Vom Mausoleum bis zum Kaufhaus

Kunsthistorisches Augenmerk zieht 2006 – neben Rembrandt, Picasso und Cézanne – vor allem Karl Friedrich Schinkel (1781-1841) auf sich. Trotz Weinbrenner, Klenze, Semper ragt Schinkel als der Architekt des 19. Jahrhunderts hervor, als genialer Baumeister in Preußen, ja dessen Universalkünstler gar. Von delikaten Miniaturformen bis zum Monumentalprojekt löste der Zeichner, Maler, Bühnenbildner, Architekt, Stadtplaner, Denkmalpfleger, Raumausstatter und Dekorateur jede gestalterische Aufgabe seiner Zeit, einschließlich utopischer Architekturvisionen, die Papier blieben. Was er realisierte, wirkte hingegen epochal, so die Berliner Hauptwerke der Neuen Wache (1818), des Schauspielhauses (1821), der Schloßbrücke (1824), des Museums und der Werderschen Kirche (1830), der Bauakademie (1836). Schinkel hat in ganz Deutschland Spuren hinterlassen, die Hauptstadt aber direkt geprägt – bis heute. Der gebürtige Neuruppiner lebte seit 1794 in Berlin, wo er künstlerisch ausgebildet wurde. Nach seinem ersten Italienaufenthalt (1803-05) und dem Zusammenbruch des preußischen Staates (1806) wandte er sich ganz der Malerei zu. So entstanden in den folgenden zehn Jahren neben den romantischen Ölbildern jene berühmten Panoramen und Dioramen, deren effektvoll inszenierte, exotische Fernen und dramatische Plots als Publikumsrenner Furore machten. Erst nach 1815 kamen die großen Bauaufträge. Gleichzeitig machte Schinkel Karriere in der Bauverwaltung, deren oberster Chef er 1839 wurde. Zahlreiche Anregungen erhielt er auf seinen Reisen in Italien, Frankreich und England. Dort schreckte ihn der nackte Funktionalismus moderner Fabrikbauten ab. Doch verschloß er sich den neuen Bauaufgaben, Techniken und Konstruktionsprinzipien nicht. Sie beeinflußten auch die frühmoderne Bauakademie. Schinkel starb 1841 in Berlin. Die Krisenzeit provozierte schöpferische Antworten Schinkels Epochenschicksal und Begabung sind miteinander verknüpft. Mächte und Ereignisse bestimmten die sieben Faktoren, aus denen sich sein Wesen aufbaut. Die Krisenzeit verwirrte – und provozierte schöpferische Antworten zugleich. 1. Klassizismus: Schinkel trat in die blühende Tradition des nachbarocken, deutschen Klassizismus ein. Nach älteren friderizianischen Anregungen hatte die Generation der Gontard, Langhans, Erdmannsdorff die klassizistische Formensprache bereits voll entfaltet. 2. Revolutionsarchitektur: Die „franko-preußische Schule“ bildet in diesem Vorgang eine dritte Periode um 1800. Ihre bizarre Phantasie bringt bei Gentz und den beiden Gillys Bauglieder von wuchtiger Gedrungenheit hervor und führt zur Verblockung der ganzen Bauform. Die einzigartige Mischung von radikaler Vereinfachung, düsterer Monumentalität und archaischer Körperlichkeit hat nicht nur Schinkel fasziniert, sondern später auch Moeller van den Bruck, für den „preußischer Stil“ hier triumphierte. 3. Romantik: Das Einheitsstreben und der Sinn für geschichtliche Individualität prägten Schinkel tief. Als Antwort auf das neuzeitliche Europa mit seinen Entzweiungen drängen die Romantiker zur Synthese, zumal in Deutschland. Konfrontiert mit den ästhetischen Modellen: Gotik und Klassik, arbeitet Schinkel mit beiden schöpferisch und will sie versöhnen. All seine Projekte beziehen Architektur, Landschaft und Geschichte eng aufeinander und erstreben eine harmonische Totalität. 