Joachim Kuhs

 

Ewiges Rußland

Ernst Bertram hat einst in seinem Essay „Wie deuten wir uns?“ über Deutschlands Lage in Europas Mitte meditiert und die vier Himmelsrichtungen mit je besonderen Erfahrungen und Ideen verknüpft, die unser geschichtliches Schicksal symbolisch dimensionierten. Moeller van den Bruck steuerte hierzu sein Italien-Buch bei. Dort hat er den ästhetischen Aspekt dem Süden zugeordnet, gleichzeitig aber mit seiner Dostojewskij-Ausgabe den Sinn für den russischen Osten mächtig befördert. Damals kulminierte der Prozeß geistigen Austauschs beider Völker seit 1813. Die Intellektuellen fanden manch innere Verwandtschaft, nicht zuletzt die Nähe romantischer und slawophiler Fragen nach einem nationalen Sonderweg als Alternative zur universellen Norm. Um so tragischer der Bruch dieser Verbindung im Zeitalter der Weltkriege. Komplementär dazu geriet die Bundesrepublik in den Sog normativer Geschichts- und Politbegriffe, die uns dem westlichen Evolutionsmodell unterwarfen. Bezahlt war das mit dem Verlust ganzer Seelenräume und Geistprovinzen. Das zeigt jetzt auch die grandiose Bonner Schau mit Meisterwerken des Moskauer Tretjakow-Museums, Rußlands erster Nationalgalerie. Unter großem Publikumsandrang, doch herablassendem Medienecho läuft dort seit Wochen die wichtigste Ausstellung russischer Kunst hierzulande seit der Tausendjahrfeier des christlichen Rußland 1988. 160 kostbarste Objekte aus vormongolischer Zeit (1237) bis 1900 illustrieren nicht nur den historischen Stilwandel, sondern erschließen umfassend russische Mentalität und Menschentum seit dem Mittelalter. Da östliche Kunst bis heute narzißtischem Solipsismus widersteht, eine ideelle Durchdringung der Erfahrung verlangt und „die Seele des Menschen nicht verlieren will“, bleibt sie geschichtlichem Schicksal weitläufig verbunden und führt Künstler und Betrachter thematisch zusammen. Das ließ die Tretjakow-Galerie zum populärsten Museum werden und ihre Bilder zur visuellen Normalität der Schulkinder. Begründet wurde sie vor 150 Jahren von dem Moskauer Kaufmann Pawel Tretjakow (1832-1898), der sich 28jährig dem Projekt einer russischen Nationalgalerie verschrieb. Sein slawophiles Umfeld, der bürgerliche Aufschwung, der Tretjakow zum ersten Mäzen der „Moskauer Medici“ machte, die patriotische Selbstbesinnung nach dem Krimkrieg, die kulturelle Dynamik des sozialkritischen Realismus und der Ehrgeiz des idealistischen Sammlers, seinen Reichtum in Gemeinwohl umzuwandeln, ermutigten ihn, bis 1892 zweitausend (heute zweihunderttausend) Werke zusammenzutragen. Tretjakow erwarb altrussische Sakralkunst, dann Veduten und Porträts des höfischen Barock, ironische Biedermeierszenen und stilkünstlerische Arabesken des Fin de siècle. Seine Leidenschaft galt indes den Meisterwerken der Peredwischniki, der „Wanderer“, deren künstlerische Arbeit sich mit seiner Agenda traf. Im Schaffen der Wanderer entlud sich die kreative Potenz zwischen 1870 und 1895. Sie lieferten ein monumentales Konzept des Realismus, das auch in sozialistischer Zeit adaptierbar blieb. Vor der Hintergrund der Bauernbefreiung (1861), der Narodniki in den 1870ern und des Terrorismus der 1880er Jahre hatten 14 Absolventen der Petersburger Akademie 1863 den Bruch mit der klassizistischen Kunst und ihren mythologischen Themen provoziert und Volksverbundenheit