Preis der Einheit

Abseits der großen Nachrichtenwelt begeht diesen Monat die einzige gesamtdeutsche Musikzeitschrift melodie & rhythmus ihr 50jähriges Jubiläum – mitgezählt die Jahre, in denen das Magazin nicht am Markt war. Denn das erstmals 1957 in der DDR publizierte „Fachblatt für Tanz- und Unterhaltungsmusik“, die einzige Musikzeitschrift des Arbeiter- und Bauernstaates, hatte nach ’89 das Erscheinen einstellen müssen, weil der „Markt“ weggebrochen war.

Erst 2004 fand sich erneut jemand, der das brachliegende Feld beackerte: der aus Ost-Berlin stammende Christian Hentschel. Seit Mitte der neunziger Jahre hatte der Musikjournalist und Buchautor werbefinanzierte Gratis-Musikmagazine herausgegeben, die neben den internationalen Popgrößen auch die Entwicklung der einheimischen Szene dokumentierten.

Andere Zeiten, andere Sitten

Hentschel erhielt die Genehmigung für die Nutzung des legendären Titels melodie & rhtythmus. Für das Gespür, Essentielles von Oberflächlichem zu unterscheiden, sprach bereits die erste Ausgabe: Die damalige Titelgeschichte über Katie Melua war die erste im deutschsprachigen Raum. Während der Balanceakt zwischen globalem Popgeschäft und lokaler, oft deutschsprachiger Musiktradition bis heute geblieben ist, hat sich im Heft dennoch einiges geändert. Denn wegen mangelnder Erlöse hatte es 2006 sein Erscheinen kurzzeitig einstellen müssen. Es wurde von der linken Heimat Verlags GmbH übernommen. Aus dem Herausgeber Hentschel wurde nur mehr der Chefredakteur, das Blatt bunter, die Anzeigenkunden heißen heute Neues Deutschland oder Junge Welt.

Vielleicht gilt es, diese Nebenwirkung dialektisch zu begreifen als den Preis der Einheit, der für die Existenz des einzigen deutsch-deutschen Musikmagazins zu entrichten ist – allein schon für Erinnerungen wie die des Sängers Dirk Zöllner, der berichtet, wie James Brown in der Endphase der DDR vor seiner Pressekonferenz im Grand Hotel die versammelte Journalistenschar warten ließ, weil man ihm vorab keine Prostituierten zugeführt hatte, und wie Toni Krahl, Sänger der Band City, sogleich Abhilfe schaffte.

Oder für die verkehrte Welt eines André Herzberg, Sänger der Gruppe Pankow, der sich daran erinnert, wie er auf der Suche nach US-amerikanischer Songliteratur regelmäßig die US-Botschaft Unter den Linden in Ost-Berlin frequentierte – ein Ort, der aufgrund der Sicherheitsbarrieren heute unerreichbar scheint.

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