Erkenntnis der letzten Dinge

Ein ganzes Jahrzehnt lang hatte er sich zurückgezogen, nun ist er wieder auf die Leinwand zurückgekehrt: der alte Filmlöwe Francis Ford Coppola, Regisseur von modernen Klassikern wie „Der Pate“ (1972) und „Apocalypse Now“ (1979). Seinen Zenit hatte der Altmeister freilich schon geraume Zeit vor der langen Abwesenheit überschritten. Sein bislang letzter Film, „Der Regenmacher“ (1997), stach kaum aus der Welle der John-Grisham-Verfilmungen heraus, die in den Neunzigern so beliebt waren. Mit umso größerer Spannung wurde Coppolas Comeback-Projekt erwartet, das auf einer ungewöhnlichen Vorlage basiert, nämlich der 1976 entstandenen Novelle „Der Hundertjährige“ des rumänischen Religionswissenschaftlers und Schriftstellers Mircea Eliade. Dessen Geburtstag jährte sich letztes Jahr zum hundertsten Mal (JF 11/07), rechtzeitig zum Jubiläum brachte die Edition Antaios die monumentale Eliade-Biographie von Florin Turcanu in deutscher Übersetzung heraus (JF 12/07). Eliades Novelle erzählt die phantastische Geschichte des lebensmüden siebzigjährigen Linguistikprofessors Matei, der im Bukarest des Jahres 1938 am Ostersonntag mitten auf der Straße von einem Blitz getroffen wird. Wochen später erwacht er im Krankenhaus, um vier Jahrzehnte verjüngt. Ärzte und Wissenschaftler stehen vor einem Rätsel. Der Blitzschlag hat einen weiteren verblüffenden Nebeneffekt: Mateis Gedächtnis und Lernfähigkeit nehmen drastisch zu, er lernt komplizierte orientalische Sprachen und Schriften mit spielerischer Leichtigkeit und ist in der Lage, sich den Inhalt eines Buches „telepathisch“ anzueignen. Bald interessieren sich Polizei und internationale Geheimdienste, darunter die Gestapo, für den Übermenschen. Auf der Flucht vor seinen Häschern verbringt Matei den Krieg unter falschem Namen in der Schweiz. Jahre später, immer noch keinen Tag gealtert, trifft er auf die von rätselhaften Trancezuständen heimgesuchte Veronika, eine Reinkarnation seiner Jugendliebe. Professor Matei ist in manchen Zügen ein Alter ego Eliades. Die Wissenschaft war für den „Philosophen des Heiligen“ stets mehr als bloße Gelehrsamkeit. Wie C. G. Jung war Eliade ein „Ergriffener“, der sich der spirituellen Suche in jungen Jahren mit zum Teil exzentrischer Inbrunst verschrieben hatte. Die Erleuchtung, die Matei durch den numinosen Blitz erfährt, öffnet die Schatzkammern des kollektiven Gedächtnisses der Menschheit und der Philosophia perennis. In „Der Hundertjährige“ (der rumänische Originaltitel lautet übersetzt ebenfalls „Jugend ohne Jugend“) hat Eliade einen ebenso mystischen wie faustischen Traum von der Erkenntnis der letzten Dinge geträumt. Francis Ford Coppola hat Eliades Novelle bis ins kleinste Detail adaptiert, die Dialoge zum Teil wortwörtlich übernommen und die Handlung nur geringfügig verändert. „Jugend ohne Jugend“ wurde unabhängig von der Hollywood-Studio-Maschinerie mit vergleichsweise wenig Geld produziert, der Regisseur hatte vollkommen freie Hand und erfüllte sich ein langgehegtes Wunschprojekt. Was beinah wie das Erfolgsrezept zu einem ungewöhnlichen Meisterwerk klingt, ist jedoch auf enttäuschende Weise aus dem Ruder gelaufen. Während Eliade seine ausufernde Fabel gleichsam im Zeitraffer erzählt, weitet Coppola den Text zu epischer Breite aus. Er verpackt seine Geschichte in einen opulenten, massiv verkitschten Stil, der nicht recht zu Eliade passen will, dessen Romane eher eine Affinität zum „magischen Realismus“ osteuropäischer Meister wie Kusturica oder Paradschanow aufweisen. Unter den farbgesättigten, manierierten Bildern des Films schimmert der authentische Eliade hindurch wie die ursprüngliche Schrift eines Palimpsests. Hier haben sich typisch US-amerikanische Mißverständnisse störend eingeschlichen. Die wenigen Szenen, die Coppola selbst eingefügt hat, sind auf Anhieb zu erkennen. Den goldenen Truthahn gewinnt dabei der Auftritt eines Operetten-Nazi-Wissenschaftlers à la „Indiana Jones“, den Matei mit Hilfe telepathischer Kräfte zwingt, sich selbst zu erschießen. Das ist nicht die einzige Szene, in der „Jugend ohne Jugend“ am Rande zum prätentiösen Superheldencomic entlangschrammt. Mit Voranschreiten der Geschichte wächst auch die Konfusion des Zuschauers, die Coppola durch einen zunehmend bemühten Mystizismus zu zerstreuen versucht. Dieselben Sätze und Szenen, die bei Eliade fesseln, bekommen bei Coppola einen nahezu schwachsinnigen Beigeschmack. Auch bei der Besetzung hatte der Regisseur keine glückliche Hand. Einen rumänischen Sprachforscher ausgerechnet mit Tarantino-Star Tim Roth („Pulp Fiction“, „Reservoir Dogs“) zu besetzen, ist gelinde gesagt originell. Schlichtweg farblos, wie in allen ihren Filmen, ist Reichsnervensäge Alexandra Maria Lara als Mateis mediale Geliebte Veronika. Einzig Laras Partner aus „Der Untergang“, Bruno Ganz, vermag in seiner Rolle zu überzeugen. Es bleibt zu hoffen, daß das wahre Comeback des 69jährigen Coppola noch aussteht – und Eliades Romane einen kongenialeren Regisseur finden. Foto: Dominic (Tim Roth) versucht den Ursprüngen der menschlichen Sprache auf den Grund zu gehen

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