Was ist mit dem Rechner?

Wer programmiert den Hauptrechner?“ Die Sache ließ dem Mann einfach keine Ruhe, bereits zum zweiten Mal meldete er sich in der Diskussion zu Wort. Sein leicht verschwurbelter Beitrag mündete letztlich in die Aussage, daß es angesichts des Abschneidens rechter Parteien bei Wahlen hierzulande doch unmöglich mit rechten Dingen zugehen könne. Deshalb müsse er nochmals die Frage stellen: „Wer programmiert den Hauptrechner? Weiß irgend jemand, wer den Hauptrechner programmiert?“ Es klang wie das Mantra so vieler Verschwörungsgläubigen: Folge der Spur des Geldes. Und es war nicht der einzige denkwürdige Auftritt an diesem Abend in einem Kreis von etwa 120 Zuhörern, die gekommen waren, um einem Vortrag Franz Schönhubers zu lauschen. Der inzwischen 82jährige ehemalige Republikaner-Vorsitzende und Europaabgeordnete referierte in Berlin-Schmargendorf beim „Dienstagsgespräch“ – das nach seinem Selbstverständnis politisch unabhängig ist und auch auf unkonventionelle Meinungen Wert legt – zum Thema „Die politische Klasse und ihre Medien – ein System am Ende?“ Die Frage stellen heißt, sie zu beantworten. Nur: Wer diese Frage diesem Redner so vorgibt, will in aller Regel keine Antwort, sondern sucht Bestätigung. Und Franz Schönhuber ist lange genug im Geschäft, um zu wissen, wie man die Erwartungen eines Publikums bedient. Natürlich sei der Parlamentarismus in seiner heutigen Form am Ende, gab er gleich zu Beginn seiner Rede die Richtung vor – um in der darauffolgenden Dreiviertelstunde nicht von diesem einmal eingeschlagenen Pfad abzuweichen. Die Zuhörer, darunter zahlreiche ehemalige und noch aktive Republikaner-Funktionäre, dankten es ihm mit gefälligem Applaus. Ebenfalls unter den Gästen saßen der NPD-Vorsitzende Udo Voigt sowie dessen persönlicher Referent Thomas Wulff. Der 42jährige war Chef der 1995 verbotenen „Nationalen Liste“ in Hamburg und gilt heute bundesweit als einer der wichtigsten Exponenten der „Freien Kameradschaften“. Mitte September vorigen Jahres trat er zusammen mit den Nationalisten Thorsten Heise und Ralph Tegethoff der NPD bei (JF 41/04). In der auf den Schönhuber-Vortrag folgenden Diskussion ergriff auch Wulff gleich zweimal das Wort („Kamerad Schönhuber!“), um eine Lanze für die „Kameradschaften“ zu brechen. Schließlich bat der Versammlungsleiter und Initiator des bereits 1991 gegründeten „Dienstagsgesprächs“, Hans-Ulrich Pieper, NPD-Chef Voigt ans Mikrofon. Dankbar nutzte der ehemalige Berufssoldat die Gelegenheit, aus dem Stegreif eine zackige Wahlkampfrede zu halten, die zwar wenig Neues und Konkretes enthielt, trotzdem aber mit starkem Beifall bedacht wurde. Die Frage, wer den Hauptrechner beim Bundeswahlleiter programmiert, konnte allerdings auch Udo Voigt nicht beantworten.

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