Die Anziehungskraft der Macht

In der global beschleunigten Gegenwart bleiben die „Heuschrecken“ anonym, selbst Namen wie Ackermann, Hartz und Piech sorgen nur für temporäre Erregung, dann verschwinden sie aus dem medialen Bewußtsein. Nicht anders, wenn die reformerisch bereinigte Arbeitslosenquote unter die Fünf-Millionen-Grenze sinkt und Kanzlerin Merkel angesichts einer kurzfristigen Wachstumsrate von über zwei Prozent beglückt von einem „zweiten Wirtschaftswunder“ spricht. Mit dem Märchen aus den fernen 1950er Jahren können die Jüngeren unter der schwindenden Stammbevölkerung nichts anfangen, schon gar nicht mit Namen wie Hermann Josef Abs, Heinrich Nordhoff oder Willy H. Schlieker. Was sagt ihnen das Bild eines beleibten Mannes mit Zigarre namens Ludwig Erhard? Mit ihrem Buch will die Zeit-Redakteurin Nina Grunenberg die Jahre des Wirtschaftswunders, insbesondere die Rolle der „Wundertäter“ ins Gedächtnis zurückbringen. Es läuft auf zwei einfache Thesen hinaus, erstens: In oeconomicis bedeutete das Jahr 1945 keine „Stunde Null“. Zweitens: Nach dem Untergang des „Dritten Reiches“ fand kein Elitenaustausch statt. An den Flügeln des (halbierten) Phönix aus der Asche klebte der Schmutz des NS-Regimes. Die Fachhistoriker hätten ein zentrales Thema, den Aufstieg Westdeutschlands zur Wirtschaftsweltmacht in knapp zehn Jahren nach Kriegsende, links liegenlassen, was maßgeblich mit der „tiefen Verstrickung in den nationalsozialistischen Sumpf zu tun hatte“. Zum Beleg präsentiert die Autorin mancherlei Fakten von historischer Relevanz. Anno 1942, just am Geburtstag Hitlers, stellte der 30jährige Josef Neckermann, „Reichsbeauftragter für Kleidung und verwandte Gebiete“, in der „Wolfsschanze“ bei Rastenburg die neue Winteruniform vor. Hitler, zu Neckermanns Verwunderung im Gesicht geschminkt, zeigte sich zufrieden. Abends im Gästehaus erstaunten Neckermann „die Herren der Schwerindustrie“, die offen davon redeten, der Krieg sei nur mehr durch ein Wunder zu gewinnen. In die Führungsrolle als Textilfachmann war Neckermann nicht zuletzt dank „Arisierung“ jüdischer Unternehmen in der Heimatstadt Würzburg gelangt. Im Juni 1944 lud Rüstungsminister Albert Speer etwa 150 Personen der Rüstungsindustrie zu einer Tagung in Linz, um sie zu weiteren Anstrengungen für den „Endsieg“ zu motivieren. In der ersten Reihe saß Alfried Krupp von Bohlen und Halbach neben SS-Oberführer Hans Kehrl, Chef des Rohstoff- und Planungsamtes. Am Abend lud Speer zu einem Konzert in der Stiftskirche Sankt Florian. Bruckners Vierte sowie ein nächtlicher Imbiß bei Kerzenschein versetzten die Gesellschaft für kurze Zeit in eine bessere Welt, so die Erinnerung von Hans Kehrl. Am 26. Juni wurden die Gäste zum Obersalzberg zu einer Audienz bei Hitler gefahren. Dieser pikierte sein Publikum, indem er ihm den Gedanken einer Umstellung auf Friedenswirtschaft aus dem Sinn schlug. Im Falle einer Niederlage gehe es nur noch um die Umstellung „vom Diesseits aufs Jenseits“ – mit unerfreulichen Alternativen: Selbstmord, Gehängtwerden, Verhungern oder Zwangsarbeit in Sibirien. Mangels Gästeliste sind die Namen aller Teilnehmer nicht belegbar. Der Autorin zufolge war beim letzten öffentlichen Auftritt Hitlers außer den älteren, wilhelminisch