das Überwältigende an der Ausstellung über die Funde in skythischen Königsgräbern, die jetzt in München gezeigt wird, ist die schiere Menge Gold. Ganz gleich, welchen Saal man betritt, überall funkelt das edle gelbe Metall. Natürlich richtet sich das Interesse der meisten Besucher auf die großen Stücke, die kunstvollen Halskragen, den Schmuck, die figurativen Bleche, Kannen und anderen Gefäße.

Dabei könnte die Aufmerksamkeit für die kleinen filigranen Arbeiten verlorengehen, die oft nicht einmal daumennagelgroß als Besatz für Kleidung oder Ausrüstung dienten. Da es sich ausnahmslos um Überreste aus Grablegen der Oberschicht handelt, darf man wohl voraussetzen, daß solche Accessoires nicht im Alltag, sondern zu Repräsentationszwecken getragen wurden, was an sich schon für eine symbolische Bedeutung auch dieser Details spricht.

Zu den merkwürdigsten dieser Figuren gehört sicher die, die ein niederbrechendes Kamel zeigt, das von einem Tiger angefallen wird. Das Motiv gibt es auch sonst in Varianten auf skythischen Kunstwerken – Greifen, die Pferde schlagen, Hunde, die Eber attackieren -, aber diesem kommt besondere Aufmerksamkeit zu, weil es ähnlich aus einem völlig anderen Zusammenhang bekannt ist: als Applikation auf dem Krönungsmantel der römisch-deutschen Könige und Kaiser. Es handelt sich um ein capeartiges Stück aus roter, golden bestickter Seide, in der Mitte eine Palme mit großen Früchten, links und rechts symmetrisch ein Löwe, der ein Kamel niederwirft, das Ganze eingefaßt von einer arabischen Inschrift.

Die exotische Anmutung ist kein Zufall, denn das kostbare Stück wurde in den Hofwerkstätten Palermos von muslimischen Künstlern im Auftrag Rogers II. von Sizilien angefertigt und kam erst im 13. Jahrhundert – durch die staufische Nachfolge auf dem sizilianischen Thron – in den deutschen Kronschatz.

Die Herstellung erfolgte auf Befehl des diwan, die übliche arabische Bezeichnung für die Hofkanzlei des Normannen Roger. Nicht nur die Inschrift spricht dafür, sondern auch die Bildwahl mit Löwe und Kamel: Sie folgt einem Muster, das sich ähnlich in der Ausmalung der Hofkapelle des Palazzo Reale in Palermo findet, die gleichfalls muslimischen Handwerkern zugeschrieben wird.

Was den Normannen Roger bewogen haben mag, einer solchen Symbolik zuzustimmen, ist unbekannt, aber sie muß für ihn und seine Untertanen verständlich gewesen sein. Das darf man jedenfalls für die im Land lebenden "Sarazenen" annehmen, denn im Orient ist die Darstellung von Lebensbaum und einem Raubtier, das über einem Beutetier steht, als Ausdruck der Macht über den Tod bis in assyrische Zeit nachweisbar.

Das skythische Stück wäre damit ein neuer Beweis für den großen symbolischen Bezugsraum Eurasien, in dem eine Wanderung und ein Austausch bestimmter Vorstellungen und Zeichen über sehr lange Zeit stattgefunden hat. Man wird wenigstens vermuten dürfen, daß die Skythen dabei als Vermittler eine besondere Bedeutung hatten.

Unsere Kenntnisse über dieses antike Reitervolk sind außerordentlich begrenzt. Sie selbst haben keine schriftlichen Zeugnisse hinterlassen, was wir wissen, wissen wir aufgrund spärlicher Berichte der Nachbarn und aufgrund der Archäologie. Deren Analysen sprechen allesamt dafür, daß es sich anthropologisch gesehen um eine Mischung aus Europäern und Asiaten handelte, wobei der europäische Anteil lange dominierte, und daß man es kulturell mit einer Kombination und Umgestaltung griechischer, persischer, chinesischer und autochthoner sibirischer Elemente zu tun hat.

Dieser Befund erklärt vielleicht etwas von der überwältigenden Motivmenge und den zahllosen Assoziationen, die durch die Stücke in der Ausstellung geweckt werden. Die betreffen vor allem die Ausdrucksformen, die denen anderer "barbarischer" Völker im Westen ähneln: von der auffällig an den germanischen Haarknoten erinnernden Männerfrisur skythischer Krieger bis zur der von keltischen Kunstwerken bekannten Flechtbandornamentik und dem angeblich "typisch keltischen" Triskell (Dreifuß), von Eber und Hirsch, deren Darstellung sehr an gallische Funde aus vorrömischer und römischer Zeit erinnert, bis zu Adler, Greif und andere Chimären, die wie Vorbilder für die mittelalterliche Heraldik wirken.

Die JF-Serie "Politische Zeichenlehre" des Historikers Karlheinz Weißmann wird in zwei Wochen fortgesetzt.

Foto: Krönungsmantel, heute in der Wiener Hofburg: Exotisch

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