„Alles, was ich verabscheue, gedeiht“

Das amerikanische Jahrhundert wäre eine schlimmere Zumutung für den Rest der Welt gewesen, hätte es nicht auch Intellektuelle vom Format Susan Sontags (1933–2004) oder Norman Mailers hervorgebracht, die das Recht auf freie Meinungsäußerung lautstark und eloquent als erste Bürgerpflicht beim Wort nahmen, in bisweilen irritierender, ermüdender Weise.

Wären ihre Stimmen nicht prompt für immer verklungen, seine Götzendämmerung wäre kein Anlaß zur Trauer – erst recht nicht für den geschundenen Planeten, der unter seiner Last von „Hochhausarchitektur, Plastik und Automobilen“ ächzt, wie der vergangenen Samstag 84jährig verstorbene Mailer am Ende seines Lebens klagte: „Alles, was ich verabscheue, gedeiht.“ Einst in der Überzeugung angetreten, mit Romanen die Welt verändern zu können, sah er sich längst eines Schlechteren belehrt. (Ob uns das dräuende asiatische Jahrhundert weniger zumuten wird, ist eine andere Frage und hat in einem Nachruf für Mailer – der ein linker Weltverbesserer im ideologischen und ein erzkonservativer Nostalgiker im weltanschaulichen Sinn war, aber bei allem Haß aufs Plastik kein Umweltaktivist – fast gar nichts zu suchen.)

Sowenig er die Welt zu verändern vermochte, so unbestreitbar gestaltete Mailer – als ihr sozusagen engagierter Chronist – das Bild mit, das von seiner Epoche bleiben wird.  In seinem allerersten, allerbesten Roman „Die Nackten und die Toten“ (1948) ist das Kriegserlebnis weniger eine Bewährungsprobe männlichen Heldenmuts als vielmehr die ursprüngliche Begegnung verweichlichter Zivilisationssöhne mit den eigentlichen, den Naturgesetzen des Lebens und Sterbens. Damit hatte Mailer zugleich die Mustervorlage für die literarische und filmische Überlieferung des Vietnamkrieges geschaffen, zu der er 1967 mit „Am Beispiel einer Bärenjagd“ – so der bescheidenere deutsche Titel von „Why are we in Vietnam?“ – wiederum einen eigenwilligen Beitrag lieferte.  

Männer sind noch Männer und Frauen unwiderstehlich

In der Welt, in die er sich zurücksehnte, sind Männer noch Männer von echtem Schrot und Korn und Frauen so unwiderstehlich wie Marilyn Monroe, die er 1973 – so sie dessen noch bedurfte – in einer seiner Romanbiographien verewigte. Ansonsten blieb diese Art der Mailerschen Legendenbildung dem starken Geschlecht vorbehalten: Figuren der Welt- oder der speziell US-amerikanischen Geschichte von Gott („On God. An Uncommon Conversation“, Oktober 2007) und dessen Sohn („Das Jesus-Evangelium“, 1997) über Lee Harvey Oswald („Oswalds Geschichte“, 1995) oder den auf eigenen Wunsch von einem Erschießungskommando hingerichteten Mörder Gary Gilmore („Gnadenlos“, 1979) bis zu Adolf Hitler („Das Schloß im Wald“, 2007).

Neben „Die Nackten und die Toten“ ist die von Tom Wolfes „neuem Journalismus“ inspirierte Mischform aus Reportage, Fiktion und „Reklame für mich selber“ (der kaum ironisch gemeinte Titel eines 1959 veröffentlichten Sammelbandes), wie er sie in „Heere aus der Nacht. Geschichte als Roman. Der Roman als Geschichte“ (1968) perfektionierte und programmatisch fixierte, Mailers eigentliches Vermächtnis. Für diesen Großessay über seine Teilnahme an einer Kundgebung gegen den Vietnamkrieg erhielt er seinen ersten Pulitzer-Preis, der zweite folgte 1980 für „Gnadenlos“. Das eine große Meisterwerk indes, das alles andere überragte und für das er schon früh seine Wunschleser benannte: „Dostojewski und Marx; Joyce und Freud; Stendhal, Tolstoi, Proust und Spengler; Faulkner und sogar der gammelige alte Hemingway“, blieb ungeschrieben; so grandios wie seine Ambitionen waren auch seine Fehlschläge – ein Mann der halben Sachen, geschweige denn der leisen Zwischentöne war Mailer nie.

Von den eingangs erwähnten Giganten hat ihn Gore Vidal (geboren 1925) überlebt. Aber auch um Mailers alten Rivalen um den Thron der US-Intelligenzija ist es in den letzten Jahren merklich stiller geworden. Die amerikanische Tradition der öffentlichen Streitkultur, die sie als höchste Tugend pflegten, wird heute von geistigen Zwergen wie Michael Moore und den Dixie Chicks weitergeführt.

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