geprägten „Wirtschaftsführern“ der gesamte engere Führungszirkel des Rüstungsministeriums versammelt. Einige Namen symbolisierten den Glanz – und die Pleiten – des „Wirtschaftswunders“, wie Neckermann, Nordhoff (VW), Schlieker (Schlieker-Werft Hamburg). Andere betrieben ihre Karrieren mit mehr Diskretion, wie der Statistiker Wolf Wagenführ, der zuerst bei der Gewerkschaft, danach bei der Montanbehörde in Luxemburg reüssierte. Aus „Speers Kindergarten“ (A. Hitler) kam Ernst Wolf Mommsen, der als Vorstandschef bei Krupp Speer bei dessen Entlassung aus Spandau 1965 (nicht 1963!) mit einem schwarzen Mercedes abholen ließ. Über seine Position bei Krupp gelangte Mommsen als Staatssekretär ins Bonner Verteidigungsministerium. Hier fehlt der Hinweis auf den SPD-Dienstherrn Helmut Schmidt. Karl-Maria Hettlage, Leiter der Finanz- und Wirt-schaftsabteilung bei Speer, avancierte in der Ära Adenauer zum Staatssekretär im Finanzministerium. Das von Hitler angekündigte Ende ereilte bei Kriegsende wenige. Als Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg angeklagt, traf es Alfried Krupp – sein Sohn büßte für ihn die Strafe ab –, August Thyssen, der sich 1938 von Hitler losgesagt hatte und 1941 ins KZ gekommen war, und Friedrich Flick am härtesten, bis der Kalte Krieg die US-Besatzungsmacht gnädiger stimmte. Flick hatte 1944 eine Karte mit den künftigen Besatzungszonen zu sehen bekommen und den Firmensitz von Berlin nach Düsseldorf verlegt. Schon aus seiner Zelle in Landsberg heraus konnte er mit den Bankiers Robert Pferdmenges und Hermann Josef Abs als Treuhändern über die Restbestände seines Imperiums in der Westzone disponieren. Am Tag der Währungsreform verfügte Flick bereits wieder über 100 Millionen Mark. Die meisten anderen Führungskräfte der Kriegswirtschaft fanden sich 1945 in den Internierungslagern wieder. „Im Revier haben sie alle gesessen. Das hat keiner dem anderen übelgenommen“, bemerkte Johanna von Bennigsen-Foerder, die Witwe des Chefs der VEBA, des ehedem größten Energiekonzerns. In den Lagern wurden die „Netzwerke“ geknüpft, die sich in den Aufbaujahren bewährten. Berthold Beitz, Generaldirektor bei Krupp, als Judenretter unbelastet und wegen seiner Ostkontakte hochgeschätzt, erinnerte sich an sein Erstaunen über die Bedeutung von Jagdpartien: „Da saßen alle Herren am Kamin und unterhielten sich. Sie verteilten die Aufsichtsratsposten unter sich. Die Rekonstruktion der Stahl- und Kohleindustrie – das machten die alles bei der Jagd.“ Neckermann, der ein Jahr in Dachau und im Zuchthaus Ebrach absaß, zog nach dem Zusammenbruch seines Unternehmens das meist als kleinbürgerlich geltende Resümee: „Ohne Beziehungen ist man in dieser Welt ein Dreck.“ Die Analyse der ökonomischen und politischen Bedingungen des „Wunders“ fällt gegenüber den biographischen Erzählungen knapp aus. Zu Recht betont Grunenberg die relativ günstigen Ausgangsbedingungen. Ungeachtet aller Kriegszerstörungen waren die Produktionsanlagen nur zu einem Drittel zerstört, den Bergbau unter Tage im Ruhrgebiet konnten alliierte Bomben nicht treffen. Im Jahre 1948 lag der Bestand der westdeutschen Industrie noch elf Prozent über dem von 1936. Mit der Einrichtung der Bizone (1. Januar 1947) wurde ein hinreichend großer