gefordert. Die Peredwischniki erfüllten sie (1871-1924) mit ihren Ausstellungstourneen durch die Provinz, die zahlreiche Menschen ästhetisch einbezogen und so die nationalen Zeitbelange förderten. „An die Stelle der ruhigen, beschaulichen Existenz von Menschen und Dingen traten scharfe soziale Probleme, deren Schilderung einen neuen Stil, den kritischen Realismus, hervorbrachte“ (L. Markina). Ihre originellen Bilderfindungen verdichten und deuten die Facetten russischen Lebens auf vielfältige Weise. Beschwört Wassili Maximows „Alles vorbei“ (1889) den melancholischen Niedergang des Adels, so nimmt Wassili Perow in seiner „Osterprozession auf dem Lande“ (1861) kirchliche Korruption aufs Korn. Genie des kritischen Realismus wurde Ilja Repin (1844-1930), dessen Bilder ebenso „Ikonen“ des Protests wie der Gestaltung sind. Als soziales Triptychon erscheinen seine „Wolgatreidler“ (1873) – zerlumpte Tagelöhner Kähne flußaufwärts ziehend -, „Die Verhaftung des Propagandisten“ (1880/92) mit dem polizeilichen Verhör und sein großartiges „Unerwartet“ (1888), das impressionistische Licht- und Farbbehandlung mit Zeitkritik und Empathie verschmilzt: Überraschend kehrt der politisch verbannte Sohn zu seiner Familie heim, deren Erschütterung Repin ins Bild setzt. Doch über all dies hinaus gewinnt seine gewaltige „Kreuzprozession in Kursk“ (1883) episches Gewicht – eine motivisch-kompositorische Komplexität, die Einsinnigkeit und direkte Anklage abstreift, um einen ganzen Sozialkosmos aufzurufen. Repin wird hier zum „malerischen Tolstoi“. Die Historienbilder der Zeit veranschaulichen dramatische Momente, typische Zustände oder mythische Muster der eigenen Geschichte: Iwan IV., Peter der Große, Leben in der alten Rus oder Recken aus dem „Igorlied“. Surikows „Bojarin Morosowa“ (1886) wird so zur Chiffre der Kirchenspaltung, Repins „Saporoger Kosaken“ (1880) zum Emblem überschäumender Vitalität, und Nesterow entwickelt aus der „Vision des Bartholomäus“ (1890) seinen Zyklus über das „Heilige Rußland“. Dessen legendäre Ikonen entrückt eine schwebend durchlichtete Pavillonarchitektur in feierliche Würde – kultischen Rang und liturgischen Glanz performativ andeutend. Tretjakow war der erste, der die alte Sakralkunst ästhetisch würdigte. Abgerundet hat er sein visuelles System mit Porträts von „Personen, die der Nation teuer sind“. So entstanden die sagenhaften Bilder der Dostojewski, Mussorgski, Tolstoi, Rimski-Korsakow, die übers Individuelle hinaus zum mythischen Ausdruck ihres Landes wurden – „Ikonen 2. Ordnung“. In ihnen komme, so schrieb Wasnezow, das Wesen des Volkes zum Ausdruck. „Schlecht steht es um ein Volk, das seine Geschichte nicht erinnert, nicht liebt und nicht zu würdigen weiß.“ Davon kündet eindringlich Tretjakows Moskauer Galerie. Die Ausstellung „Rußlands Seele. Ikonen, Gemälde, Zeichnungen aus der Tretjakow-Galerie Moskau“ in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland, Friedrich-Ebert-Allee 4, Bonn, kann jetzt am Wochenende von 10 bis 19 Uhr zum letzten Mal besichtigt werden. Der Katalog kostet 28 Euro. Fotos: Ilja Repin, Die Kreuzprozession im Gouvernement Kursk (Öl auf Leinwand, 1881/83): Ikonen; Wladimir Borowikowski, Katharina II. spaziert im Park von Zarskoje Selo (Öl auf Leinwand, 1794): „Der Nation teuer“

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