4. Nationalismus: In den Jahren 1806 bis 1820 „codieren“ Gotik und christliches Mittelalter die religiösen und politischen Aspekte eines neuen Gemeinschaftsgefühls. In diese Richtung zielen Schinkels visionäre Dombilder, sein Mausoleum für Königin Luise und sein utopisches Kathedralprojekt als Denkmal der Befreiungskriege, das als prophetischer Architekturmythos die Nation symbolisch und rituell vereinen soll. 5. Humanitätsgedanke: Die Entscheidung für den Klassizismus nach 1815, zumal beim Theaterhaus und Museum, entspringt dem idealistischen Programm des bürgerlichen Humanismus und seiner Bildungsidee: ästhetische Erziehung des Menschengeschlechts nach dem Vorbild der Griechen. 6. Denkmalpflege: Zerstörung durch Revolution, Säkularisierung und Krieg sensibilisierten für das kulturelle Erbe, das es zu erhalten galt. So ist Schinkel seit 1815 konzeptionell, praktisch, organisatorisch als Denkmalschützer hervorgetreten und hat wichtige Anstöße gegeben zum Erhalt der Marienburg oder dem Wiederaufbau des Kölner Doms. 7. Neues Bauen: Massengesellschaft, Industrie und Technik evozierten neue Bauaufgaben und konstruktive Möglichkeiten; sie revolutionierten das Bauwesen. Schinkel verarbeitete diese Anstöße in Zweckbauten wie dem Berliner Packhof, dem Skelettsystem und Rasterprinzip seiner Bauschule, der Verwendung des Eisengusses oder in Entwürfen neuartiger Kaufhäuser. Schinkels 225. Geburtstag inspiriert 2006 zahlreiche Initiativen. Den Beginn machte die Fachtagung: „Zwischen Neugotik und Klassizismus – Wege zu einer patriotischen Baukunst“, veranstaltet an der Berliner Akademie der Wissenschaften vom 2. bis 4. März. Sie hat die ästhetischen Programme und Stilformen der Klassik und Gotik als wechselvolle Codierung unterschiedlichster Zeitimpulse und sozialer Gruppen durchdekliniert. Zur 750-Jahrfeier begründet Neuruppin den Schinkelpreis Weiterer Höhepunkt: das Neuruppiner Schinkelfest am 13. März. Dort wurde der neugeschaffene, große Schinkelpreis dem Kunsthistorikerehepaar Eva und Helmut Börsch-Supan verliehen. Anläßlich des Gedenktags und im Rahmen ihrer 750-Jahrfeier begründet die märkische Stadt den mit 5.000 Euro dotierten Preis, der künftig alle fünf Jahre ausgelobt wird. Er löst die undotierte Ehrung der Schinkel-Gesellschaft (seit 1996) ab, die Personen und Einrichtungen für denkmalpflegerisches Engagement auszeichnete. Als konvertierter Förderpreis soll diese nun in Zukunft mit dem kommunalen Schinkelpreis alternieren. Eva und Helmut Börsch-Supan, zwei international renommierte Kunsthistoriker, wurden geehrt für ihr Gesamtwerk, ihr vielfältiges Verdienst um Schinkel, dessen Rezeption und die preußische Kunst. Sie ist als Architekturspezialistin tiefgründige Kennerin Schinkels und seiner Schüler, zumal Persius und Stüler; engagiert hat sie in aktuelle Debatten, so um das Neue Museum, eingegriffen. Ihr Mann amtierte 1973-95 als Direktor der Preußischen Schlösser und Gärten und wirkte als Professor an der FU. Seitdem ist er Herausgeber des monumentalen Schinkel-Werks (begr. 1939), dessen enzyklopädische Kataloge und Monographien das Œuvre des preußischen Genies systematisch erschließen. In diesem Jahr erscheint der 19. Band. Helmut Börsch-Supans bedeutende Publikationen galten Caspar David Friedrich, der Kunst in Brandenburg-Preußen und den hiesigen Schlössern; gemeinsam verantwortet das Ehepaar den Reclamkunstführer Berlin. Schinkel wird 2006 auch im Focus der Dachkampagne „Horizonte – Kulturland Brandenburg 2006 – Baukultur“ ( www.kulturland-brandenburg.de ) stehen und Gegenstand mehrerer Ausstellungen sein, vor allem ab 19. Mai der Landesausstellung „Schinkel – Künstler. Preuße. Brandenburger“ im Potsdamer Haus der Geschichte ( www.hbpg.de ). Foto: Schinkel-Denkmal vor der Friedrichwerderschen Kirche in Berlin

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