Wirtschaftsraum geschaffen, die Währungsreform (20. Juni 1948) beseitigte den Schwarzmarkt und bildete die Grundlage der von Ludwig Erhard verfochtenen „sozialen Marktwirtschaft“, das heißt eines „sozial“ modifizierten, von Kartellen befreiten Wirtschaftsliberalismus. Die Bedeutung des Marshall-Plans als Anschubfinanzierung in eher bescheidenem Umfang wird auf seine psychologische Funktion zurückgestuft. Der Durchbruch zu stetig steigenden Wachstumsraten gelang erst mit dem Korea-Boom. Die Amerikaner brauchten wieder Eisen und Stahl für die Rüstung. Die Exportschranken für die westdeutsche Industrie fielen zusammen mit Beschränkungen aller als kriegstauglich erachteten Produktion. Daß die alles entscheidende weltpolitische Rahmenbedingung für das westdeutsche „Wunder“, der Zerfall der Siegerkoalition, nur indirekt benannt wird, ist vielleicht kein Zufall. Die Zweckmoral der Kriegskoalition könnte den von der Autorin beklagten Mangel an Moral bei den „Wundertätern“ realpolitisch relativieren. Ihre spezifische Aversion gilt Figuren wie dem alten Flick, der sich in Nürnberg und später gegenüber Hochkommissar John McCloy völlig unbußfertig zeigte. Anders das Reuebekenntnis des Enkels: „Der Name Flick hallt in dem Dreiklang: Drittes Reich, Zwangsarbeit, Flick-Affäre.“ Immerhin hielten eine Anzahl der vorgestellten „Wundertäter“ zum NS-Regime Distanz, unter ihnen Hermann Reusch (Gutehoffnungshütte), Robert Pferdmenges, Ernst von Siemens, selbst Hermann Josef Abs. Der nach 1947 im Bergbau führende Heinrich Kost war im Gefolge des 20. Juli zum Tode verurteilt worden. Hans Walz, Erfinder der Zündkerze, war SS-Mitglied, finanzierte jedoch als Kopf des Boschkreises die Widerstandsaktivitäten Carl von Goerdelers. Wilhelm Zangen, Generaldirektor bei Mannesmann mit Führungsrang bei Speer, finanzierte seit 1942 das private Institut für Industrieforschung des NS-Gegners Ludwig Erhard. In den Jahren des „Wunders“ galt Erfolg als Maßstab der Moral. Er schuf die materielle Basis für die Hyper- und Scheinmoral, die Jahrzehnte nach dem Ende des NS-Nihilismus zur deutschen Nemesis zu werden droht. Ihr Erscheinen signalisierte 1960 Hans Magnus Enzensberger mit einem Zeit-Essay über den Neckermann-Katalog: „Unsere kleinbürgerliche Hölle“. Nicht zufällig fällt das Fazit des gut lesbaren Buches – über Anleihen beim Jargon („Speers Mantra“), Peinlichkeiten („Bodo Marquardt“; „schizophrene Bewußtseinsspaltung“) sowie Lücken im biographischen Lexikon („Die Wundertäter von A–Z“) sei hinweggesehen – bescheiden aus: „Ein Rezept für die Lösung der heutigen Krise ist daraus nicht abzulesen. Eines jedoch darf man aus dieser Geschichte lernen: Auch Wunder müssen gemacht werden.“ Eine Voraussetzung wäre die Befreiung aus politisch korrekten Denkschablonen. Fotos: Alfried Krupp (links) und Direktoren, Villa Hügel 1957: „Im Revier haben sie alle gesessen. Das hat keiner dem anderen übelgenommen.“; Hermann Josef Abs (2.v.r.), unterzeichnet 1953 in London das Auslandsschulden-Abkommen: Erfolg als Maßstab der Moral Nina Grunenberg: Die Wundertäter. Netzwerke der deutschen Wirtschaft 1942 bis 1966. Siedler Verlag, München 2006, gebunden, 317 Seiten, Abbildungen, 22,95 Euro

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